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Analyse der BerichterstattungUnser Bild von Gaza

7 min

Ein Fahrzeug der Vereinten Nationen in Gaza.

Drastische Zerstörungen, verletzte und hungernde Menschen – Bilder, die uns aus Gaza erreichen, schockieren. Wie aber kommen Fotos und Situationsbeschreibungen zustande?

Trotz des Waffenstillstands ist es schwierig, unabhängige Informationen und Bilder aus Gaza zu bekommen. Auch die Rundschau berichtet regelmäßig über das Geschehen in dem Gebiet mit katastrophaler Sicherheitslage. Die Berichte kommen meist von der Deutschen Presse-Agentur (dpa) und der Agence France Presse (AFP). Wie aber gelangen diese und andere Medien an Hintergründe und Material, um die Lage in den palästinensischen Gebieten glaubwürdig zu beschreiben?

Seit dem Anschlag der palästinensischen Terrororganisation Hamas auf ein Musikfestival in Israel am 7. Oktober 2023 ist der Gaza-Streifen von Israel faktisch abgeriegelt worden. Im Gegensatz zu vielen anderen kriegerischen Auseinandersetzungen sind internationale Journalistinnen und Journalisten nicht zugelassen. Israel beharrt darauf, dass Medienvertreter aus dem Ausland nicht in diesem Gebiet arbeiten dürfen. Das oberste Gericht des Landes hatte eigentlich schon entschieden, dass das rechtlich nicht haltbar ist. Die israelische Regierung aber spielt auf Zeit, lässt gerichtliche Fristen immer wieder verstreichen. Die Folge ist eine nach wie vor eingeschränkte Möglichkeit zur Berichterstattung.

Angewiesen auf lokale Journalisten

„Infolgedessen sind wir vollständig auf die Arbeit lokaler Journalisten angewiesen“, heißt es vom AFP-Chefredakteur für die Region Naher und Mittlerer Osten, Christian Otten. Gegenüber der Rundschau erklärte er, dass diese Kolleginnen und Kollegen vor Ort „bemerkenswerte Arbeit leisten“. Aber natürlich sei es in Kriegszeiten manchmal „äußerst schwierig, jede Information einzeln zu überprüfen“.

Desinformation gehört zu den Mitteln hybrider Kriegsführung, auch im Konflikt zwischen Gaza und Israel. Die Nachrichten, über die die internationale Öffentlichkeit die Entwicklung der Situation wahrnimmt, prägen die Stimmung nicht nur bei der Bevölkerung weltweit, sondern auch die der politischen Entscheidungsträger. Beide am Konflikt beteiligten Seiten haben großes Interesse daran, diese Nachrichten nach ihren Überzeugungen zu beeinflussen, vielleicht auch zu manipulieren.

Gerade deshalb wird auch in Deutschland viel darüber diskutiert, ob womöglich einheimische Journalisten aus Gaza berichten, die zumindest Sympathien für die Terrororganisation Hamas haben, vielleicht sogar Mitglied oder aktive Kämpfer dort sind, sich aber zumindest den Restriktionen vor Ort nicht entziehen können. Schlagzeilen hatte vor einigen Monaten ein Fall beim ZDF gemacht. In Gaza hatte das ZDF mit der Produktionsfirma PMP kooperiert. Die israelische Armee hatte nach dem Tod eines Technikers, der für PMP gearbeitet hatte, Dokumente vorgelegt, nach denen dieser Mitglied in der Terrororganisation Hamas gewesen war.

ZDF hat Regeln überarbeitet

Das ZDF hat diesen Fall zum Anlass genommen, seine Regeln für die Gaza-Berichterstattung umfassend zu überarbeiten. Sicherheitsstandards seien überprüft und verschärft worden, heißt es von dem Sender. Mitarbeitende von Dienstleistern in Gaza müssten Selbstauskünfte und Verpflichtungserklärungen abgeben sowie Zeugnisse, Lebensläufe und Referenzen vorlegen. Auch Social-Media-Profile würden gecheckt. Zusätzlich will das ZDF ein Konzept für systematische Background-Checks erarbeiten, bei denen auch externe Experten einbezogen werden, um Risiken künftig noch besser zu begegnen.

