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Lage im KriegsgebietSüdukraine: An Brückenruine wird gekämpft – Angriff im Faulen Meer

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In einem überfluteten Dorf in der Nähe von Cherson, stehen Häuser unter Wasser. Die Zerstörung des Kachowka-Damms im Süden der Ukraine entwickelt sich rasch zu einer langfristigen Umweltkatastrophe.

Datschi während der Flutwelle. Inzwischen ist das Wasser abgelaufen, an der Brückenrampe gab es Kämpfe.

In der Nähe von Cherson halten ukrainische Truppen wieder Stellungen auf dem russisch besetzten Dnipro-Ufer. Was könnten die Folgen sein?

Die Schilderung im prorussischen Telegram-Kanal „Zwei Majore“ vom Sonntag klingt dramatisch. Unterhalb der zerstörten Antoniwka-Brücke bei Cherson, auf dem linken, russisch besetzten Dnipro-Ufer, stünden rund 100 ukrainische Soldaten. Sie gäben Mörserschüsse ab, hätten einen Trupp russischer Soldaten in die Flucht geschlagen, ein anderer sitze fest. Die Russen hätten Luftunterstützung angefordert, die aber nicht komme. Später soll dann laut dem Kanal ein Luftschlag erfolgt sein, aber half wohl nichts: Am Montag gab der russische Propagandist Sascha Kots den Abzug aus Datschi zu. Was ist los?

Was ist bekannt?

Noch am Sonntag konnte das US-amerikanische Institute for the Study of War (ISW) nur die russischen Blogger zitieren, hatte aber keine Bestätigung für eine ukrainische Flussquerung. Dann tauchte ein Drohnenvideo auf, das wohl den von den „Zwei Majoren“ beschriebenen Vorgang zeigt: Nahe der Ostrampe der Antoniwka-Brücke geraten russische Soldaten unter Beschuss und retten sich in einen gepanzerten Truppentransporter, der ebenfalls Schüsse abgibt. Inwieweit andere Angaben der Blogger stimmen, ist unklar. Laut den „Zwei Majoren“ sollen die Ukrainer im Ort Datschi unterhalb der Brücke ein Hotelgelände und Schrebergärtenareal besetzt haben.

Ist das eine neue Entwicklung?

Nicht wirklich. Seit der Befreiung der Gebietshauptstadt Cherson am rechten Dnipro-Ufer führten ukrainische Soldaten ständig Razzien auf dem gegenüberliegenden, noch russisch besetzten Ufer durch – bis hinunter bis zur Kinburn-Nehrung ganz im Westen, dem letzten Ausläufer des Festlandes im Dnipro-Mündungsgebiet. Am 3. Dezember 2022 wehte erstmals seit der russischen Okkupation wieder die ukrainische Flagge am linken Ufer gegenüber von Cherson. Ende April 2023 meldete das ISW eine dauerhafte ukrainische Präsenz bei Datschi, sprach aber ausdrücklich nicht von einem Brückenkopf.

Am 6. Juni 2023 dann die Zerstörung des Kachowka-Staudamms – ausgelöst wohl durch Sprengsätze im Wartungstunnel in der Basis des Damms, zu dem nur die russischen Besatzer Zugang hatten. Ein estnischer Geheimdienstoffizier mit dem Decknamen „Karl“ hat Journalisten erklärt, die Russen hätten die Folgen der Sprengung wohl falsch kalkuliert. Im Klartext: Sie wollten ein Hochwasser auslösen, rechneten aber nicht mit dem Zusammenbruch des ganzen Damms. Nun, nach dem Ablaufen der Flut, machen die Ukrainer weiter, wo sie am 6. Juni aufhören mussten. Nicht mehr und nicht weniger – zunächst.

Wie wichtig ist Datschi?

Das Sumpfland gegenüber Cherson eignet sich eigentlich nicht für eine größere Landungsoperation. Datschi ist eine Ausnahme: Eine der wenigen Stellen, wo feste Straßen in Ufernähe verlaufen, die zudem mit der Zufahrt zur gesprengten Antoniwka-Brücke verbunden sind. Wenn die Ukraine schweres Gerät über den Fluss bringen will, dann wäre es hier möglich. Aber bisher gibt es dafür keinen Beleg.

Wie geht es im Süden weiter?

Dass der Süden der Ukraine vom Dnipro bis zum Asowschen Meer allerdings eine zentrale Rolle in der ukrainischen Offensive spielen wird, ist eindeutig. Seit Wochen dringen ukrainische Einheiten langsam, aber stetig an verschiedenen Stellen vor – vor allem bei Orichiw im Bezirk Saporischschja und bei Welyka Nowosilka im Bezirk Donezk.

Gleichzeitig sind russische Munitionslager und die Übergänge zur Krim Ziele ukrainischer Angriffe mit Raketen und Marschflugkörpern. Zuletzt wurden ein Munitionsdepot in Rykowe an der Bahnstrecke von Melitopol zur Krim, eine Bahnbrücke auf der gleichen Route und eine Straßenbrücke über den Sywasch zerstört, eine Salzwasserlagune („Faules Meer“), die den Nordosten der Krim vom Hinterland trennt.

Bis jetzt hält die Ukraine ihre weiteren Pläne geheim. Erst drei von zwölf für den Angriff aufgestellten Brigaden sind im Einsatz. Eine größere Querung bei Datschi wäre dabei nur logisch: Die russische Seite hat nach der Damm-Sprengung viele Truppen aus der Uferregion abgezogen, ihre Gräben und Minenfelder sind durch die Flut stark beschädigt. Von Datschi aus sind es nur gut 100 Kilometer bis zur Landenge von Perekop, der einzigen Festland-Verbindung zur Krim. So ein Vorstoß könnte also dazu beitragen, die russischen Truppen im Süden von der Krim abzuschneiden.

Plant Russland eine Nuklearkatastrophe?

Ein großes Risiko im Süden bleibt das russisch besetzte Kernkraftwerk Saporischschja am Ufer des leergelaufenen Kachowka-Sees. Kyrilo Budanow, Chef des ukrainischen Militärgeheimdienstes, wirft den Russen vor, in vier der sechs Reaktorgebäude Lastwagen voller Sprengstoff aufgestellt zu haben.

Zwar sind die Reaktoren seit Monaten außer Betrieb. Eine Wiederholung des Szenarios von Fukushima, als die Kühlung laufender Reaktoren wegfiel, ist also nicht denkbar (ganz zu schweigen von Tschernobyl – die Reaktoren von Saporischschja gehören zu einer ganz anderen Bauart). Sehr wohl aber könnte eine Sprengung dazu führen, dass radioaktives Material den Dnipro und das Umland des Kraftwerks verseucht. Die Ukraine stellt sich auf Räumungen im Umkreis von 50 Kilometer ein.

Schon Ende Mai warnte Washingtons UN-Botschafterin Linda Thomas-Greenfield vor einer künstlich herbeigeführten Nuklearkatastrophe. Skrupel, das hat dann die Staudamm-Sprengung gezeigt, kennen die Besatzer nicht.