Der Kreml will trotz der ukrainischen Angriffe seine Ziele „unter allen Umständen erreichen“ – der Frust der Russen wird indes sichtbarer.
Frust sogar in Putins Staats-TVWut in Russland – aber Moskau bekräftigt Ziele und attackiert Trump

Kremlchef Wladimir Putin. (Archivbild)
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Über St. Petersburg steigen nach ukrainischen Drohnenangriffen dichte Rauchwolken auf, immer mehr Russinnen und Russen zeigen offen ihren Ärger über die Auswirkung des Krieges – aber der Kreml bleibt dennoch auf Kurs: Nun zeigte sich Russlands Außenminister Sergej Lawrow unbeeindruckt – und hat die Entschlossenheit Moskaus zur Durchsetzung seiner Kriegsziele betont.
„Wir werden unsere Ziele unter allen Umständen erreichen“, zitierte die russische Nachrichtenagentur Interfax den dienstältesten russischen Minister. Notfalls werde das auch gegen den Willen der US-Regierung geschehen, kündigte Lawrow zudem an.
Moskau bleibt auf Kriegskurs
Washington habe offenbar seine Haltung bezüglich der zwischen Kremlchef Wladimir Putin und US-Präsident Donald Trump in Alaska getroffenen Vereinbarungen geändert, sagte Lawrow am Rande eines Gipfels im zentralasiatischen Kirgistan und verwies darauf, dass Moskau „eine diplomatische Lösung vorziehen würde“ und dies bereits mehrfach betont habe.
Der russische Chefdiplomat reagierte damit auf die Worte seines US-Kollegen Marco Rubio, der den Gipfel in Anchorage 2025 zwischen Trump und Putin als gescheitert bezeichnet und neue Wege für eine diplomatische Lösung gefordert hatte. Beide Politiker hatten sich erst am Vortag am Rande des ASEAN-Gipfels in Manila getroffen.
Angriffe gegen „Wildberries“-Standorte sorgen für Aufsehen
Der Kreml betont mit Lawrows Aussagen nun erneut seine unnachgiebige Haltung. Bereits am Donnerstag hatte Kremlsprecher Dmitri Peskow versichert, dass die „militärische Spezialoperation“, wie der Krieg in Russland auf Geheiß des Kremls genannt wird, fortgesetzt werde, und berichtete von positiven Entwicklungen entlang der Front.
Im Fokus – auch der russischen – Öffentlichkeit steht jedoch die jüngste ukrainische Angriffsserie gegen Standorte des russischen Online-Versandhändlers Wildberries. Das Unternehmen wird auch als „Russlands Amazon“ bezeichnet. In den vergangenen Tagen attackierten ukrainische Drohnen immer wieder Lagerhallen des Online-Händlers, dem Kyjiw die Unterstützung der russischen Armee vorwirft.

Rauchsäulen steigen am Freitag über Wildberries-Lagerhallen in St. Petersburg auf.
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Großbrände in mehreren Regionen Russlands waren die Folge – riesige Rauchsäulen schwebten etwa über Moskauer Vorstädten, Krasnodar oder wie nun am Freitag über Putins Heimatstadt St. Petersburg. In den sozialen Netzwerken nehmen manche Russen angesichts der Angriffe kein Blatt mehr vor den Mund.
Schlechte Stimmung in Russland: „Natürlich hätte ich gerne Frieden“
„Das ist doch der reinste Wahnsinn“, beklagt etwa am Freitag eine Russin in einem der bei Telegram kursierenden Videos die jüngsten ukrainischen Angriffe. „Als ich heute Morgen aufgewacht bin, habe ich das hier gesehen“, fügt die Frau hinzu, während im Hintergrund ein Großbrand zu sehen ist. „Ich zittere immer noch.“
Die 30-jährige Kassiererin Swetlana aus dem Großraum St. Petersburg sagte der Nachrichtenagentur AFP derweil, die Angriffe machten ihr Angst. „Natürlich hätte ich gerne Frieden.“ Auch offene Kritik an Kremlchef Putin – etwa aus den Reihen der russischen Kriegsblogger – hat es zuletzt immer wieder gegeben.
Wladimir Putin verlässt Moskau – ausnahmsweise
Der Kremlchef hat die Angriffe gegen die Wildberries-Lagerhallen bisher nicht persönlich kommentiert, die wirtschaftlichen Auswirkungen der ukrainischen Attacken hatte Putin zuletzt jedoch heruntergespielt.

