„An den ersten Tagen der Spiele war eine unglaublich schöne Atmosphäre im Olympischen Dorf. Es war überall regelrechte Party-Stimmung“, erinnert sich Dieter Büttner (73), deutscher Starter über die 400 Meter Hürden bei den Olympischen Spielen in München 72. „Im Bavaria Club versammelten sich jeden Abend die Lokal-Größen der Schwabinger Ausgehszene. Zusammen mit Freunden, die ich ohne Probleme mit aufs Olympia-Gelände nehmen konnte, war ich auch ein paar Mal dort. Es war toll“, begeistert sich der in Celle geborene Wahl-Euskirchener noch heute.
Strenge Sicherheitsvorkehrungen und intensive Kontrollen hätte es ja bewusst nicht gegeben, weil Deutschland sich offen zeigen wollte, so der damals für Bayer 04 Leverkusen startende Hürdenläufer weiter. „Durch meinen Sturz im Halbfinale war ich früh ausgeschieden und musste mich nicht mehr schonen. Ich kann mich noch gut erinnern, wie wir die Hochsprung-Gold-Medaille von Ulrike Meyfarth am Tag vor dem Attentat ausgelassen gefeiert haben.“
Das Attentat von München 1972

Ein vermummter arabischer Terrorist zeigt sich auf dem Balkon des israelischen Mannschaftsquartiers im Olympischen Dorf der Sommerspiele.
Copyright: picture alliance/dpa
5. September 1972, 4.10 Uhr: Acht Mitglieder der palästinensischen Terrororganisation „Schwarzer September“ klettern über einen Zaun in das Olympische Dorf.
4.35 Uhr: Die Terroristen dringen in das ungesicherte Haus der israelischen Olympiamannschaft in der Connollystraße 31 ein und nehmen elf Geiseln.
4.52 Uhr: Mosche Weinberg wird beim Fluchtversuch erschossen. Josef Romano wird angeschossen und erliegt nach etwa zwei Stunden seinen Verletzungen.
5.21 Uhr: Polizei, Organisationskomitee und Rettungsdienst werden alarmiert.
6.40 Uhr: Walther Tröger, Bürgermeister des Olympischen Dorfes, und Willi Daume, Präsident des Nationalen Olympischen Komitees (NOK), gehen zum Tatort (Haus 31), um zu verhandeln. Das Gelände wird abgeriegelt. Die Terroristen verlangen bis 9 Uhr Freilassung und freies Geleit für 328 inhaftierte Gesinnungsgenossen, darunter Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Ulrike Meinhof.
10 Uhr: Der Krisenstab mit Bundesinnenminister Hans-Dietrich Genscher handelt Verlängerungen des Ultimatums aus. Tröger und Genscher, der auch Vizepräsident des NOK ist, bieten sich vergeblich als Ersatzgeiseln an.
20.30 Uhr: Mit den Terroristen wird vereinbart, dass sie mit ihren neun Geiseln durch Hubschrauber zum nahe gelegenen Fliegerhorst Fürstenfeldbruck ausgeflogen und die Scharfschützen abgezogen werden.
22.18 Uhr: Die Hubschrauber starten zum Militärflugplatz, auf dem eine Boeing 727 bereitsteht.
22.33 Uhr: Polizisten, die als Besatzung verkleidet sind, sollen die Terroristen im Flugzeug überwältigen. Die Freiwilligen brechen den Einsatz ab. Als die Attentäter die Boeing leer vorfinden und zurückkehren, eröffnen fünf Scharfschützen auf acht – anstatt wie gedacht fünf Terroristen – das Feuer. Drei davon sterben sowie ein Polizist.
23 Uhr: Am Haupteingang des Flugplatzes , der von Tausenden Schaulustigen belagert wird, erscheint Ludwig Pollack, Pressemitarbeiter des NOK. Er sagt fälschlicherweise, die Geiseln seien freigelassen und vier Terroristen getötet worden. Regierungssprecher Conrad Ahlers verkündet etwas später die Aktion sei „glücklich und gut verlaufen“.
6. September, 0.10 Uhr: Ein Terrorist eröffnet das Feuer auf die Geiseln im ersten Hubschrauber. Anschließend springt er heraus und wirft eine Handgranate hinein, durch deren Explosion alle vier Geiseln im Hubschrauber umkommen. Die anderen fünf Geiseln im zweiten Hubschrauber werden während des Kampfes ebenfalls getötet.
1.32 Uhr: Das Schießen und die Suche nach flüchtigen Terroristen wird eingestellt.
2.40 Uhr: Olympia-Sprecher Klein teilt die schreckliche Bilanz der missglückten Befreiungsaktion mit: Drei Terroristen wurden festgenommen, fünf tot aufgefunden, alle neun israelischen Geiseln waren tot. (dhi)
Am Morgen des 5. September 1972 kurz nach 4 Uhr änderte sich diese fröhliche Stimmung der Spiele dann schlagartig. Eine palästinensische Terrorgruppe namens „Schwarzer September“drang in das Olympische Dorf ein und nahm israelische Sportler als Geiseln. Kurze Zeit später gab es bereits die ersten Toten (siehe Kasten). „Wir wurden gegen 5 Uhr durch mehrere Knallgeräusche geweckt, wussten aber nicht, was los war“, erinnert sich Jochen Feldhoff (78). Der Flügelspieler vom VfL Gummersbach gehörte zur damaligen Handball-Olympia-Auswahl. „Dann gingen überall die Lichter an. Aber so weit ich weiß, sind alle auf den Zimmern geblieben. Erst beim Frühstück im Olympischen Dorf haben wir dann erfahren, was passiert war“, so der heute in der Nähe von Gummersbach lebende Feldhoff.
Terroristen und Geiseln von einer Brücke aus beobachtet
Dieter Büttner erging es ähnlich: „Von der Geiselnahme hatte ich nichts mitbekommen. Aber auf dem Weg zur Athleten-Mensa haben wir gesehen, dass in den Unterkünften an der Connollystraße irgendetwas nicht in Ordnung war. Alles war abgedeckt, sodass man den Tatortbereich nicht mehr einsehen konnte.“ Feldhoff erinnert sich, dass er und die Mannschaft noch am Abend auf der Brücke oberhalb der Tiefgarage im Olympischen Dorf standen und sehen konnten, wie die Terroristen mit den Geiseln in einem Bus zum Flughafen transportiert wurden. „Die danach folgenden dramatischen Stunden mit der gescheiterten Befreiungsaktion haben wir dann, wie jeder andere auch, aus dem Fernsehen erfahren.“

