Bamberg – Kurz vor Weihnachten müssen Paketlieferanten viele Überstunden machen. Dabei bringen sie nicht nur die Weihnachtspakete nach Hause – sie schleppen teilweise auch Pakete zurück. Fast 500 Millionen Artikel haben die Deutschen im vergangenen Jahr 2018 zurück zu den Online-Versandhändlern geschickt. Das sind rund zehn Waren pro erwachsener Person zwischen 18 und 65 Jahren.
500 Millionen Artikel zurückgeschickt in 2018
„Das ist noch vergleichsweise konservativ geschätzt“, sagt Björn Asdecker. Er untersucht solche Fragen an der Universität Bamberg. „Man hätte das Modesegment noch stärker gewichten können – dann wären die Zahlen vermutlich noch höher, aber etwas realistischer“.
KlimaDas birgt auch ein Klimaproblem. Denn die in der Regel portofreien Rücksendungen von unerwünschten Artikeln im Online-Handel belasten das Klima mit schätzungsweise 200 000 Tonnen jährlich. Deswegen haben die Forscher Online-Händler befragt, welche Folgen eine gesetzlich festgelegte Rücksendegebühr haben würde. Die knapp 140 im Spätsommer befragten Verkäufer schätzen demnach, dass eine vergleichsweise geringe Gebühr von 2,95 Euro die Anzahl der Retouren um rund 16 Prozent verringern würde. Das wären also etwa 80 Millionen Retouren weniger – oder eine CO2-Ersparnis von etwa 40 000 Tonnen.
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VerbraucherZudem könnte eine solche Gebühr auch Verbrauchern zu Gute kommen. Denn die Wissenschaftler gehen davon aus, dass dadurch die Preise für viele Waren sinken werden. Das liegt daran, dass aktuell die Kosten für die vielen Rücksendungen zwar nicht in der offiziellen Rechnung auftauchen. Sie sind aber in die Preise der Waren miteinkalkuliert. Beim bisherigen Modell der „kostenlosen“ Retoure finanzieren also diejenigen, die wenig Artikel zurücksenden andere mit, die quasi am laufenden Band Waren an den Versender zurückgehen lassen.
„Eine Rücksendegebühr etabliert das Verursacherprinzip, was grundsätzlich gerechter ist“, schlussfolgert Asdecker deswegen. Das sei zwar theoretisch richtig, meint dagegen der Handelsexperte Gerrit Heinemann von der Hochschule Niederrhein, „allerdings glaube ich nicht, dass das wirklich etwas ändern wird. Unternehmen wie Amazon werden dann einfach andere Strategien suchen und verfolgen, um Kunden an sich zu binden – etwa durch Angebote wie Amazon-Prime“.
Unternehmen finden neue Strategien
Das größte Feld: KleidungDas größte Feld der Rücksendungen findet man im Bereich von Kleidern. Hier greifen viele Verbraucher auf die Strategie zurück, den gleichen Artikel in unterschiedlichen Größen oder Farben zu bestellen – wohl wissend, dass die Kleidungsstücke, die nicht gefallen, am Ende wieder kostenlos an den Absender zurückgeschickt werden können.
Rücksendungen bei Online-RiesenDie größten dieser Absender sind etwa Amazon oder der Kleidungsversand Zalando. Und die Großen der Branche haben das Prinzip der kostenlosen Rücksendung bei Nichtgefallen quasi marktfähig gemacht: Indem sie es einführten, setzten sie die gesamte Konkurrenz unter Druck, es ihnen gleich zu tun. Die befragten Händler stehen für Online-Handelsumsätze von rund 5,5 Milliarden Euro jährlich. Nur 15 Prozent von ihnen erheben Gebühren für Rücksendungen – und das sind in der Regel kleinere Händler, die auf ihre Kosten kommen müssen.
Kleine Händler gegen gebührenfreie Rücksendungen
Denn Online-Versand-Riesen haben den Vorteil ihrer Größe. Sie können bessere Verträge mit Paketdienstleistern abschließen. Und sie können über die Masse ihrer Waren und Umsätze in höherem Stil Prozesse digitalisieren und standardisieren. Die Mehrheit kleinerer Händler dagegen würde gebührenfreie Rücksendungen gerne abschaffen, kann dies aber auf Grund der Konkurrenz nur eingeschränkt durchsetzen.
Onlinehandel 2019Der Onlinehandel steuert 2019 in Deutschland auf einen Umsatzrekord zu. Nach dem bisherigen Verlauf werde für das Geschäftsjahr ein Wachstum von mindestens elf Prozent im Vergleich zum Vorjahr erwartet, teilte der Bundesverband E-Commerce und Versandhandel mit. „Auf dieser Basis werden wir sicher im Jahr 2019 erstmalig die 70-Milliarden-Euro-Grenze im E-Commerce knacken“, sagte der stellvertretende Hauptgeschäftsführer Martin Groß-Albenhausen.
Zitat
„Für eine ganzheitliche Beurteilung ist es zu früh, aber aus unserer Sicht lohnt es sich, darüber nachzudenken.“
Björn Asdecker
Leiter Forschungsgruppe Retourenmanagement
Der E-Commerce hat demnach einen Anteil von über 98 Prozent am Interaktiven Handel. Dieser enthält zusätzlich die telefonischen oder schriftlichen Bestellungen. Auch für den Onlinehandel ist das Weihnachtsgeschäft ein wichtiges Jahresviertel. Aktionstage wie „Black Friday“ trügen aber dazu bei, dass die Weihnachtseinkaufs-Spitzen entzerrt würden, so der Verband. (dpa)
KritikerDer E-Commerce-Verband bevh sieht eine gesetzlich vorgeschriebenen Rücksendegebühr kritisch. Diese „würde einen staatlichen Eingriff in Markt und Wettbewerb darstellen“. Der Handelsexperte der Hochschule Niederrhein, Gerrit Heinemann, verweist darauf, dass es in Deutschland anteilsmäßig am Onlinehandel die meisten Retouren gibt: „Aus meiner Sicht wäre es da sinnvoller, das Widerrufsrecht ohne Angabe von Gründen zu ändern“. Das sei im Vergleich zu anderen Ländern überzogener Verbraucherschutz und die eigentliche Ursache für die Rücksendungen.



