Auf dem Gelände, auf dem Justin Timberlake und Blümchen aufgetreten sind, sind unter anderem ein Parkhaus und Bürogebäude geplant. Aufwendige Dekontaminierung.
Belgische Kaserne wird abgerissenBundeswehr investiert in Euskirchen 300 Millionen Euro

Seit Jahren Sperrgebiet: Im Bereich der ehemaligen belgischen Kaserne besteht Lebensgefahr – unter anderem, weil die Gebäude der Loncin-Kaserne einsturzgefährdet sind. Mit dem Abriss soll in diesem Frühjahr begonnen werden.
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Die Bundeswehr stärkt den Standort Euskirchen – und das nachhaltig. Auf dem Gelände der ehemaligen Loncin-Kaserne in Euskirchen entsteht in den kommenden Jahren ein umfangreiches Bauprojekt für das Kommando Cyber- und Informationsraum (CIR). Die Bundeswehr beziffert das Investitionsvolumen auf dem Areal der belgischen Kaserne mit rund 300 Millionen Euro.
Nach Angaben eines Sprechers der Bundeswehr werden nicht nur neue Bürogebäude und technische Einrichtungen entstehen, sondern auch ein Parkhaus und eine moderne Behördenkantine. Außerdem werde die Infrastruktur des gesamten Areals erneuert. Dazu gehören unter anderem die Erschließung von Straßen und Wegen sowie die Medienanbindung, um den Standort zukunftssicher auszurichten.
Abriss der Gebäude soll im Frühjahr beginnen und in einem Jahr abgeschlossen sein
Der Abriss der abgängigen Bestandsgebäude ist für das Frühjahr 2026 geplant und soll bis zum Frühjahr 2027 abgeschlossen sein. Dabei werden sämtliche schadstoffhaltigen Materialien von darauf spezialisierten Firmen entfernt. Ein umfangreiches Abbruch- und Entsorgungskonzept sorgt der Bundeswehr zufolge dafür, dass alle Materialien fachgerecht getrennt und entsorgt werden, um mögliche Altlasten zu beseitigen.
Besonders im Fokus steht der Neubau der Behördenkantine, die Platz für rund 450 Personen bieten soll. Sie soll den Soldaten und Mitarbeitenden nicht nur als Essensbereich dienen, sondern auch als Treffpunkt für den Austausch und die Pausen zwischen den Diensten. Die Fertigstellung der Kantine sowie aller weiteren Projekte des Großvorhabens ist bis September 2034 vorgesehen.

Auch dieses Gebäude auf dem Areal der Bundeswehr soll abgerissen werden. Dort ist unter anderem eine Kantine geplant.
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Auf dem Bild ist die ehemalige belgische Schule zu sehen. Rechts ist die Franziskusschule zu erkennen.
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Auf dem benachbarten Gelände der Generalmajor-Freiherr-von-Gersdorff-Kaserne wurden in den vergangenen Monaten bereits fünf Neubauprojekte erfolgreich abgeschlossen und an die Nutzer übergeben. Nach Angaben der Bundeswehr wurden auch dafür bereits mehr als 100 Millionen Euro investiert. Zwei weitere Neubauten befinden sich derzeit in der Fertigstellung, während das abschließende Projekt zur Ver- und Entsorgung sowie die Außenanlagen bis September 2026 abgeschlossen sein sollen.
Auch ein Fitnessparcours ist geplant
Darüber hinaus ist ein neuer Fitnessparcours geplant, der die körperliche Leistungsfähigkeit der Soldaten am Standort erhöhen soll. Die Planungen hierfür befinden sich aktuell in der Erarbeitung durch den Standortältesten. Über die genaue Zahl der derzeit in Euskirchen und Mechernich stationierten Soldaten macht das Kommando aus Sicherheitsgründen keine Angaben.
Ein Sprecher des Bundesamtes für Infrastruktur, Umweltschutz und Dienstleistungen der Bundeswehr betont, dass mit dem Projekt „ein moderner und funktionaler Standort entsteht, der die Bedürfnisse der Soldaten und der Dienststelle gleichermaßen berücksichtigt“. Mit den umfangreichen Neubauten, der Erneuerung der Infrastruktur und der neuen Kantine solle der Standort langfristig gestärkt und zukunftsfähig gemacht werden.
Auch in den Standort Mechernich soll investiert werden – nach Angaben der Bundeswehr ebenfalls ein dreistelliger Millionen-Euro-Betrag. Zudem soll auch das Systemzentrum 23 am Bleiberg zwischen Mechernich und Bergheim bleiben. In der „Patriot-Werft“ ist die Abgesetzte Fachgruppe Mechernich des Systemzentrums 23 stationiert. Die vormals in Mechernich beheimatete Luftwaffeninstandhaltungsgruppe 23 wurde bereits im Jahr 2008 aufgelöst. Im Anschluss übernahm das Systemzentrum 23 deren Aufgaben.
