Mit Burnout in die Tagesklinik„Nimmt man keine Pause, knallt es irgendwann – und dann dauert es sehr lang“

Lesezeit 6 Minuten
Autorin Julia Knörnschild

Julia Knörnschild erzählt in ihrem Buch und auf Instagram offen und humorvoll von ihren Erfahrungen mit Burnout, Angststörungen und ADHS.

Julia Knörnschild rutschte in den Burnout, da waren ihre Kinder noch klein. Plötzlich anzuhalten, das musste sie sich als Mutter erst erlauben. Ein Erfahrungsbericht.

Die Muttergeneration von heute ist erschöpft. Das zeigt sich nicht nur an den vollen Mütterkurkliniken. Auch im eigenen Umfeld kennt wohl jeder eine Mutter, die im überladenen Alltag zwischen Erwerbstätigkeit, Kinderbetreuung und Lebensorganisation völlig ausgebrannt ist. Genau so ging es Julia Knörnschild. Als Mutter zweier Kleinkinder, Unternehmerin, Autorin und Podcasterin war sie unter Dauerstrom und landete schließlich mit einer Erschöpfungsdepression in der Tagesklinik. In ihrem Buch „Mama kann nicht mehr“ erzählt sie ganz offen von ihren Erfahrungen. Und will damit vor allem Mut machen. Ein Gespräch.

Sie sind als berufstätige Mutter in die totale Überforderung gerutscht. Woran haben Sie gemerkt, dass alles zu viel ist?

Ich hatte starke Gedächtnis- und Konzentrationsprobleme und konnte mich an die einfachsten Dinge oder Termine nicht mehr erinnern. Wenn es mir dann wieder eingefallen ist, war das jedes Mal ein Schockmoment, Ohnmachtsgefühle kochten dann in mir hoch. Ich hatte in der Zeit auch krasse Angstzustände mit Panikattacken, wenn ich in einer reizüberfluteten Umgebung war. Und ich war richtig niedergeschlagen und hatte keinen Antrieb.

Wie hat sich das im Alltag mit zwei kleinen Kindern gezeigt?

Da meine Batterie meistens leer war, konnte ich nicht mehr freundlich bleiben und die Situation überspielen, wie ich es vorher oft gemacht hatte. Ich war sehr gestresst im Umgang mit den Kindern und teilweise eklig zu den Erwachsenen in meinem Umfeld. Dabei hatte ich ständig Schuldgefühle.

Wann haben Sie sich Hilfe gesucht?

Ich war schon länger in therapeutischer Behandlung. Als ich aber selbst die wöchentlichen Therapie-Termine oft vergessen habe, hat mir meine Therapeutin vorgeschlagen, in eine Klinik zu gehen.

Wie haben Sie auf diesen Vorschlag reagiert?

Meine erste Reaktion war, es total runterzuspielen. Nach dem Motto: Ich bin ja voll die Drama-Queen, da habe ich wohl übertrieben, ich muss doch nicht in die Klinik!

Glauben Sie, das ist eine typische Reaktion?

Bestimmt. Als ich neu in der Klinik war, habe ich mal in die Runde gefragt und alle erzählten, sie hätten anfangs gedacht, sie wären hier nicht richtig, weil sicher alle viel kränker seien als sie. Es gibt so viele Vorurteile, dabei sind in der Tagesklinik einfach ganz normale Menschen – wenn man den Begriff „normal“ überhaupt benutzen möchte.

Viele Mütter sagen, sie bräuchten eigentlich eine Klinik oder eine Kur, aber sie könnten doch ihre Kinder nicht alleine lassen. Woher kommt das?

Es gibt in unserem Land den stark verwurzelten Mythos der „guten Mutter“, nach dem ein Kind zur Mutter gehört. Viele Mamas gönnen sich deshalb kaum Pausen, auch wenn sich natürlich andere Bezugspersonen um die Kinder kümmern könnten.

Hatten Sie auch das Gefühl, nicht weg zu können oder dürfen?

Auf jeden Fall. Es war ganz schlimm. Ich dachte, ich bin eine schlimme Mutter und tue ihnen etwas an, wenn ich in die Tagesklinik gehe. Ich habe mir große Sorgen gemacht. Dann erfuhr ich, die Klinik geht nicht den ganzen Tag und ich kann meine Kinder nachmittags trotzdem noch sehen. Wenn es mir gut ging, konnte ich sie sogar von der Kita abholen.

