Nach dem Debakel in Sachsen-Anhalt geht es für den Kanzler bei den Landtagswahlen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern um alles. Womit er sich Luft verschaffen könnte.
Schicksals-WahltagSo kann Merz noch der Befreiungsschlag gelingen

In aussichtsloser Lage? Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU)
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Friedrich Merz weiß, dass seine Kanzlerschaft auf dem Spiel steht. Sonst hätte er das Präsidium der CDU nicht gleich für den Abend der Landtagswahlen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern einberufen, und er wäre in der kommenden Woche auch zur Generalversammlung der Vereinten Nationen gereist. Die als Solidaritätsadresse gelesene Erklärung der acht Ministerpräsidenten, die ohne den Namen des Kanzlers auskam, zeigt vor allem eines: dass Merz gestützt werden muss.
Der haushohe Sieg der AfD in Sachsen-Anhalt hat die Union in einen Zustand der Unberechenbarkeit versetzt. Bei der Doppelwahl an diesem Sonntag droht ihr eine zweifache Demütigung. In Berlin könnte die CDU das Rote Rathaus an einen Landesverband der Linken verlieren, der sich durch antisemitische Ausfälle hervorgetan hat. In Mecklenburg-Vorpommern steht der CDU, wenn man den Umfragen glaubt, erstmals seit 75 Jahren ein einstelliges Ergebnis bevor. Selbst ein Scheitern an der Fünf-Prozent-Hürde scheint möglich.

Schafft es CDU-Kandidat Stefan Evers (l.) mit Unterstützung von Kanzler Friedrich Merz (CDU) in Berlin auf Platz eins?
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Den Kräften in der Union, die das Bündnis mit der SPD als Quell allen Übels begreifen und eine Minderheitsregierung mit wechselnden Mehrheiten favorisieren, haben die acht Ministerpräsidenten klar widersprochen. Es wäre auch widersinnig, die SPD abzuschütteln, um sich den Stimmen von AfD und Linkspartei auszuliefern. So richten sich alle Augen auf Merz - und seine Defizite. Fehlt ihm nicht die Regierungserfahrung? Mangelt es ihm nicht an Geduld und Geschick, um Kompromisse zu finden und Mehrheiten zu bilden? Trifft er nicht zu oft den falschen Ton?
Also Kanzlertausch? Es wäre ein Akt der Verantwortungslosigkeit, nach drei unerfreulichen Landtagswahlen die ganze Republik zu lähmen. Deutschland muss Stabilitätsanker in einem Europa sein, das sich multiplen Bedrohungen ausgesetzt sieht. Deutschland braucht entschlossene Reformen, um wieder zu einem Wachstum zu kommen, das nicht mit Sonderschulden finanziert wird. Bis eine neue Formation in Tritt kommt, falls dies überhaupt gelingt, geht kostbare Zeit verloren.
Wer sollte Merz ersetzen?
Es erschließt sich auch nicht direkt, wer Merz jetzt ersetzen sollte. Als Reservekanzler gilt oft der Fraktionsvorsitzende, doch Jens Spahn stürzte über die Leihmutter-Affäre, und sein Nachfolger Thorsten Frei fremdelte mit dem Kanzleramt schon als Verwaltungsleiter. Anwärter ist immer auch der Vorsitzende der Schwesterpartei, doch Markus Söder hat gerade selbst in der CSU einen schweren Stand, fortgesetzte Prinzipienlosigkeit wird ihm vorgeworfen. Genannt wird außerdem ein Mann, ohne dessen strategische Fähigkeiten Schwarz-Rot möglicherweise nicht einmal über die Koalitionsverhandlungen hinausgekommen wäre: Alexander Dobrindt, der Innenminister. Aber würde Söder seinen Parteifreund an sich vorbeiziehen lassen?
So kommt Hendrik Wüst in den Blick, für den der Zeitpunkt aber nicht günstig wäre, stehen im April doch Landtagswahlen in NRW an. Geräuschloses Regieren ist das Markenzeichen von Wüst, zumindest gelingt ihm das in der Landespolitik. Aber was ist mit der internationalen Ebene, wo Trump, Putin, Erdogan warten? Zu den Ungerechtigkeiten dieser Tage gehört, dass die Verdienste von Merz auf der Weltbühne - etwa wie die Stärkung der europäischen Solidarität mit der Ukraine - nicht mehr interessieren.

Reservekanzler? Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU)
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Nach den Landtagswahlen sollte es um die nächste Bundestagswahl gehen, die regulär 2029 stattfindet. Merz könnte ein Befreiungsschlag gelingen, wenn er erklärt, was er ohnedies nicht mehr verhindern kann: dass er auf eine zweite Kanzlerkandidatur verzichtet. Der Regierung könnte das ein Fenster der Handlungsfähigkeit öffnen. Vorausgesetzt, die mächtigen Unionsleute in Bund und Ländern stützen den Kanzler in der verbleibenden Zeit wirklich. Und beschränken sich nicht auf fadenscheinige Solidaritätsadressen.