Stuttgart – Die Katholikentage sollen den Glauben und die Freude am Christsein feiern. Diesmal dürfte aber nicht nur der Krieg in der Ukraine die Stimmung trüben. Die Kirche kämpft mit etlichen hausgemachten Krisen und Problemen. Kann von Stuttgart ein positives Signal ausgehen?
Viele Katholiken stehen in Spannungsfeld
Für viele Katholiken ist dieser Spagat immer schwerer auszuhalten: In ihrer Gemeinde vor Ort erleben sie Gemeinschaft, Engagement, Freude. In der bundesdeutschen Öffentlichkeit geht es dagegen mit Blick auf die Kirche meist um Missbrauch, Machtfragen und Reformdruck.
Zahl
98 Euro kostet eine Normalpreis-Karte für alle fünf Tage des Katholikentages, eine Familienkarte sogar 164 Euro – deutlich mehr als vor vier Jahren. Das ZdK verteidigt dies unter anderem mit „immensen Preissteigerungen“.
Ab diesem Mittwoch dürften überregionale Nachrichten und Freude am Katholischsein wieder etwas stärker zusammenfinden: Nach vier Jahren findet ein Katholikentag statt, eine Art Festival, bei dem Christen aus dem ganzen Bundesgebiet diesmal in Stuttgart bis Sonntag zusammenkommen, um Gottesdienste zu feiern, zu diskutieren und Workshops abzuhalten.
Was ist an Themen und Veranstaltungen geplant?
Unter dem Motto „leben teilen“ sollen beim 102. Katholikentag 1500 Veranstaltungen stattfinden – in erster Linie in der Stuttgarter Innenstadt. Es geht um Krieg und Frieden, um Kirchenstreit und Ethikfragen. Teilnehmen wollen Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Kanzler Olaf Scholz, hochrangige Parteienvertreter, aber auch Klimaaktivistin Luisa Neubauer und Moderator Eckart von Hirschhausen.
Standpunkt
Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken will „treibende Kraft“ für Reformen in der Kirche sein und dabei auch für mehr Tempo sorgen. „Das ZdK ist Ideenschmiede und Motor, aber ich sehe die Bischöfe auch nicht als Bremser“, so Vizepräsident Thomas Söding. Das gemeinsame Reformprojekt Synodaler Weg werde zwar von vielen „totgesagt, aber es lebt“ und könne zu einer „Erfolgsgeschichte“ werden. (kna)
Getragen wird der Katholikentag vom Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK), der Vertretung der in den Gemeinden aktiven Gläubigen. Es ist also keine Veranstaltung der Bischöfe, sondern der Laien. Veranschlagt werden für die Veranstaltung rund zehn Millionen Euro, an denen sich die Stadt Stuttgart, das Land Baden-Württemberg und der Bund signifikant beteiligen.
Warum kommen weniger Teilnehmer als 2018?
Tatsächlich wird der Katholikentag wohl kleiner ausfallen als zuletzt vor vier Jahren in Münster. Dort nahmen rund 90000 Menschen teil. Jetzt erwarten die Veranstalter noch 20000 bis 30000 Teilnehmer. Ob die geringe Zahl nur an der Pandemie liegt, ist fraglich: Die Beliebtheitswerte der katholischen Kirche liegen auf einem Tiefpunkt. In einer Forsa-Umfrage erklärten kürzlich nur zwölf Prozent der Befragten, sie hätten großes Vertrauen zur katholischen Kirche. 2017 lag der Wert noch bei 28 Prozent.
Auch beim veranstaltenden ZdK hat man das Problem offenbar auf dem Schirm. Dessen Präsidentin Irme Stetter-Karp erklärte, die deutschen Katholiken bewegten sich auf einem „schmalen Grat zwischen Abgrund und Aufbruch“.
Kretschmann: Kirche muss sich Vorwürfen stellen
Der Katholikentag in Stuttgart muss aus Sicht des baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann (Bild) offen mit den Vorwürfen gegen die Kirche umgehen, um erfolgreich zu werden. Es werde für die katholische Kirche nicht einfach, sagte der Grünen-Politiker in einem Grußwort zur Vollversammlung des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK). Die Missbrauchsskandale träfen sie besonders hart, weil sie über Jahrhunderte hohe moralische Ansprüche verkündet habe: „Dann ist der Fall natürlich besonders tief.“ Der enorme Verlust an Vertrauen und Glaubwürdigkeit „schmerzt mich als Katholik und als Politiker“, sagte Kretschmann. Die Teilnehmer des Katholikentages müssten sich der Kritik stellen, „ohne Wenn und Aber“. (dpa)
Welche Rolle spielen Forderungen nach Reformen?
In Stuttgart wird es neben Fragen nach Krieg, Christsein und Umweltschutz auch um Forderungen an die katholische Kirche gehen. Reformgruppen wünschen sich Signale der Erneuerung. Der Synodale Weg, der Reformprozess der katholischen Kirche, an dem Bischöfe und Laien beteiligt sind, konnte die Lage bislang nicht befrieden. Reformen wie etwa die Minderung von Diskriminierung im katholischen Arbeitsrecht kamen zuletzt eher unter dem Druck von Initiativen und Aktivisten zustande wie bei der Aktion „Out In Church“.
Gleichzeitig erfährt die Institution Kirche aber auch von konservativer Seite Gegenwind: Zuletzt übten 74 Kardinäle und Bischöfe aus der Weltkirche scharfe Kritik am deutschen Reformeifer. Auch nationale Bischofskonferenzen wie die nordische und die polnische hatten Bedenken geäußert – unter anderem auch mit Blick auf den Synodalen Weg.
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Es geht das Wort vom Schisma um, also von einer drohenden Kirchenspaltung, weil Reformer und Bewahrer in der deutschen katholischen Kirche immer weiter auseinanderdriften und ein gemeinsamer Weg mittlerweile für viele schwer vorstellbar ist.
Ob Stuttgart in den wesentlichen Streitpunkten etwas verändern wird, ist fraglich – in jedem Fall aber dürfte es ein Glaubensfest für diejenigen Katholiken sein, die sich nach wie vor mit ihrer Kirche identifizieren, die über christliche Inhalte sprechen wollen und so dokumentieren können, dass Katholischsein nicht nur mit Aufarbeitung von Missbrauch zu tun hat. ZdK-Präsidentin Stetter-Karp jedenfalls versicherte vorab, die große Mehrheit der Katholiken in Deutschland befürworte Reformen.
Gibt es Kritik an Organisation oder Ausrichtung?
Der Zentralrat der Konfessionsfreien bemängelt indes, dass der Staat die Veranstaltung aus Steuermitteln mitfinanziert. Gegenüber unserer Redaktion erklärte der Vorsitzende des Zentralrates, Philipp Möller: „Dieses Sommerfest der katholischen Kirche hat eine geringe gesellschaftliche und politische Bedeutung und sollte nicht von der Allgemeinheit bezahlt werden.“
Beim Katholikentag handele es sich vielmehr um das „Privatvergnügen“ einer Religionsgemeinschaft, die das Vertrauen der Menschen verspielt habe und immer mehr Mitglieder verliere. Möller betonte jedoch auch, dass der Zentralrat den Besuchern aufrichtig viel Spaß wünsche. (mit dpa/kna)



