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KorruptionsvorwürfeIn der JVA Rheinbach kümmert sich ein ehrenamtlicher Beirat

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Vier der sechs Beiratsmitglieder vor den Gefängnismauern - von links Ralf Richard, Hildegard Helmes Ingo Steiner und Anne Viehmann.

Vier der sechs Beiratsmitglieder vor den Gefängnismauern - von links Ralf Richard, Hildegard Helmes Ingo Steiner und Anne Viehmann.

Mindestens einmal im Monat geht es für den Beirat in den Knast, um sich um Bitten und Sorgen der Insassen zu kümmern. 

„Das wird Wellen schlagen – auch hier in der JVA in Rheinbach“, ist sich Ingo Steiner sicher. Über die Korruptionsvorwürfe die aktuell aus der JVA in Euskirchen zu hören sind, ist er entsetzt. „Der eine oder andere Gefangene hier wird uns bestimmt darauf in nächster Zeit ansprechen.“ Doch damit können er und sein Team   umgehen.

Steiner ist Vorsitzender des Gefängnisbeirats in Rheinbach. Mehr als 25 Jahre ist er bereits Mitglied im Beirat der JVA Siegburg. Seit 16 Jahren engagiert er sich darüber hinaus im Beirat der JVA Rheinbach, seit neun Jahren als Vorsitzender. Sein Team dort sind die Kreistags- und Stadtrat-Politiker von CDU, SPD und Grünen Hildegard Helmes, Anne Viehmann, Ralf Richard, Donata Quadflieg und Timo Janitschke. Alle arbeiten ehrenamtlich. Helmes ist stellvertretende Beiratsvorsitzende. Mindestens einmal   im Monat begeben sie sich gemeinsam in den Knast. Zusätzlich sind sie zu zweit auch alle zwei Wochen vor Ort.

Sie kennen das Gefühl, wenn die mit Stacheldraht   gespickte sieben Meter hohe und von allen Seiten bewachte Gefängnismauer sie regelrecht verschluckt, wenn hinter ihnen die dicken Türen ins Schloss fallen und sich die Schlüssel im Schloss drehen. Sie wissen wie es ist, wenn sie bei ihrem Besuch in der JVA ihre Handys und auch ihre Taschen – quasi ihre einzige direkte Verbindung nach draußen im Schließfach an der Pforte lassen müssen.

Würde steht im Vordergrund

Freiwillig haben sie sich für dieses Ehrenamt gemeldet, um für die Menschen in der JVA dazu sein. „Uns geht es hier nur um die Menschen – ihre Würde ist unantastbar“, erklärt Hildegard Helmes. „Dazu musste ich umdenken – nicht bewerten – sondern ihnen wie ganz normalen Menschen begegnen“, berichtet Ralf Richard. Er ist seit vier Jahren im Team. „Die meisten Gefangenen begegnen uns sehr höflich“, sagt Helmes. Sie rede völlig unvoreingenommen mit ihnen. „Angst hatte ich dabei noch nie“, sagt sie. Viehmann bestätigt.

Allerdings beschleiche sie mitunter das Gefühl, dass sie nicht immer die ganze Wahrheit gesagt bekommen. So habe einmal ein Gefangener kritisiert, dass sein Antrag auf den freien Vollzug immer wieder abgelehnt wurde. Vom Beirat hatte er sich eine Beschleunigung der Bearbeitung seiner Anträge erhofft. „Allerdings hatte er bei den Gesprächen mit uns nicht erwähnt, dass er aus dem offenen Vollzug bereits mehrfach abgehauen war und sich dabei sogar bis ins Ausland abgesetzt hatte“, erklärt Helmes.

Ein Teil der Zellen - mit vergittertem Blick auf die hohe Zäune und hohe Mauern - und den Sportplatz.

Ein Teil der Zellen - mit vergittertem Blick auf die hohe Zäune und hohe Mauern - und den Sportplatz.

In Rheinbach sitzen Straftäter ab vier Jahre Haft bis lebenslänglich – Mörder, Betrüger aber auch Menschen, die zum Beispiel ohne Führerschein unterwegs waren.