Ich glaube, die wenigsten wissen, was in einer Tagesklinik passiert. Können Sie Einblick geben?

Ich hatte mir die Tagesklinik wie ein Krankenhaus mit rotem Kreuz vorgestellt, wo alle weiße Kittel tragen und vor sich hin schimpfen (lacht). Doch meine Klinik war eine Art Büro in einem Altbau, mit grauem Fußboden, hellen Holzmöbeln und Trockenblumensträußen – die sahen ein bisschen so aus, wie meine Seele sich gefühlt hat. Jede Woche bekommt man einen Stundenplan mit Anwendungen, zum Beispiel Gruppen- oder Einzeltherapie, Yoga, Achtsamkeitstraining und Sporttherapie.

Was haben Sie in der Klinik gelernt?

Um es mal als Metapher zu sagen: Ich bin mit einem leeren Werkzeugkasten hin und habe dort die ersten Werkzeuge bekommen, die ich heute immer noch erweitere und weiter schleife. Ich durfte aber auch viele neue Seiten an mir kennenlernen. Ich wusste lange nicht, wer ich bin, weil ich sehr abhängig von den Gefühlen anderer Menschen gewesen war und mich ständig angepasst hatte. In der Klinik entdeckte ich dann meine eigenen Interessen und neue erfüllende Hobbys, zum Beispiel das Malen.

Sie haben in der gleichen Zeit auch die Diagnose ADHS bekommen. Wie war das für Sie?

Es war keine leichte Zeit, ich habe viel geweint. Aber ich habe auch erstaunlich viel herausgefunden. Die Diagnose ADHS war wie eine Erklärung für mein ganzes bisheriges Leben. Ich hatte mich immer anders gefühlt als viele meiner Mitmenschen und mich gefragt: Warum bin ich so? Als ich dann das Buch „Die Welt der Frauen und Mädchen mit ADHS“ gelesen habe, verstand ich immer besser, welche Symptome die ADHS mit sich bringen kann – zum Beispiel, dass ich so Vieles gleichzeitig denke, dass ich so schnell, kreativ und extrovertiert bin, aber gleichzeitig auch viel Ruhe brauche. Auch meine Dyskalkulie hängt mit der ADHS zusammen.

Ich hatte immer geglaubt, ich wäre dumm, weil ich so schlecht in Mathe war und so viele Ausbildungen abgebrochen habe. Nach der Diagnose habe ich erkannt, dass ich gar nicht bescheuert bin, sondern das System einfach nicht für neurodivergente Gehirne geschaffen ist. Alles ergab plötzlich Sinn. Ich konnte auch meine Stärken erkennen, die ich jetzt nutzen und einsetzen kann.

Heute wird viel mehr über psychische Krankheiten gesprochen, aber die Details sind oft noch ein Tabu. Warum sprechen Sie offen darüber?

Weil ich merke, wie sehr ich anderen Menschen damit helfen kann. Da werde ich direkt emotional. Viele Followerinnen oder Leserinnen auf Tour bedanken sich und erzählen mir, dass ihnen meine Schilderungen sehr geholfen haben, sie meinetwegen Schlüsselmomente hatten und selbst den Schritt in die Therapie oder Tagesklinik geschafft haben. Das ist so krass. Ich bin Teil einer Bewegung.

Ihre Beiträge sind trotz des ernsten Themas oft komisch. Warum diese Form?

Mir ist es total wichtig, mit Humor über psychische Krankheiten aufzuklären, damit auch andere Menschen einen Zugang dazu bekommen. Mein Buch ist zum Weinen und Lachen. Und mir selbst hilft die Mischung zwischen Tragik und Komik auch. Humor ist einfach heilend.

Welche Botschaft haben Sie für die Mütter im Alltag?

Meine Mission ist es, Müttern beizubringen: Pausen sind keine Belohnung, sondern lebensnotwendig. Nur durch kleine Auszeiten im Alltag kann man seine mentale Gesundheit erhalten. In dieser Zeit sollte man etwas für sich machen und nicht mit den Kindern oder am Handy sein. Nimmt man keine Pausen, knallt es irgendwann, wenn es gar nicht passt. Dann aber braucht man eine sehr lange Pause.

Buchtipp: Julia Knörnschild: Mama kann nicht mehr, KiWi Verlag, 240 Seiten, 15 Euro

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