Interview mit Energie-ChefinWer zahlt jetzt für die Energiewende?

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Energiewende 020922

Symbolbild

Die Klimaschutz-Finanzierung der Ampel liegt in Trümmern. Jetzt brauche es schnell einen neuen Plan und auf allen Ebenen mehr Tempo, fordert Kerstin Andreae für die Energiewirtschaft .

Woher soll das Geld für die deutsche Energiewende kommen? Die Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW), Kerstin Andreae, macht nach dem vernichtenden Urteil aus Karlsruhe Druck auf die Ampel: Die Regierung müsse „schnellstmöglich“ einen Plan vorlegen, sagt sie im Interview mit Tobias Schmidt.

Dem Bund fehlen 60 Milliarden Euro für den Klimaschutz: Bremst das Urteil des Bundesverfassungsgerichts die Energiewende aus?

Das Urteil wirkt sich auf die gesamte deutsche Klimaschutz- und Energiepolitik aus. Die Bundesregierung muss jetzt schnellstmöglich Klarheit darüber schaffen, wie die geplanten Vorhaben für Klimaschutz und Erneuerbaren-Ausbau in Zukunft verlässlich und stetig finanziert werden können. Unsere Branche braucht dauerhafte Investitionssicherheit. Wir sind allerdings erleichtert, dass die Bundesregierung zugesichert hat, dass alle bereits zugesagten Verpflichtungen aus dem Klima- und Transformationsfonds (KTF) in den Bereichen Energie- und Wärmewende erfüllt werden sollen.

Sollte der Staat nicht spätestens jetzt klimaschädliche Subventionen streichen?

Die Bundesregierung muss sich nun möglichst schnell überlegen, wie sie die fehlenden Mittel auftreibt. Dabei darf allerdings die Investitionsfähigkeit der Energiebranche mit Blick auf den Erneuerbare-Energien-Ausbau nicht gefährdet werden. Wir dürfen in unseren Anstrengungen für eine erfolgreiche Energiewende nicht nachlassen. Diese Investitionen sichern die Wettbewerbsfähigkeit des Industriestandortes Deutschland und schaffen Wertschöpfung.

Können Sie beim Ausbau der Erneuerbaren die notwendigen Fortschritte erkennen?

Ja, das können wir! Es gibt deutlich mehr Flächenvorgaben für Windkraft und PV-Anlagen. Die Regierung arbeitet daran, die Genehmigungen zu beschleunigen. Aber der Ausbau geht noch immer zu langsam. Das liegt auch daran, dass es an vielem fehlt, vom Material über Fachkräfte bis zum Willen in allen Amtsstuben, wirklich anzupacken. Gerade für den Windenergieausbau an Land braucht es deutlich mehr Tempo.

Ist es überhaupt zu schaffen, bis 2045 komplett ohne Gas und Öl auskommen?

Dazu müssen wir in allen Sektoren die Wende schaffen: Beim Strom durch einen schnellen Erneuerbaren-Ausbau, im Verkehr durch einen Hochlauf der Elektromobilität und im Gebäudesektor durch eine konsequente Wärmewende. In allen Bereichen ist zentral, dass wir wieder zu einem positiveren Bild der Energiewende in der Bevölkerung kommen. Ohne die Bereitschaft der Menschen, an der Energiewende mitzuwirken und beispielsweise Windkraftanlagen in der Nachbarschaft zu akzeptieren, wird es nicht gehen. Hier müssen wir deutlich machen, dass die Energiewende auch regionale Wertschöpfung schafft. Auch eine frühe Beteiligung und sinkende Stromkosten können beitragen. Ein weiteres zentrales Thema ist der Ausbau der Stromnetze, damit der Strom von den Windregionen ins Landesinnere und in den Süden transportiert werden kann. Aktuell stehen Windräder zeitweise still, weil das Netz ihren erzeugten Strom nicht mehr aufnehmen kann. Das führt natürlich zu Skepsis, wenn gleichzeitig richtigerweise gesagt wird, dass wir noch mehr Windräder brauchen.

