Haus Maria Frieden bei Dahlem bietet wohnungslosen Frauen mit komplexen Problemen einen Ort, an dem sie Kraft und Mut schöpfen können.
Kraft, Mut und AufbruchHaus Maria Frieden bei Dahlem bietet die Chance auf ein neues Leben

Haus Maria Frieden ist eine der wenigen Einrichtungen in Deutschland, die sich im Besonderen der Anliegen wohnungsloser und schutzbedürftiger Frauen annimmt. Der Ort – eingebettet in die sanfthügelige Eifellandschaft – hätte kaum dafür besser gewählt werden können.
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Sie habe keinen Funken Lebensmut mehr gehabt, sei am Ende ihrer Kraft gewesen und bereit, allem ein Ende zu machen. „Wohnungslos zu sein, auf der Straße zu leben, dem Umfeld vorzugaukeln, dass alles okay ist – das war unfassbar anstrengend.“ Jeanette, eine kleine quirlige Frau in bunter Blumenhose, stützt sich auf einen abgesägten Ast, den sie weiß angepinselt hat. „Dieses Alleinsein und die Verzweiflung – das ist ein Schmerz, den man nicht beschreiben kann“, berichtet die 48-Jährige, wie es ihr vor nicht allzu langer Zeit ergangen ist.
Heute ist Jeanette eine von 13 Frauen, die inmitten der sanfthügeligen Eifellandschaft in einem ehemaligen Kloster der Zisterzienserinnen ein Zuhause auf Zeit haben. Es ist ein entlegener Ort nahe Dahlem, eine Oase, die Schutz verspricht, Ruhe und Raum für Veränderung. Ein Ort, der Selbstheilungskräfte ebenso mobilisiert wie das Gefühl, Teil einer Gemeinschaft zu sein, die sich gegenseitig stützt. Und in der jener Schmerz, für den Jeanette keine Worte hat, sein Echo findet.
Vor zwei Jahren sind die ersten Bewohnerinnen angekommen
Es ist ein sonniger Morgen. Die ersten Wanderer gehen vorbei an der Klosteranlage in Richtung Wald. Vor fast genau zwei Jahren sind die ersten Bewohnerinnen im Haus Maria Frieden angekommen, einer Einrichtung für Frauen, die wohnungslos sind und/oder „aufgrund besonderer Lebensverhältnisse in Verbindung mit sozialen Schwierigkeiten nicht in angemessener Weise am Leben in der Gemeinschaft teilnehmen zu können“, wie es korrekterweise heißt.
Träger ist der Rheinische Verein für Katholische Arbeiterkolonien. Dieser hatte das klösterliche Anwesen mitsamt zahlreicher Gebäude und seiner Kirche gekauft, nachdem die Ordensfrauen 2021 aus Altersgründen das Kloster aufgegeben haben und nach Steinfeld umgezogen sind.

In der Gemeinschaft wachsen die Bewohnerinnen zusammen, manche schließen Freundschaften: Lisa (v.l.), Jeanette und Martina.
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Die Zimmer der Bewohnerinnen sind hell und freundlich und laden zum Wohlfühlen ein. In dieser Umgebung fällt es leichter, sich zu stabilisieren und die persönlichen Fähigkeiten und Kompetenzen zu aktivieren.
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„Die Idee, die wir damals entwickelt haben, geht voll auf. Der Ort ist wunderbar dafür geeignet, wieder zu sich selbst finden zu können. So auf allen Ebenen geschwächt, wie die Frauen ankommen, haben sie hier wirklich die Möglichkeit, sich nach und nach zu stabilisieren und aufzubauen“, sagt Hausleiterin Anke Floss-di Tommaso. Spezielle Einrichtungen für wohnungslose Frauen gebe es nur eine Handvoll: „Wir bekommen entsprechend viele Anfragen aus ganz Deutschland. Der Bedarf ist auf jeden Fall groß.“
Haus Maria Frieden ist ein Ort, von dem aus die Bewohnerinnen irgendwann aufbrechen sollen in ein neues, selbstbestimmtes Leben. So wie Martina, die gerade dabei ist, die Küchenmöbel zu schrubben, die sie am nächsten Tag mitnehmen will. „Morgen ziehe ich in meine eigene Wohnung“, sagt sie und strahlt. Was das für die gelernte Friseurin bedeutet? „Ich habe sechs Jahre lang in einer Obdachlosenunterkunft gewohnt, die meiste Zeit in einem Container. Ich habe getrunken, um mein Leben zu ertragen.“
Das war meine letzte Hoffnung, ich hatte mich schon aufgegeben.
