- Ab Sonntag verhandelt die UN-Klimakonferenz über Maßnahmen gegen die weltweite Erderwärmung.
- Experte Ottmar Edenhofer drängt auf schnelleren Kohleausstieg – und setzt Hoffnung in die Ampel.
In Paris hatte sich die Staatengemeinschaft 2015 geeinigt, die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen, um eine Klimakatastrophe abzuwenden. Dafür ist es noch nicht zu spät, sagt Ottmar Edenhofer im Interview mit Tobias Schmidt. Doch wie ist das Ruder jetzt noch herumzureißen?
Professor Edenhofer, am Sonntag beginnt der Klimagipfel in Glasgow. Steuert die Erde wirklich auf 2,7 Grad zu, wie das UN-Klimabüro warnt?
Selbst bei den 2,7 Grad bleibt es nur dann, wenn alle Länder ihre freiwilligen Verpflichtungen einhalten. Danach sieht es gerade aber überhaupt nicht aus. Die Emissionen steigen weiter jedes Jahr, und zwar dramatisch. Die aktuelle Gaspreis-Krise beschert der Kohle ein unheilvolles Comeback. Das heißt, wir steuern nicht auf 2,7 Grad zu, sondern auf vier Grad, und damit auf eine nicht mehr zu beherrschende Erderwärmung, die übrigens auch rein wirtschaftlich wirklich verheerend wäre.
Zur Person
Ottmar Edenhofer (60) ist einer der bekanntesten deutschen Klimaforscher. Der studierte Wirtschaftswissenschaftler ist Professor für die Ökonomie des Klimawandels an der TU Berlin. Gemeinsam mit dem Schweden Johan Rockström leitet er das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, eine der weltweit einflussreichsten wissenschaftlichen Organisationen auf ihrem Gebiet. Edenhofer gilt als Experte auf dem Gebiet der CO2 -Bepreisung. (EB)
Wird Ihnen da nicht angst und bange?
Angst ist kein guter Ratgeber, wir müssen den Realitäten klar ins Auge schauen. Wir haben schon vor fünf Jahren auf die Renaissance der Kohle hingewiesen, das wollte die Politik nicht hören. Jetzt stecken wir mittendrin. Nur ein globaler Kohleausstieg kann uns vor dem Verderben bewahren, nur der würde es ermöglichen, die 1,5 Grad noch einzuhalten. Bleiben die bereits gebauten Kohlekraftwerke in Betrieb, und werden die schon geplanten in Betrieb genommen, würden allein sie das verbleibende CO2 -Budget aufbrauchen, das uns noch zusteht, um die Schwelle nicht zu überschreiten. Ohne baldigen Kohleausstieg wird sich die 1,5-Grad-Tür für immer schließen.
Ist es nicht schon längst zu spät?
Nein, die Chancen sind gar nicht so schlecht. Die USA wollen bis 2050 CO2 -neutral werden. China will kein Geld mehr in Kohlekraftwerke im Ausland stecken, das würde die Emissionen schon substanziell senken. Die EU hat mit dem Green Deal das bisher ambitionierteste Paket geschnürt, da ist jetzt aktive Unterstützung durch die neue Bundesregierung gefragt. Wenn diese drei Wirtschaftsmächte einen Klimaschutz-Bund gründen, sich auf CO2 -Mindestpreise einigen und auch Indien, Russland und Japan ins Boot holen, dann hat man schon zwei Drittel der globalen Emissionen unter einem Regime. Dann wären wir einen riesigen Schritt weiter!
Was ist Ihr Eindruck, macht die Ampel wirklich Ernst beim Klimaschutz?
Wissen kann man das erst, wenn der Koalitionsvertrag vorliegt. Aber das Sondierungsergebnis ist ein klares Zeichen des Aufbruchs. Die Grünen bringen die klimapolitischen Ambitionen ein, die SPD den sozialen Ausgleich und die FDP die marktwirtschaftlichen Instrumente. Ja, das könnte funktionieren.
Wichtigstes marktwirtschaftliches Instrument ist der CO2 -Preis. Müsste der schneller steigen als von der jetzigen Regierung beschlossen?
Bis 2025 ist ein Anstieg auf bis 55 Euro pro Tonne schon Gesetz. Das ist ausreichend. Aber es müssen jetzt die Weichen gestellt werden, um auch danach die Minderungsziele für den Verkehr und den Gebäudesektor zu erreichen. Wird der Preis freigegeben? Gibt es einen Mindestpreis? Gibt es eine Obergrenze?
Was wäre Ihre Antwort?
Um die nötigen Einsparungen zu erreichen, brauchen wir 2030 einen Preis von 130 bis 150 Euro pro Tonne CO2 , um wirksam den Ausstoß von Treibhausgasen zu senken – und damit einen Beitrag zu leisten zur Begrenzung von Klimarisiken wie etwa Extremwetter. Auf eine solche Größenordnung für einen Preiskorridor sollte sich die Ampelkoalition einigen, um auch mit Blick auf andere Länder die Richtung vorzugeben.
Das würde alles noch teurer machen. Die Menschen würden rebellieren!
Nicht, wenn die Regierung den Bürgern die Einnahmen aus der CO2 -Bepreisung erstattet, über ein Energiegeld oder eine Klimaschutzdividende. Zunächst muss die EEG-Umlage abgeschafft werden. Und die Stromsteuern sollte auf das niedrigste in der EU zulässige Niveau abgesenkt werden, das könnte die nächste Regierung sofort umsetzen.
Das könnte Sie auch interessieren:
Das wird aber kaum reichen, oder?
Bei einem CO2 -Preis von 50 Euro pro Tonne und einer pauschalen Pro-Kopf-Rückerstattung bekäme ein Geringverdiener-Haushalt von vier Personen etwa 260 Euro pro Jahr – nach Abzug der direkten Belastungen, die er durch den CO2 -Preis zu tragen hat. Geringverdiener haben in der Regel einen kleineren CO2 -Fußabdruck als Besserverdiener. Sie hätten durch die Rückerstattung also unter dem Strich mehr auf dem Konto. Das heißt, die Kosten der CO2 -Bepreisung würden von den mittleren und vor allem den reicheren Haushalten zu stemmen sein.
Was fehlt, ist grüner Strom. Wo soll der so schnell herkommen?
Der Ausbau muss dramatisch beschleunigt werden. Wir brauchen bis 2030 eine Verdreifachung bei Wind- und Sonnenenergie. Der Ampel-Absicht, Verfahren zu beschleunigen, müssen sehr schnell Taten folgen. Und die Koalitionäre müssen die klare Ansage machen, dass auf die Bürger eine enorme Transformation zukommt. Technisch und von den Flächen her ist der Ausbau rechtzeitig zu schaffen. Wir brauchen den politischen Willen und die Bereitschaft der Bevölkerung.

