Seine Lieblingseissorte ist Schokolade, er zieht das „Alaaf“ dem „Helau“ vor, sein Fußballherz schlägt für den 1. FC Köln. Diese Antworten entlockte Bornheims Ortsvorsteher Dominik Pinsdorf NRW-Innenminister Herbert Reul.
Schokolade und „Blaulicht“Herbert Reul beim Ortsgespräch in Bornheim

NRW-Innenminister Herbert Reul (links) im Gespräch mit Dominik Pinsdorf beim 6. Bornheimer ORT's Gespräch.
Copyright: Frank Engel-Strebel
Zum 6. Mal hatte der am Sonntag 30 Jahre alt gewordene Pinsdorf, seines Zeichens jüngster Ortsvorsteher in der Geschichte der Vorgebirgsstadt, zu einem „ORT’s-Gespräch“ eingeladen. Die Talkrunde, bei der auch die Zuschauer mit den prominenten Gästen diskutieren können, rief Pinsdorf im Frühjahr ins Leben und er konnte dafür bereits NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU), Bundestagspräsident a. D. Norbert Lammert (CDU), Bundestagsvizepräsidentin Petra Pau (Die Linke), Comedian Bernd Stelter und Bornheims Bürgermeister Christoph Becker (parteilos), der auch Schirmherr der ORT's-Gepräche ist, begrüßen.
Schirmherr ist seit 2020 auch Herbert Reul für das vom Stadtjugendring, damals noch unter dem Vorsitz von Pinsdorf eingerichtete Aktionsbündnis „Jugend trifft auf Blaulicht“.
Reul begann seine politische Laufbahn als CDU-Stadtrat in Leichlingen (1975 bis 1992). Seine Erfahrungen aus dieser Zeit prägen bis heute das politische Handeln des 71-Jährigen: „Mach‘ lieber keine großen Sprünge, sondern kleine Schritte und verspreche nichts, was du nicht halten kannst, denn dein Nachbar wohnt um die Ecke und fragt irgendwann nach.“

Herbert Reul war nicht zum ersten Mal in Bornheim zu Gast. Anfang 2020 übernahm er die Schirmherrschaft für das Aktionsbündnis 'Jugend trifft Blaulicht' am Standort des Technischen Hilfswerks (THW) in Sechtem. Neben ihm Dominik Pinsdorf, damals noch Vorsitzender des Stadtjugendrings.l
Copyright: Frank Engel-Strebel
Erstmals zog Reul 1985 in den NRW-Landtag ein (bis 2004). Nachdem er zwischenzeitlich viele Jahre im EU-Parlament saß, kehrte er 2022 kehrte er zurück als Abgeordneter nach Düsseldorf. Ministerpräsident Armin Laschet (CDU, 2017 bis 2021) ernannte ihn 2017 zum NRW-Innenminister. Dieses Amt übt er unter Laschets Nachfolger Hendrik Wüst (CDU) weiter aus.
Der breiten Öffentlichkeit wurde Reul vor allem durch seinen engagierten Einsatz gegen die organisierte Clan-Kriminalität und seinem Kampf gegen Kinderpornographie bekannt und damit verbunden durch seine „Null-Toleranz-Strategie“, die er in Bornheim noch einmal erläuterte: „Geht es um die Sicherheit der Bürger, muss die Polizei konsequent gegen Rechtsverstöße vorgehen und die friedensstiftenden Regeln der Bundesrepublik verteidigen.“
Bei der Clan-Kriminalität habe das Land 30 Jahre lang geschlafen. Nur so konnten die kriminellen Strukturen aufgebaut werden: „Damals kamen auch Flüchtlinge in unser Land, doch wir haben uns nicht darum gekümmert und so hatten sie Zeit genug diese Clan-Strukturen aufzubauen.“ Nun sei es schwierig, diese zu aufzulösen.
