Die Initiative „KultiWIRt“ hatte zu einem bewegenden Abend mit Geschichten und Berichten zur Hochwasser-Katastrophe in Bad Münstereifel eingeladen.
Nach fast fünf JahrenDie Flut hält die Menschen in Bad Münstereifel immer noch in Atem

Erhebliche Verwüstungen hat die Flut im Juli 2021 in Bad Münstereifel verursacht. Mit den Folgen haben Betroffene noch heute zu kämpfen.
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Die noch junge Initiative für Kultur und Demokratie „KultiWIRt“ in Bad Münstereifel hatte ihre zweite Veranstaltung dem Thema „Flutgeschichte(n)“ im Tee- und Kaffeehaus in der Münstereifeler Innenstadt gewidmet.
Die Initiative verfolgt die Ziele, die Innenstadt mit kulturellem Leben zu füllen, Menschen aus den umliegenden Orten wieder in die Stadt zu ziehen und eine demokratische Gesprächskultur zu fördern. Sie wollte den Besucherinnen und Besuchern mit dem Abend die Möglichkeit bieten, noch einmal über die Flutereignisse von 2021 zu sprechen. Etwa 20 Interessierte waren zu Gast.
Die Politik war überhaupt nicht hilfreich. Stattdessen ging im Anschluss die Hälfte der Hilfen noch ans Finanzamt.
Die Initiatoren Martina Frenzel, ihr Mann Stephan Siemens und Ralf Troll hatten drei Interviewpartner zum Gespräch eingeladen. Michael Mönks, der schon über einen langen Zeitraum im Rahmen der Initiative „Psychosoziale Hilfe mit Herz und Hand“ Flutopfern Beratung und Seelsorge anbietet, war einer von ihnen. Packend erzählte er, wie allein durch Zuhören und mit einfachen Mitteln Betroffenen ein Weg aus der Handlungsunfähigkeit eröffnet werden konnte. Das könnten unter Umständen auch nur Atemübungen sein.
Beratung zu flutbezogenen Themen ist immer noch relevant
„Menschen müssen das eigene System erst einmal wieder zur Ruhe bringen,“ erklärt er. Um sich zu qualifizieren, hatte Mönks eine Ausbildung zum Notfallseelsorger absolviert und schildert: „Flutbezogene Themen sind immer noch relevant“. Heute seien es oft Menschen, die über Bauverzögerungen oder fehlende Wiederaufbauhilfen verzweifeln. In zwei Containern am Kreisel zum Eifelbad steht er Hilfesuchenden zur Verfügung.

Einige Besucherinnen und Besucher waren ins Tee- und Kaffeehaus in Bad Münstereifel gekommen. Das Wachrütteln der Erinnerungen an die Flut-Katastrophe fiel nicht allen leicht.
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Klaus Jansen von der Initiative „Team Gedenken“ stellte seinen Hilfeansatz vor. Der aus Swisttal-Odendorf stammende ehemalige Kriminalbeamte will mit seinem Team einen angemessenen Umgang mit den beim damaligen Unglück Verstorbenen fördern. Gedenkkultur und ein Blick über die lokalen Ereignisse hinaus sind der Initiative wichtig. Dazu wurde eine Flut-Ausstellung entworfen, die sogar im Europaparlament zu sehen war. Das Ziel: Die Verstorbenen sollen immer noch als präsent erlebt werden. Am fünften Jahrestag wird es Aktionen, wie das Singen eines Requiems von Mozart und brennende Kerzen geben.
Buchhändler Josef Mütter hält Erinnerung an die Flut mit Videos wach
Als dritter Gesprächspartner war Josef Mütter eingeladen, der einen Buchladen in der Bad Münstereifeler Innenstadt betreibt. Seine Flutgeschichte war dramatisch. In der Buchhandlung erlebte er, wie das Wasser in einer Welle durch die Stadt rauschte und den Laden überflutete. Im Dunkeln warf er von oben Bücher ins Erdgeschoss, um zu prüfen, wie hoch das Wasser steht. Er wagte es sogar, ins Wasser hinunterzusteigen, um festzustellen, dass es ihm bis an die Brust reichte.

Buchhändler Josef Mütter hatte viel von den Erfahrungen rund um die Flut 2021 zu berichten.
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„Ich habe eine Zeit lang Videos gemacht, die ich auf YouTube online gestellt habe. Bis heute habe ich täglich über 1000 Aufrufe. 770.000 sind es insgesamt. Die Videos dokumentieren mit ihren Zeitangaben den Ablauf des Dramas. Institute fragen an, ob sie die Videos verwenden dürfen,“ berichtete Mütter. Inzwischen hat er einen Monitor im Schaufenster, auf dem die Videos zu sehen sind. „Jeden Tag bleiben erstaunlich viele Menschen vor dem Monitor stehen.“
Stephanie Schmitz vertrat an diesem sehr bewegenden Abend die Stadt Bad Münstereifel. Sie ist Leiterin des Amtes für Bildung und Tourismus. Ihr Blick gilt der Zukunft; dies soll auch auf der von ihr mitgeplanten Jahrestagsfeier am 11. Juli eine Rolle spielen. Da der eigentliche Jahrestag an einem Dienstag liegt, hat man das Gedenken auf das Wochenende geschoben. Es wird nach ihren Angaben eine Veranstaltung in der Innenstadt werden, also nicht in einem Veranstaltungsraum. „Gerne dürfen noch Ideen zur Gestaltung mit eingebracht werden“, betonte sie.
Wie gut ist die Stadt auf Katastrophen vorbereitet?
Auch allen anderen Anwesenden wurde am Abend die Möglichkeit gegeben, sich mit ihren Erfahrungen am Gespräch zu beteiligen. Dabei kamen nicht nur die Erlebnisse zur Sprache, sondern auch offene Fragen und kritische Anmerkungen. Ein Ehepaar konnte es immer noch nicht fassen, dass es damals keine ausreichenden Warnungen gegeben hat und selbst Rundfunksender nichts Hilfreiches zu berichten hatten. Andere beklagten die harte Haltung von Versicherungen, die sich mit fadenscheinigen Argumenten aus der Haftung geschlichen haben sollen.
Fassungslos ist auch Buchhändler Mütter. Er war auf Spenden angewiesen, um seinen Laden aufzubauen: „Die Politik war überhaupt nicht hilfreich. Stattdessen ging im Anschluss die Hälfte der Hilfen noch ans Finanzamt.“ Dass Spenden auch in Katastrophenlagen versteuert werden müssen, war den Besuchern nicht bekannt und sorgte für erboste Reaktionen im Tee- und Kaffeehaus.
Am Ende stand auch die Frage im Raum, wie gut man inzwischen für eine ähnliche Katastrophe gerüstet sei. Allgemeines Kopfschütteln signalisierte, dass niemand unter den Besuchern genau wusste, welche Maßnahmen inzwischen umgesetzt worden sind. Zum Jahrestag wäre es wohl gut, den Bürgern einmal einen gesamten Einblick und Überblick zu gewähren, was sich inzwischen zu ihrem Schutz verändert hat. Die Flutgespräche haben gezeigt, dass Informationsbedarf besteht, um ein Sicherheitsgefühl zurückzugewinnen.
