Kölner KarnevalFastelovend nach Bornheim importiert

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27.12.2022 Bornheim Wohnstift Beethoven. Ilse Prass und Heinz-Otto Schmitz-Pranghe vor ihrer Ordenswand mit Geschäftsführer David Urbach

Der Orden, den Wohnstift-Geschäftsführer David Urbach trägt, ist für Heinz-Otto Schmitz-Pranghe und seine Partnerin Ilse Prass zwar von der „falschen Gesellschaft“, aber die karnevalistischen Ehrenzeichen prägen das Leben der beiden Kölner.

Ein Kölner Paar aus dem Wohnstift Beethoven in Roisdorf hat den Fastelovend der Domstadt fest im Vorgebirge etabliert. Die alten Verbindungen ins Kölner Festkomitee sowie in verschiedene Gesellschaften sorgen für Auftritte von Dreigestirn und Karneval-Stars.

Wenn in Kürze im Wohnstift Beethoven in Bornheim-Roisdorf für Bewohner und deren Begleiter die Silvestergala mit 65 Gästen startet, wird der Kölner Heinz-Otto Schmitz-Pranghe gedanklich schon bei der nächsten und viel größeren Feier sein: Am 14. Februar, am Dienstag vor Rosenmontag, werden ebenfalls hier, im Restaurant des Stifts, vor 120 oder gar mehr Zuschauern das Kölner Dreigestirn und ein paar noch streng geheim gehaltene Karnevalsgrößen auftreten: beim „Lachenden Wohnstift Beethoven“. Schmitz-Prange und seine Partnerin mochten den Kölner Karneval auch im Alter einfach nicht missen. Zu lange haben die beiden im Kölner Festkomitee beziehungsweise bei der Bürgergesellschaft die Strippen gezogen.

Programm beim „Lachenden Wohnstift Beethoven“ bleibt geheim

Das Programm, das der Senior gemeinsam mit Klaudia Nebelin, der Kulturreferentin des Hauses, bereits vor Weihnachten abgestimmt hat, verheißt einige hochkarätige Überraschungen – bleibt aber geheim. „Bernd Stelter kommt diesmal nicht. Der war ja schon voriges Jahr da“, verrät Schmitz-Pranghe über den Karnevalisten, der bekanntlich in Bornheim-Hersel wohnt und somit naheliegenderweise hätte auf der Liste stehen können. Schmitz-Pranghe hat aber soviel Prominenz aus der Domstadt am Haken, dass er jedes Jahr ein neues Überraschungsprogramm präsentieren kann, in das er auch lokale Narrenherrscher einbindet.

Als er sich entschloss, ins Heim zu ziehen, versuchte er es zuerst an der Ahr, in der Villa Sibilla in Bad Neuenahr. „Aber die war mir einfach zu weit weg von Köln“, sagt Schmitz-Pranghe. In Bornheim hat er dann gefunden, was er gesucht hat: „Wir sind hier wirklich zufrieden. All die monatlichen Veranstaltungen.“ Und mit dem Blick aus dem Fenster, der ins Siebengebirge fällt, wo bekanntlich viel Stein für den Kölner Dom gebrochen wurde, schmerzt es ihn gar nicht, dass er sich auf dem Balkon in der siebten Etage des Wohnstifts ein wenig verrenken müsste, um seine Heimatstadt zu sehen. Und verrenken geht nicht mehr, weil er seine Knochen beim Tennisspielen zu sehr strapaziert hat. „Ich seh das so: ’ne Kölsche Jong geht an die Peripherie. Ich habe mich gefragt. Wo verbringst du deine letzte Zeit? Denn ich werde ja nur noch einmal umziehen, und das ist auf den Friedhof“, sagt der einstige Banker, der vor wenigen Wochen 85 Jahre alt geworden ist. „Hier habe ich gefunden, was ich gesucht habe: Einen gewissen Luxus will ich haben.“

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Karneval als Luxus

Jahrzehntelang hatte Schmitz-Pranghe mit Geschäftsleuten zu tun, denen man erst einmal hinter die Stirn schauen musste. Auch über sein neues Zuhause hatte er sich genau informiert. Zu dem Luxus, den er sich gönnt, gehört auch der Karneval. In seinem Zimmer hängen die wichtigesten Urkunden: Von 2017 etwa die Ernennung zum Ehrenvorsitzenden der „Bürgergesellschaft Köln von 1863“ und ein gutes Stück älter die Verleihung des Verdienstordens in Gold durch das „Festkomitee Kölner Karneval von 1823“ sowie eine vom „Bund Deutscher Karneval“.

Schmitz-Pranghe und seine Partnerin Ilse Prass haben zwei Wohneinheiten mit einer offenen Verbindungstür. In ihrem Zimmer füllen Orden zwei Wände. „Das sind ja nur die hier aus dem Haus. Das meiste liegt im Schrank. Wir haben nicht genug Wand“, merkt Prass an, die 15 Jahre beim Festkomitee die Geschäfte führte. Allein die Orden wären schon gutes Zeugnis dafür, dass es dem Kölner Paar gelungen ist, den Kölschen Fastelovend nach Bornheim zu importieren. Selbst in Corona-Zeiten war Abstinenz von der fünften Jahreszeit für das Paar undenkbar. Die beiden schafften es, das große und das kleine Kölner Dreigestirn nach Bornheim zu bekommen, so dass die Tollitäten im Park zwischen den Wohnblöcken gut sichtbar für Bewohner auftraten.