Die ehemalige Diskuswerferin, Liesel Westermann-Krieg (77).
Copyright: picture alliance/dpa
Die in den 1970er-Jahren für den TuS 04 Leverkusen startende Diskuswerferin Liesel Westermann-Krieg (77) erinnert sich an sehr schwere und traurige Stunden nach dem Morgen des 5. September. „Kurz nachdem das Attentat passierte, wurde ich geweckt, weil meine Mutter mich angerufen hatte, um zu erfahren, dass es mir gut ging. Durch sie erfuhr ich, was passiert war.“ Die Olympia-Zweite von Mexiko 1968 erzählt, dass sie in den folgenden dramatischen Stunden und auch danach immer wieder in Tränen aufgelöst war. „Einige der Sportler und Trainer unter den israelischen Opfern kannten wir aus einem gemeinsamen Trainingslager in Israel zur Vorbereitung auf die Spiele.“ Vor allem Mosche Weinberg, der erste Tote des Attentats, hätten sie in Israel schätzen gelernt, weil er als Ansprechpartner in dieser Zeit immer für alle da war. „Ich konnte nicht fassen, was passiert war“, so Westermann-Krieg. Bei der Trauerfeier am Tag danach war sie auch nicht im Stadion. Stattdessen entschied sie sich an dem Nachmittag für ein Treffen mit den israelischen Sportlern im Dorf.

