HitzeplanIst Deutschland für hohe Temperaturen gewappnet?

An heißen Tagen nach dem Feierabend auf die Wiesen. (Symbolbild)
Copyright: Nabil Hanano
Paris/Berlin – Um jeden Preis wollen die französischen Behörden menschliche Dramen wie im August 2003 vermeiden. Vom sogenannten Jahrhundert-Sommer ist ein Trauma zurückgeblieben. Einer Erhebung des nationalen Instituts für Gesundheit und medizinische Forschung nach forderte die extreme Hitze damals innerhalb weniger Wochen 19490 Todesopfer in Frankreich, 20089 in Italien und 70000 in ganz Europa.
Übersicht Mittelmeer
Portugal
Wegen der zahlreichen Waldbrände, die in Portugal schon seit einer Woche wüten, galt in dem auch bei Deutschen sehr beliebten Urlaubsland bis einschließlich gestern der Notstand. Im Rahmen des sogenannten „Estado de contingência“, der dritthöchsten Notstandsstufe, dürfen Einheimische und Touristen unter anderem im Wald keine Lagerfeuer anzünden. Der Aufenthalt in Wäldern ist zudem stark beschränkt. Ansonsten aber kann vorerst weiter normal geurlaubt werden; am Freitag stellten die Flammen den Behörden zufolge keine Bedrohung für Touristen- oder größere Wohngebiete dar.
Spanien
Portugals Nachbarland wird ebenfalls von einer seit Monaten anhaltenden Dürre und einer Gluthitze mit Temperaturen bis 45 Grad heimgesucht. Es gibt zurzeit allerdings deutlich weniger Waldbrände als in Portugal. Und es gibt auch keine Restriktionen wie im westlichen Nachbarland.
Frankreich
Urlauber müssen sich in den kommenden Tagen weiter auf heiße Tage einstellen. In weiten Landesteilen sind bis morgen deutlich über 30 Grad Celsius vorhergesagt, auch die bei Touristen beliebte Hauptstadt Paris bleibt nicht verschont. Probleme dürfte die Hitze beim Verkehr mit sich bringen. Weil sie dazu führt, dass Oberleitungen sich ausdehnen und tiefer hängen können und auch Schienen bisweilen übermäßig erhitzt werden, fahren die Züge der französischen SNCF bei hohen Temperaturen teils langsamer. Im Bahnverkehr kann es daher Verspätungen geben. In einigen südlichen Gegenden gelten zudem Waldbrandwarnungen, etwa an der Atlantikküste südlich von Bordeaux. Teils dürfen daher Wald- und Landwege nicht betreten oder befahren werden.
Italien
Urlauber müssen sich auch hier auf extreme Hitze einstellen. Wegen der geringen Menge an Regen und Schneefall in diesem Jahr herrscht vor allem im Norden Trockenheit, und Gewässer führen viel weniger Wasser als üblich. Wer etwa im Gardasee baden will, sollte aufpassen beim Reinspringen, empfahl bereits ein Vertreter des dortigen Gemeindeverbandes. Grund: der niedrige Wasserstand. Wegen der Notlage entschieden Städte wie Mailand und Venedig zudem unlängst, Brunnen abzudrehen, um Wasser zu sparen. Die Regierung in Rom verhängte bereits den Dürre-Notstand in den fünf Regionen Lombardei, Piemont, Venetien, Friaul-Julisch Venetien und Emilia-Romagna. Weitere Regionen könnten noch folgen. Auf Urlauber dürfte das aber keine direkten Auswirkungen haben. In vielen Teilen Italiens gilt außerdem eine erhöhte Waldbrandgefahr. „Ein Viertel der Waldbrände wurden heuer vermutlich durch Zigarettenstummel verursacht. Jedes Risikoverhalten, das einen Waldbrand verursachen könnte, muss unbedingt vermieden werden“, sagt der Forstwirtschaftslandesrat Südtirols, Arnold Schuler.
Griechenland
Obwohl das Land bisher von starker Hitze verschont blieb, ist es auch dort sehr heiß und trocken. Täglich brechen Dutzende Waldbrände aus. Viele können schnell eingedämmt werden, bei starkem Wind aber weiten sich manche Brände fast ungehindert aus. Für manche Gegenden gilt deshalb aktuell die zweithöchste Waldbrand-Warnstufe - unter anderem für Athen und Umgebung, für die Inseln Kreta und Euböa, Lesbos und Samos und auch für den Nordosten der Halbinsel Peloponnes. Es kann durchaus vorkommen, dass touristische Ortschaften vorsorglich evakuiert werden, weil ein Brand in der Nähe nicht unter Kontrolle gebracht werden kann. Wer ein Smartphone besitzt – gleichgültig ob in- oder ausländisch – erhält dann mit einem gellenden Signalton eine Warn-SMS des griechischen Bürgerschutzministeriums. Auf Griechisch und Englisch wird darin aufgefordert, die Gegend zu verlassen.
Immer wieder ruft die Feuerwehr Griechen und Touristen gleichermaßen dazu auf, jedwedes Feuer zu vermeiden - ob es die berühmte Zigarette ist, die aus dem Autofenster geworfen wird, oder ein vermeintlich harmloser Grillabend. Doch nicht nur bei Hitze, auch bei Sturm ist Vorsicht geboten.