„Wir prüfen unsere Quellen immer, auch in Gaza“, erläuterte Thomas Reichart, Studioleiter des ZDF in Tel Aviv, im Interview mit der Rundschau: „Wir ordnen sie ein, machen Gegenchecks und erst dann machen wir daraus unsere Stücke. Wir übernehmen nicht einfach ungeprüft Material.“ Für solche Überprüfungen habe man unter anderem einen arabischen Mitarbeiter und Menschen mit Ortskenntnis in Gaza, die Informationen und Bilder einordnen könnten.

Ähnlich handeln auch andere Medienredaktionen. Von der ARD heißt es, dass das zuständige Studio in Tel Aviv „mit wenigen Einzelpersonen im Gazastreifen“ zusammenarbeite. Die Überprüfung der Mitarbeitenden vor Ort hinsichtlich einer möglichen Nähe zu Terrororganisationen sei ein laufender Prozess, der nach dem 7. Oktober 2023 nochmals intensiviert worden sei. In einer Reihe von persönlichen Gesprächen und früheren Begegnungen vor dem 7. Oktober hätten alle gegenüber verantwortlichen ARD-Mitarbeitern glaubhaft gemacht, dass keine Nähe zu Terrororganisationen bestehe. „Sie haben dies aktuell jeweils noch einmal versichert“, betont Diana Schardt von der Pressestelle des Bayerischen Rundfunks, der für die Berichterstattung aus Israel und Gaza innerhalb der ARD zuständig ist.

Das ARD-Studio in Tel Aviv fordere von aktuellen und künftigen Mitarbeitern oder Zulieferern, dass diese alle ihre Social Media Accounts offenlegen, so Schardt: „Diese werden vom Studio fortlaufend geprüft.“ Jede dem Studio bekanntwerdende Rechtfertigung von Terror führe automatisch zur Trennung. Zudem überprüfe man sämtliches Material „nach strengen journalistischen Kriterien“ und ziehe Quellen wie internationale Hilfsorganisationen hinzu.

In der Kölner Zentrale von RTL und NTV räumte eine Sprecherin auf Anfrage ein, dass es „kaum möglich“ sei, sich selbst ein umfassendes Bild von der Lage in Gaza zu machen. Neben der Nutzung von Agenturmaterial arbeite man „punktuell“ mit „freien, vertrauenswürdigen Kontakten zusammen, die wir seit Jahren kennen“. Ergänzend verschaffe man sich durch weitere Recherchen, den Abgleich verschiedener Quellen und interne Verifizierungsprozesse ein möglichst umfassendes Gesamtbild.

Auch bei der Deutschen Presse Agentur (DPA) ist man sich bewusst darüber, dass wie in anderen Konflikten alle Quellen im Gaza-Krieg oft zugleich Konfliktparteien seien. „Informationen, die wir aus diesen Quellen erhalten, ordnen wir daher stets konkret zu“, heißt es auf Anfrage: „Publiziert eine der Kriegsparteien etwa eine wichtige Information, ein Foto oder ein Video zum Kriegsgeschehen, ohne dass es dafür weitere Quelle gibt, weisen wir darauf konsequent hin.“ Zudem wird häufig das DPA-eigene Verifikationsteam eingebunden.

Generell gelte für die Foto-Berichterstattung aus Gaza, dass die DPA vertrauensvoll mit Partneragenturen zusammenarbeite, die hohen journalistischen Standards verpflichtet seien. Dazu zähle beispielsweise die US-amerikanische AP. Bevor ein Foto an die Redaktionen gegeben werde, würden die Aufnahmen im Sechs- oder mindestens im Vier-Augenprinzip eingehend überprüft, ob sie für eine Verwendung geeignet sind.

Auch AFP macht im Zweifelsfall darauf aufmerksam, dass Informationen nicht überprüft werden können, da Israel keinen Zugang gewährt. Wenn etwa Opferzahlen von Stellen bereitgestellt werden, die von der Hamas kontrolliert werden, weise man darauf hin, betont Christian Otten.

