Paris – Die Kandidatin ist bester Dinge, und das sollen alle sehen. Ihre Schuhe mit den hohen Absätzen lassen sie noch größer erscheinen, als sie ohnehin ist. Wenn sie spricht oder lacht, und sie spricht viel und lacht oft, dann erfüllt ihre tiefe, rauchige Stimme den ganzen Raum. Ein Mikrofon braucht sie nicht. Marine Le Pen hat an diesem Nachmittag Mitte Januar mehrere ausländische Korrespondenten in ein Hotel im noblen Pariser Westen geladen, sie trägt ein schwarzes Sakko über einer eleganten, weißen Bluse. Seit Wochen absolviert sie ein straffes Wahlkampfprogramm, reist durch das Land und gibt Interviews. Trotz des fordernden Pensums wirkt sie entspannt.
Vergleicht sich gerne mit gutem Rotwein
Was der Unterschied zwischen Marine Le Pen 2017 und Marine Le Pen 2022 sei? Auf diese Frage hin lacht sie laut auf und sagt: „Es ist derselbe Unterschied wie zwischen einem Bordeaux 2021 und einem Bordeaux 1968!“ Man reife mit der Zeit und werde immer besser. Auch ihr Selbstbewusstsein hat offenbar noch einen Schub bekommen.
Wie bei den französischen Präsidentschaftswahlen in den Jahren 2017 und 2012 tritt die 53-jährige Rechtspopulistin in drei Monaten erneut an. Es könnte ihre letzte Chance sein, nach einem weiteren Scheitern dürften viele in der Partei den Glauben daran verlieren, dass sie es je schaffen kann. Sie selbst zeigt sich von ihrem Sieg überzeugt. „Ich sage das überhaupt nicht aus Eitelkeit, denn das würde nicht meinem Charakter entsprechen, sondern spreche aus Erfahrung und aufgrund der genauen Analyse der Situation.“ Demnach werde sie wie 2017 die Stichrunde gegen Emmanuel Macron erreichen. Damals erzielte sie 34 Prozent der Stimmen. Doch da sich ein großer Teil der Linkswähler, die für Macron stimmten, diesmal ihrer Meinung nach enthalten werde, sei der Weg für sie frei.
Laut Umfragen liegt die Rechtspopulisten klar hinter Macron
Die Umfragen sehen die Rechtspopulistin im Fall eines Duells hingegen klar hinter Macron. In einem am Samstag veröffentlichten Video zum Wahlkampfauftakt attackierte Le Pen nur ihn, erwähnte die Rivalen nicht einmal. Sie ließ sich dabei vor dem Louvre filmen, den sie nicht um eine Drehgenehmigung gefragt hatte. Jetzt fordert das Kunstmuseum, den Clip zu löschen.
Wenige Monate vor den Wahlen am 10. und 24. April gilt es als unsicher, ob Le Pen die Stichwahl erreichen wird. Derzeit liegt sie mit rund 17 Prozent gleichauf mit der Republikanerin Valérie Pécresse, gefolgt vom ultrarechten Journalisten Éric Zemmour mit 13 Prozent. Ihn kennen in Frankreich viele aus einer früheren Fernsehsendung, in der er offen gegen Ausländer und Muslime hetzte; seine Bücher, in denen er den Niedergang der französischen Nation skizziert, wurden Bestseller. Zweimal haben Gerichte den 63-Jährigen wegen Aufstachelung zum Rassenhass verurteilt.
Hauptthemen bleiben Einwanderung und Sicherheit
Die Kandidatur des Hardliners ist für Le Pen Nutzen und Schaden zugleich. Zemmour könnte sie um den Einzug in die Stichwahl bringen. Zugleich verschafft er mit seiner medialen Dauerpräsenz ihren Hauptthemen Einwanderung und Sicherheit Gewicht und Gehör. Im Vergleich zu Zemmour wirkt sie, das bisherige Enfant terrible, plötzlich moderat. Während er Islam mit Islamismus gleichsetzt und Muslime in Frankreich nur akzeptieren will, wenn sie ihre Religion aufgeben, sagt sie, sie habe mit dem Islam kein Problem, nur mit Extremisten. Wem Le Pen allmählich zu soft wird, der geht zu Zemmour.
