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Stefan Raetz im InterviewStolz auf die knuffige Stadt

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Rheinbach – Stefan Raetz ist seit 1999 hauptamtlicher Bürgermeister der Stadt Rheinbach. Im Interview hat er auf 21 spannende Dienstjahre zurückgeblickt.

Herr Raetz, Ihre Amtszeit geht zu Ende. Wie gehen Sie die letzten Tage an?

Ich habe noch mehr als genug zu tun. Auch die Amtsübergabe wird gut vorbereitet, ich treffe mich schon jetzt jede Woche mehrere Stunden mit Ludger Banken und informiere ihn über alles, was für ihn wichtig ist. Eine offizielle Amtsübergabe wird es coronabedingt nicht geben. Dennoch werde ich mich nicht still und heimlich aus dem Rathaus schleichen.

Erinnern Sie sich noch an ihren ersten Arbeitstag?

Es war der 1. Oktober 1999. Das war ein fließender Übergang, ich war ja vorher schon Erster Beigeordneter und bin sozusagen nur ein Büro weitergezogen.

Die Rheinbacher Togohilfe hob Stefan Raetz mit aus der Taufe.

Was war ihre erste Amtshandlung?

Es war das Richtfest für den Kindergarten in Flerzheim – ein schöner Termin. Aber es war nicht so einfach, bei einer großen Veranstaltung das Wort zu ergreifen, da hatte ich anfangs schon Lampenfieber und dachte: oh je, hoffentlich mache ich alles richtig.

Wovor hätten Sie sich am liebsten gedrückt?

Ich erinnere mich noch gut an die Feuerwehrkameradin, die bei einem Routineeinsatz ums Leben gekommen ist, so etwas bleibt haften. Ich war selbst vor Ort und habe noch gesehen, wie man versuchte, sie wiederzubeleben, saß dabei mit dem Vater im Straßengraben und habe ihn getröstet. Das sind so Momente, auf die man gerne verzichtet hätte, aber sie gehören eben auch mit dazu.

Sind die Bürger anspruchsvoller als vor 20 Jahren?

Die meisten Bürger gehen nach wie vor höflich mit der Verwaltung und dem Bürgermeister um, aber vereinzelt gibt es welche, die jeglichen Anstand vermissen lassen. Ich habe den Eindruck, das hat viel mit den neuen digitalen Medien zu tun. Früher musste man einen Brief noch von Hand oder mit der Schreibmaschine schreiben und hat sich dann gut überlegt, ob man den auch wirklich so abschickt. Heute tippt man schnell eine E-Mail und schickt sie los, ohne noch mal über die Formulierungen nachzudenken. Deshalb habe ich bis heute auch keinen einzigen Social Media-Account, denn was da abgeht und was dort an Stimmung gemacht wird, ist zum Teil nicht mehr feierlich.

Im vergangenen November besuchte Stefan Raetz Rheinbachs Partnerstädte mit dem Rad.

Was sehen Sie als ihre größten Erfolge an?

Ich freue mich darüber, dass es uns gelungen ist, die Stadt Rheinbach im Jahr 2021 wieder in die finanzielle Selbstständigkeit zu führen. Auch für den Bahnhaltepunkt Römerkanal habe ich lange gekämpft, die Ausweisung von Gewerbegebieten war sehr erfolgreich. Aber vielleicht der größte Erfolg ist es, dass der Freizeitpark und der Stadtwald unantastbar sind und bleiben, da sind sich alle einig. Es wäre ein Riesenfrevel, etwa den Stadtwald für eine Umgehungsstraße zu opfern.

Wie hat sich die Stadt Rheinbach in den vergangenen 20 Jahren entwickelt?

Wir waren immer eine knuffige Stadt in der Voreifel, haben es aber geschafft, die Besonderheit von Rheinbach, die kompakte Struktur, die Entwicklung aus der Mitte heraus zu bewahren. Wir haben das Herz der Stadt nicht geschwächt und dennoch weitere Baugebiete ausgewiesen, die Schulen und Kindergärten erweitert, den großen Freizeitbereich gesichert. Man lebt und wohnt gerne in Rheinbach, und vor allen Dingen: die Bürger sind stolz auf ihre Heimatstadt. Wer irgendwo auf der Welt unterwegs ist, der sagt nicht: Ich komme aus der Nähe von Bonn, der sagt ganz selbstbewusst: Ich komme aus Rheinbach!

