Rund 11.000 Menschen sind im Friedwald bei Iversheim beigesetzt worden. Seit 20 Jahren gibt es dort diese alternative Form der Bestatttung.
20 Jahre FriedwaldIn Iversheim finden Menschen die letzte Ruhe unter einem Baum

Die Bedeutung der bunten Bänder erklärt Frank Hallmanns den Teilnehmern der Friedwald-Führung.
Copyright: Ulla Jürgensonn
Der Andrang ist überschaubar. Zwei Frauen und ein Mann haben sich eingefunden zur Führung durch den Friedwald bei Iversheim. Vermutlich liegt es am Wetter, das sich so gar nicht nach Frühling anfühlt. Unter dem grauen Himmel vermitteln die kahlen Bäume tatsächlich Beerdigungsstimmung. Im Gegensatz zu Frank Hallmanns. Der weiß: „Wenn Sie in drei Wochen noch mal kommen, ist hier alles grün.“
Seit fünf Jahren ist er Friedwaldförster. Wie viele Gruppen er in dieser Zeit durch das Areal geführt hat, hat er nicht mitgezählt. Tatsächlich ist der Kaller gar kein Förster, sondern gelernter Landschaftsgärtner und Pädagoge, angestellt bei der Stadtverwaltung Bad Münstereifel. Denn der Wald gehört der Stadt, die mit der Friedwald GmbH kooperiert.
Mit klassischen Forstarbeiten hat Frank Hallmanns nichts zu tun
Hallmanns berät und begleitet die Menschen auf der Suche nach dem Baum, unter dem sie ihre letzte Ruhe finden möchten. Er betreut die Beisetzungen, befestigt Namenstäfelchen an den Bäumen. Mit klassischen Forstarbeiten hat er nichts zu tun. „Ich arbeite mit dem Akkuschrauber statt mit der Motorsäge“, umschreibt er das. Vielleicht hilft ihm seine pädagogische Ausbildung, den richtigen Ton zu finden. „Es ist ein trauriges Thema, aber man muss sich seinen Humor bewahren“, sagt Hallmanns. Und in rheinischer Mundart: „Mensch blieve.“
Zur Führung sind die drei gekommen, weil sie Vorsorge für das eigene Ableben treffen wollen. „Ich habe im engsten Kreis gerade erlebt, wie schnell das gehen kann“, sagt eine Frau. Sie kenne den Friedwald vom Spazierengehen mit ihren Hunden. Das 74 Hektar große Gelände ist nämlich auch ein beliebtes Naherholungsgebiet, der Jakobsweg und ein Reitweg führen hindurch.

An den Gemeinschaftsbäumen werden kleine Tafeln, hier ein Demo-Schild, mit den Namen der Beigesetzten angebracht, wenn sie das wünschen.
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So sieht eine Grabstelle aus, bevor die Urne eingesetzt wird. An dem kleinen Rundweg, den die Führung nimmt, ist eigens ein Beispiel dauerhaft eingerichtet.
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Rot, blau und gelb sind die Bäume markiert. Daran erkennt man, welche Art von Grab jeweils geplant ist.
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Was Frank Hallmanns, der so einfühlsam wie diskret ist, dazu bringt, doch ein bisschen aus seinem Erfahrungsschatz preiszugeben. Er habe schon erlebt, dass die Urne auf einem Pferd zu ihrem Bestimmungsort gebracht worden sei. Oder auf einer Harley. Oder einer Vespa. Als ein Trucker beigesetzt wurde, kam die Anfrage, ob man mit dem Lkw in den Wald fahren dürfe. Da habe er gezögert. Andererseits: „Hier fahren auch schwere Holzlaster durch. Warum dann nicht eine Zugmaschine? Ohne Auflieger allerdings.“
Wenn man alleinstehend ist, hat man ja keinen, der sich um ein Grab kümmern könnte.
Sogar hinter einer Big Band sei er schon hermarschiert. Der Friedwaldförster erklärt, was es mit den bunten Bändern auf sich hat, die einige Bäume tragen. Zum einen bedeuten sie, dass der Baum noch nicht vergeben ist. Zum anderen kann man an der Farbe erkennen, für welche Bestattungsform der Baum vorgesehen ist.
