Die Ukraine setzt ihre Angriffsserie auf Öl-Anlagen fort. In Russland ebbt die Kritik nicht ab. Putin spricht derweil vom „ewigen Russland“.
Angriffe, Umfragen und harte KritikPutins Probleme werden sichtbar – Ukraine nutzt eine „Schwachstelle“

Kremlchef Wladimir Putin am Montag (27. April) in St. Petersburg.
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Brennende Öl-Anlagen, offene Kritik und die schwächsten Umfragewerte seit Russlands Einmarsch in die Ukraine – die schlechten Nachrichten für Kremlchef Wladimir Putin reißen nicht ab. Am Wochenende gelang den ukrainischen Streitkräften erneut ein Angriff auf wichtige Infrastruktur in Russland – dieses Mal ging die Ölraffinerie in Jaroslawl in Flammen auf. Die Anlage hat eine Jahreskapazität von rund 15 Millionen Tonnen und produziert Benzin, Diesel und Kerosin.
Es ist jedoch nur der jüngste in einer ganzen Reihe von erfolgreichen Schlägen: Laut einer Analyse des amerikanischen Instituts für Kriegsstudien (ISW) haben die ukrainischen Streitkräfte allein in den vergangenen zwei Wochen mindestens zehn russische Öl- und Gasanlagen angegriffen – inklusive der Raffinerie in Jaroslawl.
US-Analysten: Ukraine nutzt russische Schwachstelle für Angriffe
Die Ukraine mache sich dabei weiterhin eine Schwachstelle im russischen Luftverteidigungssystem zunutze, berichten die US-Analysten in ihrem aktuellen Lagebericht. „Die ukrainische Langstreckenangriffskampagne nutzt weiterhin die überlasteten russischen Luftverteidigungssysteme, um die Öl-Infrastruktur und militärische Einrichtungen in Russland und auf der besetzten Krim zu beschädigen“, heißt es beim ISW. Die russische Luftverteidigung kommt demnach mit der Anzahl ukrainischer Drohnen nicht immer zuverlässig zurecht.
Die erfolgreichen ukrainischen Angriffe sorgen unterdessen für steigenden Frust bei der russischen Bevölkerung. Zuletzt äußerte zudem eine Influencerin viel beachtete Kritik am Kremlchef, kurz darauf musste Putin sich dann sogar in der Duma deutlichen Gegenwind aus der Opposition gefallen lassen – im handzahmen russischen Parlament hat das Seltenheitswert.
Ex-Generalstabschef kritisiert russische „Spezialoperation“
Mit General Juri Balujewski legt nun ein hochrangiger Ex-Militär nach. Der frühere Generalstabschef der russischen Streitkräfte kritisierte bei einer Konferenz der russischen Bürgerkammer den geringen militärischen Erfolg der Armee im Krieg gegen die Ukraine.
„Russland hat als Erster die Hyperschallgeschwindigkeit erreicht. Und was haben wir getan? Wir haben überall verkündet: ‚Wir haben Waffen, die kein anderes Land besitzt und die es wohl auch zeitnah nicht geben wird.‘ Aber dadurch ist die Gefahr für unser Land nicht geringer geworden“, beklagte der frühere Generalstabschef.
„Wann fangen wir endlich an, richtig zu kämpfen?“
„Ich weiß nicht, was Sie empfunden haben, als eine ukrainische Drohne auf dem Dach des Gebäudes landete, in dem sich der Oberbefehlshaber – der Präsident der Russischen Föderation – befindet. Ich habe nur darauf gewartet“, sagte Balujewski nach Angaben der Zeitung „Moskovsky Komsomolets“ und fügte hinzu: „Nun, wann, wann fangen wir endlich an, richtig zu kämpfen?“
Für Moskau gelte im Krieg gegen die Ukraine: „Entweder ein starkes Russland oder gar kein Russland!“, erklärte der ehemalige Generalstabschef. Balujewski habe es „gewagt, auszusprechen, was oft hinter verschlossenen Türen geflüstert, aber nicht öffentlich diskutiert wird“, kommentierte die russische Zeitung die Kritik an Russlands „Spezialoperation“, wie der Krieg in Moskau genannt wird, auch angesichts der erfolgreichen ukrainischen Angriffe.
Geringste Zustimmungswerte für Wladimir Putin seit Kriegsbeginn
Zuvor hatte bereits eine neue Umfrage des staatlichen russischen Meinungsforschungsinstituts WZIOM für Aufsehen gesorgt. Fast ein Viertel (24,1 Prozent) der Russen misstraut Putin demnach. Knapp ein Drittel (31,1 Prozent) missbilligt zudem die „Aktivitäten der russischen Regierung“, berichtete die „Novaya Gazeta“.
Laut dem unabhängigen Nachrichtenportal „Agentstwo“ sind diese Werte seit Februar um jeweils rund sieben Prozentpunkte gestiegen und zeigen somit die niedrigsten Zustimmungswerte für Putin und die russische Regierung seit Beginn des umfassenden Einmarsches Russlands in die Ukraine im Jahr 2022.

Russlands Machthaber Wladimir Putin betritt einen Raum im Kreml. (Archivbild)
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Trotz des deutlichen Rückgangs der Zustimmung befürwortet jedoch weiterhin eine klare Mehrheit der Russen (65,6 Prozent) Putins Handeln als Präsident. Allerdings sprachen sich in der jüngsten Umfrage nur 39,7 Prozent der Befragten explizit für die russische Regierung insgesamt aus.
Wladimir Putin: „Schwierigkeiten sind vorübergehend, Russland ist ewig“
Vor allem großflächige Internetsperren hatten in Russland zuletzt für Ärger über die Regierung gesorgt. Der Kreml begründete die Maßnahmen mit Sicherheitsbedenken, lockerte sie jedoch zwischenzeitlich, da Putins Zustimmungswerte bereits in vorherigen Umfragen gesunken waren und immer mehr öffentliche Kritik an der Regierung laut geworden war.
Kremlchef Putin äußerte sich zu Wochenbeginn – und sprach dabei davon, dass „Schwierigkeiten vorübergehend, Russland aber ewig“ sei – und appellierte an den Zusammenhalt der Bevölkerung. Russland stehe vor beispiellosen Herausforderungen und Risiken und müsse diese mit Würde bewältigen, zitierte die staatliche Nachrichtenagentur Tass den russischen Machthaber.
Wladimir Putin: „Ohne kann Russland nicht existieren“
Die „Liebe zum Vaterland“ und der Wunsch, es zu „verteidigen“, seien für das russische Volk von höchster Bedeutung, erklärte Putin, der auf die jüngste Kritik an ihm nicht direkt einging. „Das ist der Sinn, das historische Prinzip einer souveränen Weltanschauung; das ist unsere Stärke“, führte Putin aus und fügte hinzu: „Ohne dies kann Russland nicht existieren.“
Ein „gemeinsames Ziel und die Bewältigung äußerst komplexer Aufgaben“ vereine „die gesamte Gesellschaft und die gesamte Nation“, behauptete Putin ungeachtet des jüngsten Gegenwinds. „Dies zeigt sich vor allem in der Unterstützung der militärischen Sonderoperation und in den Maßnahmen zur Stärkung der Verteidigungsfähigkeit und Sicherheit Russlands“, fügte der Kremlchef hinzu.

