Der Geisterzug in Blankenheim hat eine lange Tradition und es gelten ein paar Regeln. Doch mitmachen beim Springen, Singen und Kreischen darf jeder.
Seit 1613So treiben die Geister in der Eifel nach alter Tradition den Winter aus

Als geflügelter Obergeist reitet Prinzessin Eva I. (Walber) hoch zu Ross auf dem belgischen Kaltblut „Rocky“ dem Geisterzug voran.
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Es hat geklappt. Wieder einmal. Nachdem am trübkalten Samstagabend die Hexen und Geister durch Blankenheim gezogen sind, um den Winter auszutreiben, strahlt am Sonntag die Sonne vom blauen Himmel. Im Eifelort feiert man Karneval anders als anderswo – und das seit mehr als 400 Jahren.
Wer Fragen hat zum Wie und Warum, landet zwangsläufig bei Frank Bertram. Der wohnt nicht nur an der Ahrquelle, sondern ist selbst eine Quelle des Wissens über die alten Bräuche in seinem Heimatstädtchen. Er war Prinz, jahrelang Prinzenführer. Seit 2003 leitet er als Teufel die Hexenschar im Geisterzug. Also dann: Auf, zum Teufel! Seine Frau Anja hat ihn wahrlich schauerlich geschminkt.
Teufel, Hexen, Geister, das ist quasi das Fußvolk beim Geisterzug. Dazu, und jetzt wird es komplizierter, kommen zwei Jecke Böhnchen, das Schellebäumche und die Kaisergarde. Und natürlich der Obergeist, der vorweg reitet. Das ist gut zu wissen, bereitet aber nur ungenügend vor auf den überwältigenden Eindruck, wenn hunderte weiß gewandete Geister mit Fackeln in der Hand durch die dunklen Gassen Blankenheims hüpfen.
Bettlaken und Kordel: Beim Geiterzug tragen alle das gleiche Kostüm
Seit mehr als 400 Jahren tun sie das, immer am Karnevalssamstag (siehe weiter unten). Kein Wunder, dass „Tradition“ das so ziemlich am häufigsten verwendete Wort ist im Gespräch über den Geisterzug. Und dann das: „Traditionen sind dazu da, um gebrochen zu werden.“ Das sagt Dilek Schröder-Tas. Vor drei Jahren hat sie diese Überzeugung in die Tat umgesetzt, war die erste Prinzessin von Blankenheim und damit der erste weibliche Obergeist. Mittlerweile folgt ihr mit Eva Walber schon die dritte Frau auf dem stolzen Ross. Schröder-Tas begleitet sie als Herzpatin und ist völlig zufrieden mit ihrer neuen Rolle: „Ich freue mich über jede Frau, die diesen Schritt wagt.“
Im Karnevalsmuseum, das im Georgstor untergebracht ist, hilft die Pagin am Samstagabend, Marion Scharmach in einen Geist zu verwandeln. Strikt nach der Tradition, in diesem Fall. Ein Blankenheimer Geist braucht lediglich ein Betttuch und vier Stückchen Schnur. Immerhin sind zwei Ausnahmen zugelassen: Statt der Kordel um den Hals darf es auch ein Schal sein, und in der Taille benutzt Anja Bertram lieber einen Gürtel.
Zwei Stückchen Schnur braucht man, um die Öhrchen abzubinden. Frage an den Teufel: Warum haben die Blankenheimer Geister, anders als andere Gespenster, Öhrchen? Er schaut ein bisschen entgeistert und sagt dann, was er immer sagt, wenn er die Antwort nicht kennt: „Frag den Präsidenten.“ Mike Bruins hat auch keine Idee, woher dieser Teil des Brauchtums kommt. In Sachen Öhrchen ist er übrigens Purist. Die sollten nur abgebunden und nicht mit Pappe versteift werden. Doch die extralangen Ohren von Eva I. würden sonst ja gar nicht stehen.
Ohrwurm-Gefahr: Das Juh-Jah-Lied wird ohne Unterlass gesungen
Das fachmännisch verschnürte Betttuch ist für alle Zugteilnehmer das einzig zugelassene Kostüm. Das ist ein schönes Beispiel für die integrative Kraft des Karnevals. Protzen mit auffälligen, teuren Verkleidungen kann hier keiner. Und wer die Sache mit den Kordeln nicht beherrscht, dem wird geholfen.
In der guten Stube des Museums wird es langsam eng. Und warm. Aber das ist nicht der einzige Grund, warum Eva Walbers Puls steigt. Das ist einerseits Vorfreude, andererseits ein mulmiges Gefühl. „Pferde sind nicht gerade meine Lieblingstiere“, umschreibt sie vorsichtig ihr eher angespanntes Verhältnis zu dem Reittier, das auf sie wartet. Aber was tut man nicht alles, um sich einen Kindheitstraum zu erfüllen. Allerdings spielen ja in der Kleinmädchenidee vom Prinzessinnendasein auch Bettlaken normalerweise eher eine untergeordnete Rolle. „Kleid und Krönchen habe ich auch“, erzählt Eva I. Beides wird sie später am Abend beim Feiern in der Weiherhalle tragen.