Eine Videoinstallation bei der Eröffnung eines Denkmals 2017 erinnert in München an die Opfer des Attentats.
Copyright: picture alliance / Sven Hoppe/dp
Dieter Büttner war zu diesem Zeitpunkt nicht mehr in München. Er war zurück nach Leverkusen gefahren und kam erst nach der Trauerfeier zurück ins Dorf. Jochen Feldhoff dagegen war mit der Mannschaft Teil der 80 000 Besucher, die an der Trauerfeier am 6. September im Olympiastadion teilnahmen. „Es war alles sehr bedrückend und ging einem unter die Haut. Einige hatten Tränen in den Augen. Wenn man sich überlegt, wie die Stimmung vorher war und dann diese schreckliche Geschichte. Das Lächeln in den Gesichtern der Leute war danach weg.“

Dieter Büttner, ehemaliger 400m Hürden-Läufer (Bayer 04 Leverkusen) und Teilnehmer bei den Spelen 72 in München.
Copyright: dpa/privat
Für Feldhoff und das Handball-Team – wie für viele andere Sportler auch – gingen die Spiele aber weiter. Wie verkraftet ein Spitzensportler eine solche Situation? Und wie motiviert man sich wieder zu Höchstleistungen unter diesen Bedingungen? Feldhoff erinnert sich: „Wir haben an dem Tag natürlich diskutiert, wie das passieren konnte und ob und wie es weitergehen würde.“
Er selbst und auch die ganze Mannschaft waren dann erleichtert, als der damalige Präsident des Internationalen Olympischen Komitees, Avery Brundage, mitteilte ,The games must go on‘. „Ich und die meisten anderen in der Mannschaft auch waren der Ansicht, dass ein paar Radikale so ein wunderbares Fest des Sports nicht kaputt machen dürften.“ In den Tagen danach hätte man in der Mannschaft allerdings so viel Knatsch und sportliche Probleme gehabt, dass man genug mit sich selbst zu tun hatte. Das Attentat sei dann auch bis zum Ausscheiden aus dem olympischen Turnier gar nicht mehr oft ein Thema gewesen.
Sportler wollten in ihren Wettkämpfen weiter antreten
Auch für Gold-Favoritin Liesel Westermann-Krieg gab es keine Zweifel, dass sie zu ihrem Diskuswurf-Wettkampf antreten würde. Aber leicht war es nicht, aus dem emotionalen Tief wieder heraus zu kommen, erinnert sie sich: „Wir hatten als Amateursportler keine psychologischen Betreuer, wie das heute der Fall wäre.“

Jochen Feldhoff, ehemaliger Flügelspieler des VfL Gummersbach und Mitglied der Olympia-Auswahl von München 1972.
Copyright: dpa/privat
Als Leichtathletin sei man vor allem Einzelsportlerin, also habe jede Athletin und jeder Athlet versucht, auf eigene Weise mit der Situation klar zu kommen, so gut es ging. Die einstudierten Tagesabläufe, die man als Spitzenathletin vor einem wichtigen Wettkampf habe, helfen da ein wenig, führt die Weltsportlerin von 1969 weiter aus. „Ich kann mich erinnern, dass eine Masseurin mir morgens mal das Frühstück ins Zimmer brachte und mich damit ein wenig aufbaute.“
Das könnte Sie auch interessieren:
Letztlich reichte es aber für sie nicht, um im olympischen Wettkampf ihre damalige Top-Form abzurufen. Sie wurde nur Fünfte. Trotz des für sie enttäuschenden Ergebnisses erinnert sich die heute in Hannover lebende Westermann-Krieg gern an eine, wie sie sagt, „wunderbare Situation“ im Stadion: „Aus dem Publikum hat mir jemand zugerufen ,Macht nichts, Liesel!‘ Das fand ich sehr schön.“



