Neue Zahlen vom Statistischen Bundesamt: Jeder Sechste in Deutschland gilt als armutsgefährdet. Vor ein paar Jahren war der Anteil vorübergehend niedriger. Woran liegt das? Und was ist zu tun?

Was tun gegen Armutsgefährdung?Der Schlüssel ist die Erwerbstätigkeit

Wartezimmer in einem Jobcenter: Zwei Drittel der Erwerbslosen gelten als armutsgefährdet.
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Die Botschaft wiegt schwer wie Blei: Gut 16 Prozent der Bevölkerung, also fast ein Sechstel, sind nach Angaben des Statistischen Bundesamtes von Armut bedroht. Nach einer erweiterten Definition, die neben den Einkommensverhältnissen auch weitere Selbstauskünfte und die Erwerbsbeteiligung der Haushaltsangehörigen berücksichtigt, gilt sogar mehr als jeder Fünfte als „von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht“.
Was ist zu tun? Erste Bürgerpflicht: nähere Betrachtung der Daten. Armutsgefährdet wird genannt, wer über „weniger als 60 % des Median des Nettoäquivalenzeinkommens der Bevölkerung“ verfügt. Ob jemand armutsgefährdet ist, hängt also mit davon ab, wie es den anderen geht. Probe aufs Exempel: 2022 fiel die Armutsgefährdungsquote um 1,2 Punkte auf 14,8 Prozent und ging im Folgejahr weiter zurück. Als Folge der Energiepreiskrise waren 2022 die Reallöhne stark gesunken. Seit 2024 holen sie deutlich auf. Siehe da: Jetzt stieg die Armutsgefährdungsquote wieder. Dem ärmeren Teil der Bevölkerung aber ging es 2022 und 2023 nicht besser als vorher oder nachher.
Folgen von Arbeitslosigkeit schlagen bis ins Rentenalter durch
Starke Lohnerhöhungen in gut aufgestellten Branchen können die Armutsgefährdungsquote treiben. Andersherum wird ein Schuh daraus: Erwerbstätigkeit ist nach den Daten des Bundesamts der beste Schutz vor Armutsgefährdung. Dagegen sind fast zwei Drittel aller Arbeitslosen armutsgefährdet. Wer also meint, Bürgergeldempfängern damit einen Gefallen zu tun, dass möglichst wenig Druck zur Jobaufnahme ausgeübt wird, der irrt. Und am Ende schlagen die Folgen langer Arbeitslosigkeit noch im Rentenalter durch. Relativ stark betroffen sind zudem Alleinerziehende. Hier müsste der Staat sicher mehr tun, sowohl bei der Kinderbetreuung als auch bei der Durchsetzbarkeit von Unterhaltsforderungen.
Nicht aufgeschlüsselt hat das Statistische Bundesamt seine Daten nach Nationalität. Andere Erhebungen zeigen aber: Trotz eindrucksvoller Fortschritte liegt etwa die Erwerbsbeteiligung syrischer Flüchtlinge immer noch unter dem Durchschnitt der Bevölkerung. Fast eine Million dieser Menschen aufzunehmen war eine große humanitäre Leistung. Aber das hatte eben Auswirkungen auf das soziale Gleichgewicht. Schlecht sieht es auch bei der Teilnahme ukrainischer Flüchtlinge am Arbeitsmarkt aus. Das kann und das muss sich entscheidend ändern. Dann würde auch die Armutsgefährdungsquote sinken. Anders als der reine Statistikeffekt von 2022/23 würde das den Menschen wirklich helfen.