Einer neuen Studie zufolge sehen nur 40 Prozent der Befragten sie als Vertreterin einer „nationalistischen und ausländerfeindlichen extremen Rechten“, das sind elf Punkte weniger als 2018 – bei Zemmour sagen dies 64 Prozent. Politikwissenschaftler Emmanuel Rivière bezeichnet dies als „spektakuläre Entwicklung für Marine Le Pen“. Zugleich wünschen insgesamt nur 21 Prozent der Französinnen und Franzosen ihren Sieg, und nur acht Prozent stehen hinter Zemmour. Le Pen sei heute in einer schlechteren Position als vor fünf Jahren, sagt Rivière: „Die Einschätzung ihrer Fähigkeit, zu regieren und eine gute Präsidentin zu sein, ging zurück. Marine Le Pen macht weniger Angst, aber zieht auch weniger an.“ Es handelt sich insgesamt um die siebte Präsidentschaftskampagne, an der sie sich beteiligt. Die Politik hat bereits ihre Kindheit geprägt, von dem nie aufgeklärten Bombenanschlag in ihrer Wohnung, als sie acht Jahre alt war, bis zum Verbot der Eltern von Klassenkameraden, mit einer Le Pen zu spielen. Erzählt sie davon, lässt sie so etwas wie Verletzlichkeit durchscheinen – gleichzeitig erklären diese Erlebnisse ihre Angriffslust.
Ihre Spezialität: Gegner in Grund und Boden reden
Bevor sie 2011 den Vorsitz des damaligen Front National von ihrem Vater, Parteigründer Jean-Marie Le Pen, übernahm, hatte sie dort zunächst den juristischen Dienst geleitet, war lange im Vorstand. Schon damals konnte sie, ausgebildete Anwältin, Gegner mit einer Mischung aus Eloquenz, Boshaftigkeit und Aufbrausen in Grund und Boden reden. Auch jetzt bekommt sie schnell einen scharfen Ton. Und doch reagiert die 53-Jährige weniger schrill, sobald sie sich in die Enge gedrängt fühlt. Sie bleibt höflich, etwa bei der Frage, wie sich die Beziehungen zwischen Frankreich und Deutschland unter ihr als Präsidentin verändern würden. „Heute ist es doch so: Deutschland gibt den Ton an, und Frankreich gehorcht – das ist sicher nicht meine Vision der Dinge“, führt sie aus. „Ich bin Deutschland nicht böse, seine eigenen Interessen zu verteidigen. Aber ich werde für Frankreichs Interessen kämpfen, die mit den deutschen nichts gemein haben!“ Dabei möge sie „das deutsche Volk“, das ihr leidtue, da es eine Koalition gewählt habe, die „noch mehr Illegale aufnehmen“ wolle.
Privat züchtet Le Pen Katzen
Ihr Vater wäre der Erste, an den sie bei ihrem Wahlsieg denken würde, verriet Marine Le Pen in der Fernsehreihe „Heimliche Ambitionen“. Man erfuhr darin, dass die Politikerin Katzen züchtet, gerne im Garten arbeitet und eine Schulfreundin von früher bei ihr wohnt. Die drei erwachsenen Kinder aus einer ersten Ehe sind schon ausgezogen.
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Es war das Bild einer weichen und zugleich starken Frau, das in der Sendung gezeichnet wurde. Dabei sind ihre politischen Vorschläge weiterhin ziemlich hart. Sie sieht ein Referendum über die Einwanderungspolitik und ihren Vorschlag der „nationalen Priorität“ vor. Demnach sollen bei der Vergabe von Sozialwohnungen oder Jobs Franzosen Ausländern vorgezogen werden. Nationales Recht solle über EU-Recht stehen – hier sieht sie Polen als Vorbild, dessen Verfassungsgericht dies ebenfalls beschlossen hat. Ihre frühere Forderung nach einem Austritt aus der EU hat sie aufgegeben, denn die Mehrheit der Franzosen teilte sie nicht. Ob die Wähler ihr nun folgen? Noch drei Monate bis zur Entscheidung.