Türkei
Auch in der Türkei müssen Urlauber etwa an der Mittelmeer-Küste mit Bränden rechnen. Im Südwesten ist es heiß, trocken und windig - da reicht oft ein Funke, um einen Großbrand auszulösen. Auch sollte vor allem bei starkem Wind nicht unterschätzt werden, wie schnell sich ein Brand ausbreiten kann. Urlauber sollten sich an die Vorgaben der Behörden halten und ihre Hotels umgehend verlassen, wenn sie dazu aufgefordert werden. An vielen Orten ist zudem der Zugang zu Wäldern in den heißen Monaten verboten.
Die türkische Regierung scheint in diesem Sommer besser auf die Waldbrände vorbereitet zu sein als vergangenes Jahr. Damals war sie scharfer Kritik ausgesetzt gewesen, unter anderem, weil zu Beginn keine einsatzfähigen Löschflugzeuge zur Verfügung standen. Dieses Jahr war das bislang anders. Das am Mittwoch ausgebrochene Feuer in Datca etwa brachten die Einsatzkräfte trotz starken Windes einen Tag später unter Kontrolle. (dpa)
Die Notaufnahmen der französischen Krankenhäuser waren überlastet, die Leichenhäuser überfüllt. Irgendwann mussten sogar Kältekammern des Großmarktes Rungis bei Paris angemietet werden, um die Toten unterzubringen. Derweil sorgten Fotos der damaligen Premier- und Gesundheitsminister in ihren Feriendomizilen für Kritik. Präsident Jacques Chirac, der seinen Kanada-Urlaub nicht abbrach, meldete sich erst nach zwei Wochen, ohne eine Verantwortung der Behörden einzuräumen. Erschütternd viele Menschen, so zeigte sich damals, lebten isoliert und blieben im Notfall ohne Hilfe.
Seit 2004 gibt es daher einen Hitzeplan, der die zu treffenden Maßnahmen und die Zuständigkeiten genau festlegt. Zwischen dem 1. Juni und dem 31. August sind die Behörden demnach grundsätzlich in Alarmbereitschaft und fahren Informationskampagnen. Mitarbeiter der Rathäuser erkundigen sich bei regelmäßigen Telefonanrufen bei besonders gefährdeten Bürgern nach deren Wohlergehen. Zu ihnen gehören allein lebende oder gesundheitlich geschwächte Senioren, Schwangere, Menschen mit einer Behinderung oder einer chronischen Krankheit, die in entsprechenden Datenbanken vermerkt sind. In den Radio- und Fernsehsendern laufen Spots, die die Menschen daran erinnern, zum Wasserglas zu greifen. Es gibt eine Hitze-Hotline und gekühlte „Frische-Räume“ in den Städten. Obdachlose werden mit Wasser versorgt oder zeitweise untergebracht.
Nur wenige Kommunen haben einen Hitzeplan
Auch in Deutschland sind für die kommenden Tage Werte über 35 Grad vorhergesagt. Vor möglicherweise vielen Toten durch sehr hohe Temperaturen warnte bereits vor Tagen der Bundesgesundheitsminister. Wie steht es um einen nationalen Hitzeplan?
„Es gibt nur wenige Kommunen in Deutschland, die einen Hitzeaktionsplan haben“, stellte der Vorsitzende der Arbeitsgruppe Klimawandel der Bundesärztekammer, Gerald Quitterer, Mitte der Woche vor Journalisten fest. „In wenigen Kliniken gibt es überhaupt Überlegungen, Fortbildungen dazu.“ Auch die meisten Pflegeheime seien nicht vorbereitet. Wenn „eine richtig fette Hitzewelle“ komme, sei es wichtig, „dass wir uns sehr kurzfristig anders vorbereiten“, so Quitterer.
Für den Fall möglicher Spitzenwerte auf dem Thermometer fordert der Vorsitzende der Deutschen Allianz Klimawandel und Gesundheit, Martin Herrmann, schnelles Handeln. So könnten in Kommunen Räume bereitgehalten werden, in denen man sich kühlen könne – zum Beispiel Kirchen. Denn Wohnungen könnten „zur tödlichen Falle“ werden. „Das alles kann man jetzt noch machen, wenn in drei, vier Tagen eine größere Hitzewelle kommt.“
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Wichtig sei es, dass gefährdete Menschen schnell von Hitzewarnungen erreicht würden, forderte der Leiter des Zentrums für Medizin-Meteorologische Forschung des Deutschen Wetterdienstes, Andreas Matzarakis. „Mein Wunsch wäre, dass es eine Hitzewarnung im Laufband im Fernsehen gibt.“ Der Wetterdienst habe mit seiner WarnWetter-App und seiner GesundheitsWetter-App seine Möglichkeiten ausgeschöpft.
Laut Gesundheitsministerium laufen bereits viele Anstrengungen gegen Hitzefolgen. Gefragt seien auch die Länder und Kommunen sowie die Träger von Einrichtungen. Eine Bund/Länder-Arbeitsgruppe habe schon 2017 Handlungsempfehlungen für örtliche Hitzeaktionsplänen erarbeitet. (mit dpa)


