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Rundschau-Debatte des TagesBrauchen wir einen härteren Lockdown?

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Intensivstation (1)

Ein Pfleger auf der Intensivstation 

  1. Seit dem Auftritt der Kanzlerin bei Anne Will ist ein wütender Streit zwischen Bund und Ländern darüber entbrannt, wie scharf die Reaktion auf die steigenden Infektionszahlen ausfallen sollte.
  2. Muss ganz schnell ein knallharter Lockdown her, um zu viele Corona-Tote zu vermeiden?

Berlin – Alles konsequent dicht machen oder kontrolliert und gezielt lockern: Was ist aktuell der richtige Weg? Wir haben bei führenden Experten nachgefragt. Fazit: Vieles spricht für härtere Maßnahmen. Es könnte aber auch ohne kollektives Einsperren klappen.

Die Intensivmediziner

„Wir rennen sehenden Auges ins Verderben“, sagt der Präsident der Intensiv- und Notfallmediziner (DIVI), Gernot Marx. Eine bundesweite Inzidenz von über 135, mehr als 1,2 Ansteckungen pro Neuinfiziertem, ein Hochschnellen der Zahl der Intensivpatienten um 874 auf 3587 binnen zwei Wochen. Die Zahl werde in den kommenden zweieinhalb Wochen weiter exponentiell wachsen, „egal was wir jetzt tun“, konstatiert der Leiter des DIVI-Intensivregisters, Christian Karagiannidis. Anfang Januar lag die Maximalbelastung bei fast 6000 Covid-Patienten. Laut DIVI-Modellierung könnte die Zahl diesmal auf 6800 hochschießen, wenn ab Ende April erst bei Inzidenzen von 300 der Vorhang fällt.

„Das heißt, es muss jetzt etwas passieren“, stellen sich die Intensivmediziner hinter den Kurs der Kanzlerin. „Zwei oder drei Wochen harter Lockdown, das lässt sich über die Osterferien gut realisieren“, sagt Marx. Er nennt Portugal als Vorbild, wo die Mutante B.1.1.7 mit Ausgangssperren, geschlossenen Schulen und harten Strafen bei Regelverstößen gestoppt wurde. „Das wird zahlreiche Menschenleben retten und noch viel mehr vor lebenslangen Langzeitfolgen durch Covid bewahren.“

Der Klinik-Chef

Gerald Gaß ist neuer Vorstandsvorsitzender der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG). Ja, die dritte Welle sein in den Kliniken angekommen, sagt er im Gespräch mit unserer Redaktion. „Mittelfristig müssen wir damit rechnen, dass wir auch den Höchststand von Anfang des Jahres wieder erreichen.“

Doch das ist für Gaß kein Horrorszenario, denn es gebe auch positive Nachrichten: „Wir haben zurzeit weniger Neueinweisungen von Covid-Patienten als bei gleichen Inzidenzwerten während der zweiten Welle.“ Das Impfen zeige schon Wirkung, auch wenn es noch viel zu langsam gehe. Ein weiterer positiver Effekt sei, dass auch ein Großteil der Ärzte und Pfleger schon geschützt sei.

Braucht es also doch keinen Knallhart-Lockdown wie in Portugal oder Irland? Gaß differenziert: „Würden die Länder die vereinbarte Notbremse konsequent umsetzen, wären dies geeignete Maßnahmen“, sagt er. Auch die DKG erwarte daher von den Landesregierungen, dass sie durchgreifen, wenn die Inzidenzen hochgehen.

Der DKG-Präsident sieht noch eine weitere Chance: „Impfen ist DAS Mittel, um die dritte Welle zu brechen. Deshalb müssen wir so viele Menschen wie möglich mit der Erstimpfung versorgen“, sagt er, und fordert konkret: „Der Zeitraum bis zur Zweitimpfung sollte maximal ausgeschöpft werden. Das wär eine Möglichkeit, Krankenhäuser deutlich zu entlasten, denn die besonders gefährdeten Personengruppen können so vor schweren Verläufen geschützt werden.“

Die Kanzlerin-Beraterin

Bei Anne Will hatte Merkel einmal mehr auf die Modellierungen von Max-Planck-Forscherin Viola Priesemann verwiesen. An diesem Dienstag hat die 38-Jährige mit Kollegen eine neue Studie vorveröffentlicht, in der berechnet wird, wann welche Impf-Fortschritte welche Freiheiten erlauben. Eine Schlüsselerkenntnis formuliert Priesemann im Gespräch mit unserer Redaktion: „Jetzt weiter zu lockern wäre verfrüht und gefährlich. Spielraum für deutliche Lockerungen sehe ich erst ab Juni, wenn die Über-60-Jährigen geimpft sein werden.“ Werde dann auch weiter Maske getragen, Abstand gehalten und auf große Events und Feiern verzichtet, „dann können wir gut durch den Sommer kommen“.

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Es gilt also, bis in den Juni zu kommen. Nur wie? „Lassen wir die Fallzahlen jetzt hochschießen, wird es zu sehr vielen vermeidbaren Todesfällen kommen“, betont Priesemann. Aber dass die Fallzahlen ohne komplettes Herunterfahren des Landes auch wirklich hochschießen, das sieht sie nicht. „Sonne und Wärme werden helfen, aber ab wann, ist schwer vorherzusehen“, sagt die Forscherin.

„Im allerallerbesten Fall hat die Saisonalität schon bald eine Bremswirkung von etwa 20 Prozent und gleicht den B.1.1.7-Effekt zum Teil aus“, so Priesemann. „Dann könnten wir es mit geschlossenen Schulen und vermehrtem Testen schaffen. Vermehrtes Homeoffice kann auch noch einen Beitrag leisten.“ Ihr Fazit: „Die Saisonalität könnte helfen, dass man nicht einen kompletten irischen Lockdown braucht – aber ohne Nachbesserung wird es schwer, das Wachstum aufzuhalten.“

Und nun?

Lockerungen, ein Aufweichen der vereinbarten Notbremse, Geschäfte auf dank Schnelltests: Das geht aus Sicht aller hier zu Wort gekommenen Experten absolut nicht. Denn das könnte tatsächlich binnen weniger Wochen im Gesundheitsnotstand enden, und dann sähe sich die Kanzlerin ohnehin wieder genötigt, das Land in einen vollen Shutdown schicken. Aber ob das wirklich (jetzt schon) sein muss, oder ob die wirklich konsequente Umsetzung der vereinbarten Maßnahmen – inklusive Ausgangssperren in Hochinzidenzregionen – nicht doch ausreichen könnte, zur Not mit noch weiter geschlossenen Schulen nach den Ferien, um Corona so gerade eben im Griff zu behalten, das bleibt offen.