Wenn Sie die Zeit zurückdrehen könnten: Würden Sie heute eine Entscheidung anders treffen?

Ich würde nicht noch einmal auf eine Bohrinsel fliegen. Das war naiv und im Endeffekt ein teures Erlebnis. Das war eigentlich als Informationsveranstaltung angekündigt, entpuppte sich dann aber doch zu sehr als Versuch, die Bürgermeister für ein Unternehmen einzunehmen. Das wurde dann als Lustreise bezeichnet, und es war sicherlich ein Fehler, da mitzumachen.

Rheinbach ist mit seinen zahlreichen Städtepartnerschaften international sehr aktiv. Gibt es für Sie eine Lieblings-Auslandsbeziehung?

Nein, die sind alle auf ihre Art besonders. Vor allem die Schulpartnerschaften mit ihrem regelmäßigen Austausch finde ich sehr wichtig, denn das geht mittlerweile durch ganz Europa und sogar rund um die Welt. Selbst aus China hatten wir schon Schulklassen hier. Sämtliche Partnerstädte habe ich bereits mit dem Fahrrad besucht, manche sogar mehrfach und mich sozusagen für die Partnerschaft abgestrampelt. In letzter Zeit ist mir aber besonders die „Partnerschaft des Friedens“ mit Douaumont-Vaux ans Herz gewachsen, die ich mitbegründet habe und in der ich mich auch künftig betätigen werde.

Sie sind Ehrenhäuptling des Dorfes Kusuntu in Togo. Wie kam es dazu?

Der Togohilfeverein, den ich zusammen mit Michael Firmenich gegründet habe, hat viel Gutes getan für das Städtchen Kpalimé, von dem Kusuntu ein Ortsteil ist. Wir haben dort Brunnen gebaut, eine kleine Schule, eine Kita und ein kleines medizinisches Zentrum errichtet. Als wir zum dritten Mal vor Ort waren, wurde mir als Zeichen der Dankbarkeit diese Würde zuteil. Das ging mit einer echten traditionellen Zeremonie vonstatten mit volkstümlicher Musik und einem Umzug durch den Ort. Sogar eine Ziege wurde geopfert.

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Gab es sonst noch ungewöhnliche Erlebnisse?

Oh ja, immerhin habe ich mehr als 100 Unterwassertrauungen vollzogen. Das dürfte wohl zumindest in Deutschland Rekord sein. Die Tauchausbildung habe ich während meiner Zeit bei der Marine absolviert, das kam mir hier sehr zupass. Außerdem habe ich sogar eine Unterwasser-Proklamation durchgeführt mit dem Queckenberger Prinzenpaar Ilka und Guido Rick.

Was werden Sie am meisten vermissen?

Die morgendlichen Postrunden mit den leitenden Mitarbeitern. Es ist ein Ritual, dass wir uns morgens um 8.30 Uhr treffen und eine halbe Stunde das aktuelle Geschehen besprechen. Dazu gab es die erste Tasse frisch gebrühten Kaffee aus fairem Handel. Viele Kollegen werde ich vermissen, zu denen sich über die Jahre eine persönliche Freundschaft entwickelt hat. So manche habe ich als Auszubildende eingestellt, und heute sind sie in Führungspositionen.

Was soll von ihrer Amtszeit in Erinnerung bleiben?

Wenn im Bewusstsein bleibt: Rheinbach im Jahr 2020 war eine schöne, lebens- und liebenswerte Stadt. Wenn man sich daran zurückerinnert: Mensch, da war alles, man konnte prima einkaufen, man konnte die Freizeit genießen und wir waren zufrieden, dann habe ich meinen Job gut gemacht.

Haben Sie einen guten Tipp für ihren Nachfolger?

Hör auf deine Mitarbeiter! Und bei wichtigen Entscheidungen: Eine Nacht drüber schlafen! (red)