Da gibt es den Partnerbaum mit zwei Plätzen, gekennzeichnet mit dem roten Band. Den Generationenbaum (blau) oder den Gemeinschaftsbaum (gelb). Jeder Baum trägt ein rundes Schildchen mit einer Nummer, dahinter ist eine farbige Plakette, je nach Preisklasse. Die günstigste Variante kostet 590 Euro. Hinzu kommen die Kosten für die Kremierung und den Bestatter. Ein Blick auf die Friedhöfe zeigt, dass sich die Bestattungskultur wandelt.
Viele möchten den Hinterbliebenen die Grabpflege nicht zumuten
Dort gibt es immer mehr ungenutzte Flächen, während der Platz unter einem Baum immer beliebter wird. 12.000 Verträge zur Vorsorge seien derzeit abgeschlossen, so Hallmanns. „Wenn man alleinstehend ist, hat man ja keinen, der sich um ein Grab kümmern könnte“, begründet eine Teilnehmerinnen an der Führung ihre Entscheidung für den Friedwald. Auch möchten viele die Grabpflege ihren Kindern und Enkeln nicht zumuten. Andere mögen einfach die wunderbare Atmosphäre das Waldes mit seinen alten Eichen und Buchen.
Apropos alte Eichen: Was passiert eigentlich, wenn der Baum, an dem Menschen bestattet sind, den nächsten Sturm nicht übersteht und umfällt? „Es gibt immer Ersatz“, beruhigt Frank Hallmanns. Wenn der Baum schon gebucht, aber noch nicht genutzt sei, entscheide man gemeinsam, ob ein neuer gepflanzt oder ein anderer gefunden wird. Ist der Baum genutzt, blieben die Urnen in jedem Fall unangetastet in der Erde, wo sie sich im Laufe der Jahre zersetzen. Der kleine Rundweg, der eigens für die Führungen angelegt ist, führt zu einem vorbereiteten Grab.
Ein 80 Zentimeter tiefes Loch zählt nicht zu den waldtypischen Gefahren
Das Loch, 80 Zentimeter tief, ist mit einer Baumscheibe abgedeckt, damit niemand – weder Mensch noch Reh – hineintritt und sich verletzt. Das zähle nämlich nicht zu den „waldtypischen Gefahren“, erklärt Hallmanns. Im Gegensatz zu Ästen, die dem Besucher auf den Kopf fallen können. Organisches Material, Blumen etwa, dürfen mit ins Grab. Ob sie die Asche ihres Hundes mit ins Grab nehmen dürfe, will eine Frau wissen. „Auf keinen Fall!“ Da wird Frank Hallmanns energisch: „Hier darf kein Tier beigesetzt werden.“
Die Tour endet am Andachtsplatz, der sich mit seinen Bänken und dem aus Ästen gezimmerten Rednerpult in den Wald einfügt. Ob hier ein Pfarrer oder ein Imam spricht oder auch gar keiner, dafür gibt es keine Regel. Buchen kann man seinen Baum bei der Führung nicht. Dafür ist ein zweiter Termin nötig. So zerstreut sich die kleine Gruppe. Vielleicht ist der eine oder andere beruhigt, seine Entscheidung für die Bestattung unter einem Baum getroffen zu haben. Ganz sicher ist da aber auch die Hoffnung, den Baum doch noch nicht so bald zu brauchen.
Im Hardtwald gibt es einen neuen Friedwald
Die Friedwald GmbH, in Griesheim ansässig, hat 2001 im Reinhardswald bei Kassel den ersten Bestattungswald in Deutschland eröffnet und nimmt für sich in Anspruch, eine Veränderung in der Bestattungskultur angestoßen zu haben. Mittlerweile hat das Unternehmen 220 Mitarbeiter in der Verwaltung, dazu kommen rund 300 Förster und Försterinnen an den knapp 100 Standorten.
Ende des vergangenen Jahres ist im Hardtwald bei Stotzheim ein weiterer Friedwald eröffnet worden. Wer sich für eine Beisetzung im Friedwald interessiert, kann an einer der kostenlosen Führungen teilnehmen. Die Daten findet man auf der Homepage des Unternehmens, dort kann man sich auch anmelden.