Wichtig sei es für Reul zu zeigen, dass sich jetzt etwas ändere und Unruhe zu stiften, und wenn es nur kleine Nadelstiche seien: „Das mögen sie nämlich gar nicht. Sie wollen nicht gestört werden.“ Man könne auch Flugblätter verteilen, doch das bringe gar nichts: „Viele Leute denken mittlerweile, ich bin jeden Tag auf einer Razzia. Diese starken Bilder produzieren wir bewusst, um dadurch das Signal zu geben, wir haben das Problem erkannt und kümmern uns jetzt.“
Auf die Nachfrage aus dem Publikum wie mit den aktuellen Migrationsbewegungen umzugehen sie, mahnte Reul, die Fehler vergangener Jahrzehnte nicht zu wiederholen: „Wir brauchen kluge Lösungen, aber wir können das Problem nicht alleine lösen. Das müssen wir Europäer gemeinsam hinbekommen.“ Die Grenzen dichtzumachen hält Reul für „Schwachsinn“, er rät eher zu weiteren Verträgen mit den Anrainer-Staaten wie etwa dem unter Bundeskanzlerin Angela Merkel ausgehandelte Türkei-Deal, auch wenn dies ebenfalls problematisch sei.
Lösung müssten auch im Umgang mit Russland gefunden werden. Präsident Putin schleuse Geflüchtete bewusst über Länder wie Polen in die EU ein, um die Länder zu destabilisieren. Problematisch seien auch weniger schutzsuchende Frauen mit Kindern oder Familien, sondern alleinreisende junge Männer, die in großen Unterkünften untergebracht werden ohne Perspektiven oder Beschäftigungsmöglichkeiten: „Das ist nicht zu Ende gedacht. Natürlich passiert dann was.“
Geschockt zeigte sich Reul nach den Missbrauchsfällen von Lügde und der Verbreitung von Kinderpornographie: „Ich wusste, so etwas gibt es, doch diese Dimension konnte ich mir nicht vorstellen. Da geht es mehr als nur um Strafverfolgung. Was die Kollegen aushalten müssen, ist enorm.“ Um die Täter zu ermitteln, habe er das Personal für diesen Bereich um das Fünffache aufgestockt, damit sei NRW in Deutschland Vorreiter. Das hieße aber auch, dass an anderer Stelle Ermittler nun fehlten.
Ein Bürger wollte erfahren, was sich in Sachen Bevölkerungsschutz nach der Flutkatastrophe 2021 tue: „Die wichtigste Erkenntnis war, dass solche Katastrophen auch bei uns passieren und nicht nur woanders auf der Welt. Wir waren gut aufgestellt, aber nicht gut genug und wir sind noch lange sich da, wo wir hinmüssen“, räumte Reul ein. Neben dem Ausbau moderner Warntechnologien wie Cellbroadcasting über das Handy müsse auch über analoge Warnsysteme wieder nachgedacht werden, wenn die Technik zusammenbricht: „Als ich 2018 wieder Sirenen anschaffen wollte, hieß es, der Reul hat nicht kapiert, dass der Kalte Krieg vorbei ist.“ Und vielleicht sei es manchmal ganz effektiv, wenn doch noch ein Lautsprecherwagen durch die Straßen fahre, um die Bürger zu warnen.
Die Serie der ORTS‘-Gespräche wird fortgesetzt. Am Freitag, 22. September, kommt der Grünen-Bundestagsabgeordnete Anton Hofreiter nach Bornheim. Für Donnerstag, 23. November, hat sich NRW-Landtagspräsident André Kuper (CDU) angekündigt. Der Bundesabgeordnete Gregor Gysi (Die Linke) ist am 7. März 2024 dabei und auch die stellvertretende NRW-Ministerpräsidentin Mona Neubaur (Grüne) wird die Vorgebirgsstadt besuchen. Ein Termin steht aber noch nicht fest. Alle Gespräche finden im Brauhaus Kaiserhalle, Königstraße 58, Bornheim, statt.
