Im Interview erklärt Thomas Reichart, Studioleiter des ZDF in Tel Aviv, wie der Sender in schwierigen Zeiten an Nachrichtenbilder aus Gaza kommt.
Berichte aus palästinensischen GebietenIsrael erlaubt weiterhin keine internationalen Journalisten in Gaza

Thomas Reichart, Leiter ZDF Studio Tel Aviv.
Copyright: ZDF/Thomas Kierok
Wie äußern sich in der tagesaktuellen Arbeit für das ZDF derzeit die Schwierigkeiten, aus Gaza überhaupt mit Bildern berichten zu können?
Insgesamt ist es ist seit dem 7. Oktober 2023 für uns wahnsinnig schwer, weil Israels Armee nach wie vor keine freie Berichterstattung aus Gaza erlaubt. Sämtliche Klagen, die auf die konkrete Situation auch in unserem Namen beim höchsten Gericht in Israel angestrengt wurden, sind bis jetzt nicht entschieden worden. Das ist wirklich eine schwierige Situation für eine gute und akkurate Berichterstattung. Für uns ist im Moment besonders herausfordernd, weil wir seit Ende Oktober auf die Dienste unseres Dienstleisters, der Produktionsfirma PMP in Gaza, verzichten. Das heißt, wir sind angewiesen auf Agenturmaterial und nutzen gelegentlich auch Videomaterial von internationalen Organisationen, das wir natürlich als Quelle kenntlich machen.
Wie werden die zugelieferten Bilder überprüft, damit man es nicht mit einseitiger Propaganda zum Beispiel der Terrororganisation Hamas zu tun bekommt, die dann durch die Berichterstattung des seriösen ZDF „geadelt“ wird?
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Das ist eine journalistische Aufgabe, die gar nicht so ungewöhnlich ist gegenüber dem, was auch sonst unser Handwerk ist, nämlich Quellen zu prüfen, gegenzuchecken und auf ihre Plausibilität und Authentizität zu prüfen. Wir haben bisher immer sehr nahe und eindrückliche Geschichten aus Gaza erzählen können: Über die Hungersnot dort, über Vertreibungen, über die Lage der Menschen insgesamt.
Wie läuft diese Überprüfung konkret ab?
Bei einer Dokumentation zum zweiten Jahrestag des Hamas-Angriffes ging es unter anderem um eine Mutter, die am Krankenbett ihrer Tochter sitzt. Jana heißt dieses Mädchen in Gaza Stadt. Das Kind ist schwer mangelernährt und unsere damals für Dienstleistungen zuständigen Kollegen bei PMP hatten sie zweimal besucht. Wir konnten die Geschichte von dieser Familie und von Jana gegenchecken mit Berichten des internationalen Kinderhilfswerks Unicef, die selbst die Familie mehrfach besucht hatten. Wir haben das Thema auch überprüft auf Grundlage eines Berichts der IPC-Initiative gegen Hungersnot, die just zu dieser Zeit in Gaza Stadt eine Hungersnot festgestellt hat. Und wir haben es gegengeprüft mit anderen Materialien, die wir von Agenturen und von UN-Organisationen erhalten haben, in denen insbesondere das Schicksal von Kindern mit Mangelernährung thematisiert wurde. Dazu gehören zum Beispiel Ärzte ohne Grenzen oder das World Food Programme. Wir prüfen unsere Quellen immer, auch in Gaza. Wir ordnen sie ein, machen Gegenchecks und erst dann machen wir daraus unsere Stücke. Wir übernehmen nicht einfach ungeprüft Material.
Wie ist das Team aufgestellt, das diese Verifikationen sachkundig wahrnimmt?
Wir haben im Studio Tel Aviv einen arabischen Producer und Leute mit Ortskenntnis, die das einordnen können. Wir haben in Mainz einen Recherchedesk, der Videomaterial einordnen und prüfen kann, ob es verändert wurde. Also haben wir eine ganze Reihe von Überprüfungsmechanismen, mit deren Hilfe wir mit dem Material sehr sorgfältig umgehen. Wir würden aber gerne wieder eigenständig aus Gaza berichten. Bisher sind wir auf Zulieferungen von Agenturen und anderen Organisationen angewiesen, weil wir selbst nicht dorthin kommen. Das hat es so in keinem der Kriege der letzten Jahrzehnte gegeben, dass Berichterstatter nicht selbst dort sein können. Israels Armee verweigert konsequent den Zugang für die freie internationale Presse. Die einzige Möglichkeit ist, dass wir „embedded“ mit Israels Armee reinkommen. Dafür muss man aber erst einmal ein Zeitfenster bekommen. Und dann wird natürlich das, was man in Begleitung der israelischen Armee überhaupt zu sehen bekommt, streng reglementiert.