Genaue Auswahl Freiberufler

Die Agentur arbeitet in Gaza mit etwa einem Dutzend Freiberuflern zusammen, die Texte, Fotos und Videos liefern. In Gaza-Stadt könnten sich diese inzwischen etwas freier bewegen, nachdem dieser Bereich nach dem 7. Oktober mehrfach zur militärischen Sperrzone erklärt worden war. Mit vielen der Freiberufler habe man bereits vor dem Krieg auf Teilzeitbasis zusammenarbeitet, deshalb kenne man ihre Arbeit und vertraue ihnen, so Otten: „Sie arbeiten in Abstimmung mit unseren Journalisten, die früher in Gaza tätig waren und die lokale Journalistenszene genau kennen.“

Wenn AFP den Verdacht hätte, dass jemand von den zuliefernden Journalisten Hamas-Anhänger sei, würde man ihn „natürlich nicht einstellen“. „Wir veröffentlichen nicht einfach Bilder von beliebigen freien Mitarbeitern“, so der Chefredakteur. Bei neuen Mitarbeitenden werde eine umfassende Recherche in sozialen Medien durchgeführt, um Anzeichen für eine Voreingenommenheit zu finden. Als Beispiel nannte er den Fall eines Journalisten, der für AFP auch interessant war, weil er eine Drohne besitzt. Seine Beiträge im Internet deuteten aber darauf hin, dass er mit der Hamas sympathisiert. Deshalb habe man beschlossen, mit ihm nicht zusammenzuarbeiten.

Gaza ist aber auch für die einheimischen Journalisten ein gefährlicher Ort. Nach einer Erhebung von „Reporter Ohne Grenzen“ (ROG) sind weltweit im vergangenen Jahr 67 Medienschaffende getötet worden - 43 Prozent davon in Gaza. Immer wieder habe es auch gezielte Angriffe der israelischen Armee auf Pressevertreter gegeben. Trotzdem fordert ROG den freien Zugang für internationale Journalisten. Im September 2024 hatte die Vereinigung gemeinsam mit dem Deutschen Journalisten-Verband (DJV) und den Chefs von rund 50 überregionalen Medienunternehmen einen offenen Brief dazu initiiert. Die Verweigerung Israels dauert aber nach wie vor an.

Negativität in der Berichterstattung

Man hoffe nach wie vor darauf, dass bald wieder internationale Journalisten in Gaza zugelassen werden, erklärte Pressereferent Christopher Resch von der deutschen ROG-Zentrale in Berlin. Was die derzeit dort tätigen Mitarbeitenden angeht, sei eine Überprüfung durchaus schwierig: „Das liegt am Krieg und seinen Folgen, an den teils gewaltsamen Einflussnahmen der Hamas, aber auch an der israelischen Medienblockade.“ Dennoch warne man davor, etwa die Diskussion um den ZDF-Dienstleister dazu zu nutzen, die Glaubwürdigkeit der palästinensischen Journalisten anzuzweifeln.

Auf Fragen danach, wie sich die teilweise dramatische Ernährungssituation in Gaza aktuell entwickelt, gab es von den angesprochenen Redaktionen keine genauen Angaben. Bilder von Menschen mit leeren Töpfen an einer Suppenküche wurden verbreitet, die eigentliche Vergabe aber seltener dokumentiert. Der Grund dafür dürfte sein, dass in der Journalismus-Ausbildung der Auswahlfaktor der Negativität für Nachrichten immer noch als einer der relevantesten gilt.

Berichte über positive Aspekte, etwa den Betrieb von Restaurants im nicht zerstörten Teil Gazas, gibt es eher selten. Ein umfassendes Bild der Lage entsteht damit nur bedingt. Das „Bonn Institute“ versucht, mit dem Ansatz des „Konstruktiven Journalismus“ dagegenzuhalten. Dabei geht es nicht darum, allein Positives in den Mittelpunkt zu stellen, sondern eine möglichst vollständige Situationsbeschreibung anzustreben und eben konstruktive Lösungsmöglichkeiten aufzuzeigen. In einer Kriegs-Berichterstattung aber scheint sich eine solche Herangehensweise noch nicht durchgesetzt zu haben.