Irgendwann habe sie in ihrer Not im Haus Maria Frieden um Hilfe gebeten: „Das war meine letzte Hoffnung, ich hatte mich schon aufgegeben.“ Nach einem persönlichen Kennenlernen sagt man ihr einen Platz in Dahlem zu. Vorab entschließt sich Martina dazu, eine stationäre Entgiftung machen: „Freiwillig. Das hat niemand hier von mir verlangt.“
„Für viele Frauen ist unsere Einrichtung die letzte Chance, weg von der Straße und zurück in einen normalen Alltag zu kommen. Deshalb gehen wir auch mit dem Thema Alkohol anders um als die meisten Einrichtungen, wo der Konsum ein Ausschlusskriterium darstellt“, so Floß-Di Tommaso. Natürlich gibt es strikte Bedingungen, an die sich die Bewohnerinnen halten müssen: Es darf nur in Maßen Bier oder Wein getrunken werden, harter Alkohol ist verboten, Drogen aller Art sowieso.
Das Einhalten von Regeln ist eine Grundvoraussetzung
„In dem Rahmen kommen die Frauen hier gut zurecht“, so die Hausleiterin. Unbedingte Voraussetzungen sind hingegen Verbindlichkeit und das Einhalten von Absprachen und Regeln. Dazu gehören etwa die Mitarbeit im Haus sowie die verlässliche Einnahme von verordneten Medikamenten. Alkoholtests gebe es nur in Absprache mit den Ärzten. „Bei Psychopharmaka oder bei starken Schmerzmitteln wird es bei über 0,5 Promille nämlich gefährlich“, so Michael Fasen, Bereichsleiter der Wohnungslosenhilfe.
Die 57-jährige Martina hat seit August vergangenen Jahres in dem ehemaligen Kloster gelebt. „Die größten Geschenke in meinem Leben sind mein Sohn und Haus Maria Frieden“, so ihr Resümee. In den zurückliegenden Monaten habe sie wieder Kraft und Zuversicht gewinnen können. Und: „Ich habe 15 Kilo zugenommen, bin jetzt bei Ärzten angebunden und kann mir gut vorstellen, wieder zu arbeiten, vielleicht in der Altenpflege. Ich bin jetzt stark genug, ich schaffe das.“

Sehen viel Potenzial in der ehemaligen Abtei des Zisterzienserinnenordens: Michael Fasen (l.), Anke Floß-Di Tommaso und Werner Hoff.
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Die Schwestern des Zisterzienserordens webten unter anderem Stoffe für Priestergewänder. Auf den alten Webstühlen sind die angefangene Gewerke noch eingespannt.
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Geschichten wie die von Martina zeigen, dass das Konzept aufgeht, das sich um Stabilisierung und Neuordnung der Lebensverhältnisse, um die Entwicklung von Alltagskompetenzen und Problemlösungsstrategien dreht. „Wir arbeiten hier nicht therapeutisch, wir gehören dem Bereich Wohnungslosenhilfe an“, erklärt Anke Floß-Di Tommaso: „Alle Frauen hier tragen riesige Päckchen mit sich herum. In ihren Vorgeschichten findet sich immer Gewalt, oft sexualisierte Gewalt. Wenn sie hier ankommen, sind sie erst einmal im Schutzmodus. Es dauert, bis man an sie herankommt.“
Es sei schön zu erleben, wie sich die Frauen nach und nach öffnen, und auch, wie sehr sie gegenseitig aufeinander aufpassen. „Sie haben schnell heraus, wo bei den anderen die Schwächen, Bedürfnisse und Ressourcen liegen. Das trägt zu einem sehr guten Miteinander bei. Einer der wichtigsten Faktoren zur psychischen Stabilisierung ist die klare Tagesstruktur. Es gibt festgelegte Zeiten für gemeinsame Frühstücke, Mittag- und Abendessen, für Freizeitangebote und die Aufgaben im Haus und im Garten.