Kein Wunder, dass von den etwa 300 Bewohnern doppelt so viele die Karnevalsveranstaltung besuchen wie die Silvestergala. „Unsere Bewohner sind so bunt gemixt wie die Gesellschaft auch in anderen Altersgruppen“, sagt Geschäftsführer David Urbach: „Manche feiern mit der Familie, einige haben Karten für andere Veranstaltungen und es gibt die, die immer um 22 Uhr im Bett liegen.“ Für die fünfte Jahreszeit hat er ein Herz: „Mein Vater gehörte zur gleichen Fraktion im Karneval wie Schmitz-Pranghe, nur in einer anderen Stadt“. Das Wort „Düsseldorf“ sprach er dabei vorsichtshalber nicht aus. Und zur Neckerei, die auch zwischen den Kölner Karnevalsgesellschaften üblich ist, legte Urbach einen Orden der Blauen Funken an, den ihm ein anderer Bewohner im Karneval überreicht hatte. Für Schmitz-Pranghe ein Dorn im Auge.

Künstler kommen gern nach Bornheim

Im Februar wird sich Urbach vielleicht einen Orden verdienen können, der auch Schmitz-Pranghe gefällt. Schließlich gibt es für jede Sitzung im Wohnstift einen speziell gestaltetes Ehrenzeichen, voriges Jahr mit Spruchband in einer Raute oder von einer der Kölner Gruppen, die zu Gast sein werden. Es wird getanzt und rheinisch schwadroniert, Musik gibt es auch. Einen der Musikanten kennen die Bewohner schon. Das ist Johannes „Hännes“ Pelzer. Auch den hat Schmitz-Pranghe vermittelt, als vor einem Jahr der Alleinunterhalter, der stets im Wohnstift aufgetreten war, starb. Seitdem ist Pelzer bei jeder Veranstaltung gesetzt, also auch bei der Karnevals-Sause.

Ludwig Sebus, der altbekannte Krätzchensänger aus Köln vom Jahrgang 1925, kommt diesmal nicht. Er war ja auch schon da. „Er kam sehr gut an, zumal er auch sehr bekannt ist. Eine moderne Gruppe wie Kasalla zu buchen, da tu ich mich ja fast schon selbst schwer. Es gilt zu bedenken, dass man im Heim ist und alle hier schon etwas älter sind“, sagt Schmitz-Pranghe. Die Künstler kommen gern nach Bornheim zu den Senioren. Einige treten ganz ohne Gage auf, andere nehmen „so wenig Geld, dass man es keinem erzählen darf“, sagt der eingefleischte Finanzier, dessen Engagement auch dafür sorgt, dass das Wohnstift am Ende der Feier nicht allzutief in die Tasche greifen muss, um Spitzenkarneval im Haus zu haben.


Zur Person

85 Jahre ist Heinz-Otto Schmitz-Pranghe im November geworden. Seit drei Jahren lebt der bekannte Kölner im Seniorenstift Beethoven in Bornheim-Roisdorf – mit seiner Partnerin Ilse Prass Tür an Tür. Sein beruflicher Werdegang begann im Jahr 1954 bei der „Bank für Gemeinwirtschaft“ gegenüber dem Kölner Dom. Nach Lehre und Wehrdienst warb ihn der Bankier Iwan David Herstatt für seine neue Privatbank ab und gab ihm Schlüsselpositionen im Gerling-Konzern mit Aufgaben in der Erstellung von Fonds. Nach der Pleite der Privatbank 1974 holte ihn der Fondsinitiator Herbert Ebertz zur „Dornieden International“, die besser als Dorint-Hotel-Gruppe bekannt ist. Schmitz-Pranghe hatte in Deutschland und in der Schweiz mit zahlreichen Hotelbauten und vor allem deren Finanzierung zu tun, denn die wurden immer zur Hälfte mit Geldgebern aufgesetzt.

Karnevalistisch startete Schmitz-Pranghe als Vorsitzender der Bürgergesellschaft in Köln durch. Das war er 21 Jahre lang. Er darf sich rühmen, der Erfinder des Ohrenordens zu sein, der 1991 mit einem Abbild eines Ohrs von Hans-Dietrich Genscher, dem einstigen Außenminister, entstand. Vor allem hat Heinz-Otto Schmitz-Pranghe ein Talent entwickelt, andere Menschen zum Mitmachen zu bewegen, etwa wenn es darum ging der Dompfarrei in Köln eine neue Friedensglocke zu bescheren, für die er damals mehr als 100 000 Mark einwarb. 1998 trug er ebensoviel Geld zusammen, als auf dem Laurenzplatz in Köln ein Denkmal für den beliebten Kardinal Josef Frings aufgestellt werden sollte, und 2009 ließ er die Spötter verstummen, die dem mangels Geld trocken gefallenen Petrusbrunnen auf der Papstterrasse schon den Namen „drügge Pitter“ verpasst hatten.

Von Finanzkrisen hat sich der Banker schon damals nicht stoppen lassen. Heute noch beschäftigt sich der Senior mit der Oberschicht der heimischen Finanzwelt und verfasst acht Mal im Jahr ein Magazin für Insider: „Die Wirtschaft“. So ist sein Altenteil im Wohnstift Beethoven gleichzeitig sein wohl letztes Büro und auch sein Schlafzimmer. (mfr)

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