Einen solchen Straftäter hat Steiner vor Jahren kennengelernt. Er sei ohne Führerschein gefahren und wollte gar nicht einsehen, warum er dafür zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wurde. Erst im Gespräch habe Steiner erfahren, dass er bereits über 70-Mal wegen Fahren ohne Führerschein zuvor ermahnt wurde. In der Regel sprechen die Gefangenen aber gar nicht über die Gründe ihrer Gefängnisstrafe. „Und wir fragen auch nicht danach“, sagt Viehmann. „Zu rechtlichen Dingen äußern wir uns nicht“, betont sie. Und nie geben sie den Gefangenen das Gefühl, die richterlich gesprochenen Urteile anzuzweifeln. „Dafür sind wir ja gar nicht zuständig“, so Steiner.

Anne Viehmann an einem der weißen „Beirats-Briefkästen“. Sie werden spätestens alle zwei Wochen geleert.

Anne Viehmann an einem der weißen "Beirats-Briefkästen". Sie werden spätestens alle zwei Wochen geleert.

Nicht den Gefangenen, sondern den Menschen wollen sie schließlich im Rahmen ihrer Möglichkeiten helfen. Dazu gehörten   bisher zum Beispiel eine Verbesserung der Einkaufsmöglichkeiten, sowie eine einheitlichere Nutzung bestimmter Fernsehgeräte und unter anderem eine Art Telefonzelle, an der die Gefangenen zwar bewacht aber trotzdem an freigegebene Nummern telefonieren dürfen. Verteilt in der JVA hat der Beirat vier Briefkästen hängen. Die Gefangenen können ihre Wünsche, Anregungen, Bitten oder auch Kritiken aufschreiben und in einem verschlossenen Kuvert in diese Briefkästen zu stecken. Im Gegensatz zu den persönlichen Briefen, die das Gefängnis nur von der JVA kontrolliert verlassen dürfen, werden die Briefe an den Beirat von den Justizvollzugsbeamten nicht geöffnet.

„Diese Briefe holen wir persönlich aus den Briefkästen und öffnen sie im Team“, sagt Viehmann. Gemeinsam werde dann überlegt, wie dem Gefangenen geholfen werden kann. „Wichtig sind uns aber auch die Bediensteten der JVA“, ergänzt Steiner. Auch für sie setze sich der Beirat ein – so wie während der Coronapandemie, als der Beirat bewirken konnten, dass auch die Bediensteten ganz schnell geimpft wurden.

Hans-Joachim Hagge, Leiter des allgemeinen Vollzugs hat für jede Tür den passenden Schlüssel.

Hans-Joachim Hagge, Leiter des allgemeinen Vollzugs hat für jede Tür den passenden Schlüssel.

Im Gefängnis ist die Welt eine andere –   abgeschieden vom Rest. Dabei ist jede Aktivität und Maßnahme von den Mahlzeiten bis hin zu Freizeit und Sport zeitlich ganz genau getaktet – bis dann wochentags zum Nachtverschluss gegen 19.30 Uhr der Schlüssel der Zelle von außen zusätzlich noch ein weiteres Mal umgedreht wird.

Dennoch klagen einige Gefangenen über Langeweile. „Ich wünsche mir eine Arbeit hier in der JVA“, schreiben sie in letzter Zeit öfter in die Briefe an den Beirat. Tatsächlich gibt es mit aktuell 557 Gefangenen mehr Gefangene als Jobs in der JVA. Aktuell ist lediglich 278 Gefangenen ein Arbeitsplatz zugewiesen. „Die Flaute in der Wirtschaft macht eben auch vor den Gefängnismauern nicht Halt“, erklärt Hans-Joachim Hagge, Leiter des allgemeinen Vollzugs. Und so spiegelt sich auch an den Auftragsbüchern in der Schreinerei, der Schlosserei, der Kreativwerkstatt und der Wäscherei die aktuelle wirtschaftliche Lage wider.