Gerade jetzt in dieser Jahreszeit versorgen unsere Bewohnerinnen das Grundstück, mähen Rasen und jäten Unkraut. Das hier ist ihr Zuhause auf Zeit, deshalb sollen sie es auch hauswirtschaftlich so versorgen.
„Gerade jetzt in dieser Jahreszeit versorgen unsere Bewohnerinnen das Grundstück, mähen Rasen und jäten Unkraut. Das hier ist ihr Zuhause auf Zeit, deshalb sollen sie es auch hauswirtschaftlich so versorgen“, sagt die Hausleiterin. Einmal in der Woche wird mit allen Bewohnerinnen überlegt, was in der nächsten Woche ansteht, welche Termine die Frauen haben, wer an welchem Tag die Küche übernimmt. „Hier wird immer frisch gekocht, das macht eine Frau für alle“, so Floß-Di Tommaso.
Die Altersspanne der Bewohnerinnen reicht von 20 bis zu 70 Jahren. Lisa, die seit drei Monaten im Haus Maria Frieden lebt, hat gerade ihren 30. Geburtstag in der Einrichtung gefeiert. Sie sei Alkoholikerin, habe ihre Wohnung und letztlich den Halt verloren: „Ich bin dabei, Dinge zu verarbeiten, die ich erlebt habe, und bekomme die Unterstützung, die ich brauche. Ich habe hier die Chance zu heilen.“
Man darf in dem Haus in Dahlem seine Zeit brauchen
Wie lange die Frauen im Haus Maria Frieden letztlich leben, hängt von ihrer Entwicklung ab. Vorgesehen seien eigentlich maximal 18 Monate Verweildauer. „Aber man darf hier seine Zeit brauchen“, betont Floß-Di Tommaso.
In der Regel seien die Problemlagen so komplex, dass man geduldig sein müsse. „Die Frauen haben ihr Leben meist irgendwie getragen und mit aller Kraft aufrechterhalten. Aber wenn dann eine Säule wegbricht, dann bricht das ganze Konstrukt zusammen, weil es nicht stark in sich ist.“
Auch Jeanette braucht noch Zeit, um den Sprung in ein selbstständiges Leben zu schaffen. „Aber ich kann jetzt schon sagen: Ich bin glücklich, dass ich wieder glücklich bin“, so die 48-Jährige. Ihre Lebensfreude und ihren Lebensmut habe sie wiedergefunden. „Ich weiß, wer ich bin und was ich kann. Und vor allem weiß ich, dass ich auf dieser Welt noch gebraucht werde.“
Der Verein
Der Rheinische Verein für Katholische Arbeiterkolonien ist Mitglied im Caritasverband für das Bistum Aachen. Er ist Träger stationärer und teilstationärer Einrichtungen für Menschen mit besonderen sozialen Schwierigkeiten, psychischen Erkrankungen und für Menschen mit Pflegebedarf. „Unsere Einrichtungen sind Orte zum Leben, in denen man bleiben oder von denen aus man sich aufmachen kann in ein neues Leben“, heißt es im Leitbild.
Im Kreis Euskirchen betreibt der Verein das Clemens-Josef-Haus (Vellerhof) bei Blankenheim. Dort leben und arbeiten hilfsbedürftige, wohnungslose Männer auf Zeit oder für immer. Angeschlossen ist eine Pflege- und Senioreneinrichtung. In Blankenheim betreibt der Verein auch das Altenwohn- und Pflegeheim St. Josef & Aegidius. Zuletzt dazugekommen ist Haus Maria Frieden in Dahlem, die erste Einrichtung für wohnungslose, schutzbedürftige Frauen.
Diese Einrichtung soll sukzessive ausgebaut werden. Derzeit gibt es Platz für 13 Frauen. „Bis Ende des Jahres sollen fünf weitere Plätze und bis Ende 2027 nochmals vier dazukommen“, so Geschäftsführer Werner Hoff. Man plane, das ganze Kloster nach und nach umzubauen, so wie es die finanziellen Mittel zulassen. Bald schon soll ein kleines Café auf dem Gelände eröffnen, auch die Bäckerei des Klosters kann in Kürze wieder genutzt werden. Was mit der vollständig eingerichteten Weberei und der Buchbinderei geschieht, ist noch unklar
