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Kassen-Vorstand Oliver Blatt„Niemand geht doch aus Langeweile zum Arzt“

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GKV-Vorstandsvorsitzende Oliver Blatt

GKV-Vorstandsvorsitzende Oliver Blatt

Die Krankenkassen haben gerade die Zusatzbeiträge erhöht. Ohne Reformen droht Ende des Jahres der nächste Sprung. Wie ließe sich das verhindern? 

Oliver Blatt, Vorstandsvorsitzender des Kassen-Spitzenverbandes GKV, hat im Interview mit Tobias Schmidt eine Idee.

Herr Blatt, den Krankenkassen fehlt Geld. Die Rückkehr zur Praxisgebühr könnte etwas einbringen. Eine gute Idee?

Während alle auf die Ergebnisse der Finanzkommission warten, werden allerhand merkwürdige Ideen ventiliert. Als GKV-Spitzenverband sagen wir: Wir täten gut daran, bei den Ausgaben zu sparen, ohne die Versicherten noch stärker zu belasten. Die Ausgaben liegen bei mehr als einer Milliarde Euro jeden Tag, und trotzdem reicht es nicht? Das kann nicht sein. Wir müssen endlich ran an die strukturellen Reformen, gerade im Krankenhausbereich, im ambulanten Bereich und bei den Arzneimitteln.

Klagen über einen oft allzu sorglosen Umgang vieler Menschen mit der Gesundheitsversorgung sind unbegründet?

Nochmal: Es wäre nicht angemessen, als erste Maßnahme die gesetzlich Versicherten stärker zur Kasse zu bitten. Was stimmt: Gleichzeitig müssen wir den Menschen schon deutlich machen, dass es sich um wertvolle und knappe Ressourcen handelt.Wie?Wir haben im EU-Vergleich viele Arzt-Patienten-Kontakte, das ist eine offenkundige Herausforderung. Das ist auch einer der Gründe, warum die Menschen so lange auf Termine, insbesondere bei Fachärzten, warten. Es gäbe einen Ausweg.

Und zwar?

Wir setzen uns für eine digital gestützte Steuerung ein. Der Patient wird über ein digitales Tool, zum Beispiel eine App seiner Krankenkasse, eingeschätzt und erhält anhand der geschilderten Symptome eine valide Empfehlung. Muss ich wirklich zum Arzt? Wenn ja, zu welchem? Oder reichen zwei Tage Bettruhe?

Und wenn mir die App doch zu einem Arzt rät?

Das ist ein entscheidender Punkt. Damit so ein System funktioniert und angenommen wird, müssten darüber Termine vergeben werden. Voraussetzung dafür wiederum wäre, dass alle Ärzte einen relevanten Anteil ihrer Termine an das künftige bundeseinheitliche Terminverzeichnis melden. Und dieses vergibt die Kapazitäten nicht vorrangig an Privat- oder gesetzlich Versicherte, sondern rein nach Dringlichkeit der Behandlung.

Also: Koordination und Digitalisierung. Bei einer elektronischen Überweisung vom Haus- zum Facharzt wäre auch garantiert, dass der Spezialist schon die erste Diagnose hat und mit dem Patienten nicht von vorn beginnen muss mit der Frage: „Na, was hamse denn?

„Bleibt die Frage, was passiert, wenn Patienten weiterhin einfach so zum Arzt gehen. Werden sie dann wieder nach Hause oder in die digitale Warteschleife geschickt?

Niemand geht doch aus Langeweile zum Arzt, und ich bin sicher, dass die allermeisten Menschen froh sind, wenn sie bei der Terminvereinbarung digital unterstützt werden. Ich schaue hier zunächst auf die Chancen, nicht auf mögliche Sanktionen. Patienten, die einen dringenden Bedarf haben, sollen besser als heute einen Termin erhalten.

Themenwechsel: Sie haben gegen die Bundesregierung geklagt. Die Versorgung von Bürgergeldbeziehern soll nicht mehr nur von den gesetzlich Versicherten, sondern vom Steuerzahler und damit auch von Privatversicherten und Beamten geleistet werden. Wie steht es um die Klage?

Es ist nicht nur eine Rechtsfrage, es ist vor allem eine Frage der Fairness, dass die gesundheitliche Versorgung von Bürgergeldbeziehenden vom Staat finanziert wird, denn Bürgergeld ist eine staatliche Sozialleistung. Bis zu einem letztinstanzlichen Urteil könnten Jahre vergehen.

In denen nichts passiert?

Wir hoffen natürlich auch weiterhin auf eine politische Entscheidung. Es geht um 10 Milliarden Euro jedes Jahr, die allein von den GKV-Beitragszahlenden geschultert werden müssen, während Beamte und Privatversicherte außen vor bleiben. Die Gerechtigkeitslücke könnten wir schließen, indem die Finanzierung auf den Bund – und damit auf alle Steuerzahler – verteilt wird. Damit würde es endlich eine realistische Chance geben, die Beiträge auch mal zu senken. Damit wäre den 75 Millionen gesetzlich Versicherten und auch der deutschen Wirtschaft direkt geholfen.