Sie haben sich vom Dienstleister PMP getrennt, sind aber weiterhin auf andere Zulieferer angewiesen. Wie lässt sich sicherstellen, dass diese nicht auch eine Nähe zur Hamas haben?
In Bezug auf Gaza gibt es bei uns Überprüfungsmechanismen, die wir auch für uns neu in rigider Weise aufsetzen und weiterentwickeln. Zusätzlich zu strengeren internen Prüfvorgaben, wird beispielsweise die Beauftragung externer Sicherheitsfirmen evaluiert die Mitarbeiter von Produktionsfirmen wie auch Ortskräfte regelmäßig überprüfen könnten. Das betrifft z.B. Social Media-Analysen, geht aber auch darüber hinaus. Diese Mechanismen geben zumindest eine hinreichende Sicherheit, dass man nicht mit den Leuten zusammenarbeitet, die zum Beispiel Mitglied der Hamas oder von al-Qassam sind. In unserem Fall war es so, dass die israelische Armee bei der Einnahme des Hamas-Hauptquartiers eine Art Mitgliedskartei gefunden hat. Ein Fernsehtechniker unseres Produktionsdienstleisters PMP war damals verantwortlich für die Übertragung Satellitenübertragung. Wir hatten keinen Kontakt mit ihm und er hatte auch keinerlei Einfluss auf die redaktionellen oder inhaltlichen Beiträge. Es war auch nicht so, dass wir Story-Ideen oder Hinweise von unserem Dienstleister in Gaza aufgenommen haben, sondern wir haben konkrete journalistische Aufträge formuliert, die dann mit den Fragen, die wir ihnen geschickt haben, umgesetzt wurden. Wir sind der Ansicht, dass unsere Gaza-Berichterstattung in Gänze nicht in Frage steht. Diese Firma hat in den insgesamt fast 30 Jahren, in denen wir, das ZDF, mit ihnen zusammengearbeitet haben, immer wieder deutlich gemacht hat, dass sie gerade nicht auf Seiten der Hamas steht.
Wie begründen Sie das?
Zu Beginn des Krieges im Oktober 2023 gab es zum Beispiel eine Explosion bei einem Krankenhaus in Gaza Stadt. Die Hamas hat sofort erklärt, das sei ein israelischer Raketenangriff gewesen, sprach von über 400 Toten und erhob schwere Vorwürfe gegen Israels Armee. Unser Dienstleister PMP war vor Ort, hat sich alles angeguckt, uns angerufen und gesagt: Das kann nicht Israels Armee gewesen sein. Das sieht nach einem Blindgänger der al-Qassam oder des Islamischen Dschihad aus. Andere haben berichtet, es sei ein israelischer Luftangriff gewesen. Wir haben dagegen dank unserer dortigen Kollegen davon gesprochen, dass es möglicherweise ein Blindgänger war. Israels Armee haben wir in diesem Fall zu keinem Zeitpunkt beschuldigt, was richtig war. Im späteren Verlauf des Gazakrieges gab es Proteste gegen die Hamas im Norden Gazas. Auch da haben wir Bildmaterial von unserem Dienstleister bekommen, ebenso von Folterungen und Erschießungen durch die Hamas. Deshalb hatten wir nicht den Eindruck, dass PMP der Hamas nahestand. Trotzdem gab es offenbar diesen einen problematischen Fernsehtechniker. Aber noch einmal: Der hatte keinen Einfluss auf das, was wir inhaltlich bestellt haben, geschweige denn Einfluss darauf, was wir inhaltlich mit dem zugelieferten Material gemacht haben.
Trotzdem gab es Ihre Trennung von der örtlichen Produktionsfirma PMP, und es mussten ja neue gefunden werden.
Ja, wir haben uns von dem Dienstleister getrennt, weil es einfach ein sehr schwerwiegender Vorwurf war, der von Israels Armee kam. Wir wollten uns daher die Zeit und die Ruhe nehmen, das zu prüfen und zu überlegen, wie wir weiter vorgehen. Insgesamt geht es darum, unsere Sicherheitsmaßnahmen neu aufzusetzen und sicherzugehen, dass wir eben nicht mit Firmen zusammenarbeiten, die in ihren Reihen, wo auch immer, Hamas-Mitglieder haben.
Haben Sie denn Hoffnung, dass Sie und andere Medienvertreter bald wieder für eine unabhängige Berichterstattung nach Gaza gelassen werden?
Ich gebe die Hoffnung nicht auf. Aber die Verlängerung hat den Effekt, dass alle internationalen Medien keinen Zugang haben. Ich denke, es ist höchste Zeit, dass wir die Möglichkeit haben, mit eigenen Augen und Ohren dort zu hören und zu sehen, wie die Lage ist und darüber dann professionell und gut zu berichten.
Vielen Dank für das Gespräch.