Ist all das wirklich rechtzeitig zu schaffen, um für genug preiswerte Energie zu sorgen, sodass die Industrie nicht abwandert?

Es ist erstmal gut, dass sich die Regierung auf ein Strompreispaket geeinigt hat und für Entlastungen in der Breite und in der Spitze sorgt. Besser wäre es gewesen, die Stromsteuer für alle zu senken, um die Elektrifizierung insgesamt zu beschleunigen. Dass überdies an Hilfen für die energieintensiven Industrien gearbeitet wird, ist richtig. Letztlich sind das Kompensationen für die CO2-Bepreisung, um Wettbewerbsnachteile auszugleichen. Eine Abwanderung der Produktion in andere Länder würde dem Klimaschutz schließlich nichts bringen.

Kann eine Deindustrialisierung nur mit Milliarden an Steuergeld abgewendet werden?

Es wird ein enormer Kraftakt, aber: Wir können es schaffen, dass wir bis 2030 rund 80 Prozent unseres Strombedarfs aus Wind, PV, Biomasse und Wasserkraft decken können. Das kann zu international wettbewerbsfähige Energiepreisen beitragen. Zwar schicken Sonne und Wind keine Rechnung. Allerdings kommen hohe Systemkosten für Netze, Speicher und wasserstofffähige Gaskraftwerke für gesicherte Leistung hinzu. Hier wird der Staat noch lange mithelfen müssen. Aber es lohnt sich. So ist die Netzstabilität in Deutschland auf einem absoluten Topniveau. Gerade mal 12,2 Minuten ist der Strom vergangenes Jahr im Schnitt ausgefallen, das schafft quasi kein anderes Land. Diese Stabilität ist für die Industrie ein klarer Standortfaktor.

Verheerend für Klima und Umwelt sind die Importe von gefracktem Flüssiggas aus den USA. Sind die Langzeitverträge, die dafür abgeschlossen worden sind, nicht ein Fehler?

Erstmal muss man festhalten, dass die Regierung im vergangenen Jahr genug Gas beschafft hat und wir trotz des russischen Lieferstopps gut durch den Winter gekommen sind. Das war absolut notwendig! Dazu kommt, dass Gas und insbesondere die Gasinfrastruktur die Brücke zum grünen Wasserstoff ist. Über die stationären LNG-Terminals wird künftig Wasserstoff angelandet werden, insofern sind diese Investitionen notwendig.

Warum nicht statt LNG die Atomkraft nutzen oder heimisches Gas fördern?

Die Betreiber der drei letzten vom Netz gegangenen Atommeiler betonen, dass ihre Kraftwerke aus organisatorischen, personellen und finanziellen Gründen nicht wieder hochgefahren werden können. Auch sie können jeden Euro nur einmal ausgeben und halten es für sinnvoller, das Geld in Zukunftsenergien zu investieren: Windkraft, Solar, später Wasserstoff sowie Gas für den Übergang. Wenn wir gleichzeitig mit den Netzen und Speichern vorankommen und den Strom flexibel nutzen, hat sich die Atomkraft-Diskussion überholt. Auch Mini-Reaktoren, an denen Bill Gates bastelt, sind bislang kein Geschäftsmodell geworden.

Und wann können wir genug Wasserstoff erzeugen beziehungsweise importieren?

Ich bin inzwischen sehr zuversichtlich, dass wir uns bis Mitte des kommenden Jahrzehnts mit ausreichend Wasserstoff versorgen können. Wir sind in Gesprächen mit vielen Ländern, die mehr Wasserstoff produzieren werden, als sie selbst verbrauchen. Und die Bundesregierung hat vor wenigen Tagen den Startschuss für den Aufbau eines Wasserstoffkernnetzes gegeben. Das ist ein mutiger Schritt, der uns vor die Welle bringt. Für den Aufbau einer Wasserstoffwirtschaft ist Deutschland jetzt richtig gut vorbereitet. Und dass grüner Wasserstoff eine ganz zentrale Säule in einer CO2-neutralen Welt sein wird, daran besteht auch international kein Zweifel mehr.

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