Hunderte Geister ziehen durch das Ahrstädtchen.
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Der Teufel und Hexen verscheuchen die Winterdämonen.
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In Sachen Reiten macht ihr Landrat Markus Ramers Mut: „Du hast es geschafft, mit mir zu tanzen, da wirst du auch das Pferd beherrschen.“ Allerdings ist Rocky tatsächlich ein beeindruckendes Exemplar. Das belgische Kaltblut hat eine Schulterhöhe von 1,73 Meter. Der Auftritt in Blankenheim ist seine Generalprobe für den Kölner Rosenmontagszug.
Und Eva I. muss ja nicht nur draufsitzen, sondern dabei auch noch eine Fackel tragen, in die Menge winken und Juh-Jah rufen. Auch das ist übrigens eine der Fragen, auf die weder Teufel noch Präsident eine Antwort wissen: Warum Juh-Jah und nicht Alaaf? Doch dann geht es los, und alle Fragen sind ebenso vergessen wie die Angst vor großen Tieren. Jetzt heißt es nur noch genießen. Jedenfalls für den reitenden Obergeist und die Besucher am Straßenrand. Wer mitgeht, muss springen. Die Kapellen spielen immer nur das eine Lied. Der Text „Juh-Jah, Kribbel en dr Botz...“ ist denkbar einfach, Melodie und Choreografie sind auch für Ungeübte beherrschbar. Schwerer ist es eigentlich, am Rand zu stehen, ohne zu singen und zu hüpfen.
Schaurig schön: Nur Fackeln und bengalisches Feuer sorgen für Licht
Die Straßenbeleuchtung ist ausgeschaltet, die Fenster der Häuser sind dunkel. Der Schein der Fackeln tanzt über die Fachwerkfassaden. An Georgstor und Hirtenturm leuchtet bengalisches Feuer.
Singend und springend geht es den Berg hinauf. Vor dem Pfarrhaus warten schon der Pastor und sein Team. Weniger mit geistlichem Beistand, als mit geistigen Getränken, die Schnapsgläschen auf den Tabletts müssen geleert werden. Mit dem heidnischen Treiben an der Kirche hat Andreas Züll kein Problem: „Kirche und Karneval gehören doch zusammen.“
Kirche und Karneval gehören doch zusammen.
Die beiden Jecke Böhnchen sind nach dem Anstieg ein bisschen außer Atem. Warum sie Böhnchen heißen, ist auch eine der ungeklärten Fragen. Immerhin beim Schellebäumche ist die Herkunft des Namens klar: Die Musiker mit Flöten und Trommeln werden von einem Mann angeführt, der einen Schellenbaum trägt.
Die Böhnchen haben den anstrengendsten Part, weil sie immer wieder vor und zurück laufen und an der richtigen Stelle springen müssen. Er habe dafür trainiert, erzählt Louis Schlemmer . Andreas Poensgen hatte dazu keine Gelegenheit, er musste kurzfristig einspringen.
Der Geisterzug in Blankenheim ist für viele ein Familientreffen
Familiäre Bande ziehen einen Großteil der Geisterschar nach Blankenheim. 14 Mann (und Frau) stark ist die Truppe um Verena Wittkamp: „Schreiben Sie Klaßen, dann weiß jeder, wer wir sind.“ Sie ist mit Mann und Kindern aus Ratingen angereist. Und während sie selbst von klein auf den Juh-Jah-Schritt beherrscht, hat ihr Mann den erstmal geübt. Für Töchterchen Antonia ist das wilde Spektakel ein tolles Geschenk zum fünften Geburtstag.
Gregor kommt aus Aachen. Leise summt er mit: „Kribbel en dr Botz...“ Und fürchtet, dass er die nächsten Tage das Lied nicht mehr aus Kopf bekommt. Aber das ist es ihm wert, zum zweiten Mal den Weg in die Eifel genommen zu haben: „Es ist herzerfrischend, wie die Menschen hier friedlich durch die Straßen ziehen und einfach Spaß haben.“
Wie viele Menschen in diesem Jahr dabei waren, im und am Zug? Schon wieder eine Frage ohne Antwort. Gezählt hat sie keiner. Nur eines steht fest: Es waren mehr als die gut 1800 Menschen, in dem kleinen Ort wohnen.
Jahrhundertealter Brauch
1613 geben die Blankenheimer Karnevalisten als Geburtsstunde des Geisterzugs an. Das sei urkundlich belegt, sagt Mike Bruins, Präsident des Karnevalsvereins. Damals habe Graf Arnold das jecke Treiben geordnet. Die Urkunden seien bis heute vorhanden, werden aber nicht in Blankenheim aufbewahrt.
Anders als in den Nachbarkommunen wird der Prinz oder die Prinzessin am Karnevalssonntag nach der Messe proklamiert, dann übergibt Bürgermeisterin Jennifer Meuren den Gemeindeschüssel. Am Sonntagabend findet die Prunk- und Galasitzung statt. Und einen Rosenmontagszug gibt es auch noch.