Kremlchef Putin bei einem Besuch eines Flugzeugwerks in Irkutsk am Freitag.
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Russische Exil-Medien berichten unterdessen, dass auch das Verhalten Putins auf eine gewisse Anspannung hindeute. „Von Januar bis Mai reiste der russische Präsident nur zweimal außerhalb Moskaus – beide Male nach St. Petersburg“, hieß es etwa bei Meduza angesichts Putins aktuellem Besuch eines Flugzeugwerks in Irkutsk.
„Sag mal, sieht es echt so schlecht für uns aus?“
Die Stimmung in Russland – und die zuletzt aufgekommenen Spekulationen über eine angeblich vom Kreml für den Herbst geplante Mobilmachung – ist unterdessen auch in den russischen Staatsmedien mittlerweile ein Thema. Die jüngsten Gespräche mit seinen besten Freunden seien wenig erfreulich gewesen, beklagte etwa der populäre russische Moderator Wladimir Solowjow.
„Plötzlich haben sie angefangen, mich zu fragen: Sag mal, sieht es echt so schlecht für uns aus?“, berichtete Solowjow. Als Grund für ihre Frage hätten sie auf die jüngsten ukrainischen Angriffe verwiesen. Die Verunsicherung seiner Landsleute könne er nicht verstehen, erklärte der kriegsbegeisterte Moderator, der für den staatlichen TV-Sender Rossija 1 arbeitet. Die Angriffe gegen Wildberries seien schließlich „dazu entworfen worden, um die Lage in unserem Land zu destabilisieren“, so Solowjow.
Sogar in Putins Staats-TV geht es plötzlich um den Frust der Russen
Gleichwohl zeigte sich der Moderator darüber erstaunt, dass Russland die ukrainischen Angriffe bisher nicht abwehren kann. „Planen wir, diese Objekte in irgendeiner Art zu beschützen?“, fragte der Moderator und forderte harte Maßnahmen zur Abwehr ukrainischer Angriffe – darunter auch, Spione in den Reihen der russischen Armee aufzuspüren und „öffentlich zu erhängen“.
Frieden hat Solowjow unterdessen nicht im Sinne – der Moskauer Propagandist fordert vielmehr, dass der Kreml wieder Herr über die öffentliche Darstellung des Krieges werden müsse. Die Machenschaften der „Pseudo-Z‑Blogger, die offensichtlich im Interesse des Feindes handeln, indem sie Panik verbreiten“, müssten unterbunden werden, erklärte Solowjow etwa. „Alle machen einander Angst, alle rufen ‚Mobilisierung, Mobilisierung‘ – es herrscht dieses Getöse, das sich bis in jeden Winkel ausbreitet“, beklagte der Moderator.
Ukraine meldet viele Tote nach russischen Angriffen
Moskau unterstreicht unterdessen nicht nur mit Lawrows Worten und den drastischen Aussagen in staatlichen Medien seinen Kriegskurs, sondern setzt auch die Angriffe auf die Ukraine ungemindert fort. Bei einem russischen Luftangriff nahe der Hauptstadt Kyjiw wurden laut dem ukrainischen Staatschef Wolodymyr Selenskyj sechs Menschen getötet. Dutzende weitere Menschen seien verletzt worden.
Bei einem weiteren Angriff auf die ostukrainische Stadt Slowjansk wurden unterdessen fünf Menschen getötet. Neun weitere Menschen seien verletzt worden, als die russische Luftwaffe Lenkbomben auf die nahe der Front gelegene Stadt abgeworfen habe, hieß es von ukrainischen Behörden.