Justin Timberlake in Euskirchen, Raketen auf dem Billiger Berg und eine eigene Schule
- Als der Zweite Weltkrieg endete, lag Euskirchen in Schutt und Asche. Zunächst übernahmen britische Truppen die Kontrolle in der zerstörten Stadt, 1946 folgten belgische Soldaten. Für die Bevölkerung, die ohnehin mit den Folgen der Bombennächte zu kämpfen hatte, war das zunächst eine zusätzliche Belastung. Die Beschlagnahmungen von Häusern, Wohnungen und Alltagsgegenständen wie Bügeleisen und Teppichen schürten Unmut.
- Doch rückblickend prägte diese Zeit das Stadtbild nachhaltig: Im Auel, in der Franz-Sester-Straße und in der Paul-Keller-Straße entstanden ganze Reihenhaussiedlungen für belgische Soldaten – ein Bauboom, dessen Spuren bis heute sichtbar sind. In den 1950er Jahren entspannte sich das Verhältnis zwischen Belgiern und Euskirchenern. Kulturelle Einrichtungen, gemeinsame Veranstaltungen und Feste sorgten für Annäherung. Bei den beliebten Regimentsfesten öffneten sich die Kasernentore, und viele Bürger nutzten die Gelegenheit, einen Blick hinter die Mauern zu werfen.
- Zu einem tragischen Ereignis kam es am 24. Februar 1967, als der belgische Sergeant Théodore Scalais auf dem Parkplatz des sogenannten belgischen Hochhauses am Appelsgarten einen Autodieb überraschte. Der Täter stach auf den Soldaten ein, der wenige Tage später an seinen Verletzungen starb. Erst neun Monate später gestand ein Euskirchener den Mord und wurde zu zwölf Jahren Zuchthaus verurteilt.
- Weniger blutig, aber nicht minder spektakulär war der Auftritt des „Fliegersoldaten Robert Cadidar“. Der Hochstapler verschaffte sich mit Charme und einer erfundenen Militäridentität Zugang zur belgischen Kaserne, feierte mit den Soldaten – und verschwand am nächsten Tag mit einer Kantinenleiterin und einem gestohlenen Auto. In Bad Godesberg endete sein Kurzurlaub „vom Ich“ mit der Festnahme und sieben Monaten Haft, die er, so heißt es, mit einem „Jawoll, Sir!“ akzeptierte. 1951 war mit der Ansiedlung der belgischen „Lanciers“ der Grundstein für Euskirchens Aufstieg zur Garnisonsstadt gelegt worden. Rund 4000 belgische Soldaten und ihre Familien lebten zeitweise in der Kreisstadt – etwa ein Fünftel der Bevölkerung. Sie wurden Teil des Stadtlebens, engagierten sich in Vereinen und im Karneval.
- Ein unvergessliches Beispiel dieser Verbundenheit ereignete sich 1969: In der Nacht zum Rosenmontag fiel so viel Schnee, dass der Karnevalszug zu scheitern drohte. Belgische Soldaten räumten mit schwerem Gerät die Strecke frei und schleppten den Prinzenwagen an Ort und Stelle – Prinz Franz I. ging als „Schneeprinz“ in die Annalen ein.
- 1953 begann der Bau der belgischen Schule am heutigen Basingstoker Ring, die in nur 120 Tagen fertiggestellt wurde. Sie war ursprünglich für belgische Kinder gedacht, wurde aber so gebaut, dass sie später problemlos an deutsche Behörden übergehen konnte. Heute befindet sich dort die Hans-Verbeek-Schule.
- Auch militärisch prägten die Belgier das Bild der Region: Mitte der 1960er Jahre betrieben belgische und US-amerikanische Streitkräfte im Billiger Wald eine Flugabwehrraketen-Abteilung. Gerüchte, dass dort Atomsprengköpfe gelagert seien, sorgten Anfang der 1980er Jahre für Unruhe. Fasziniert zeigte sich die Bevölkerung dennoch von den Raketenmanövern, die regelmäßig mit lautem Sirenengeheul und simulierten Abschüssen stattfanden. Tatsächlich wurde vom Billiger Berg nie eine Rakete abgefeuert.
- 1985 zogen die letzten belgischen Soldaten ab. Rund 400 Männer verließen die Stadt, viele von ihnen wurden nach Blankenheim oder Düren versetzt, nur wenige kehrten in die Heimat zurück. Mit ihrem Abzug endete eine fast 40-jährige Epoche – eine Zeit, in der aus einstigen Besatzern längst Freunde geworden waren. Doch die Geschichte der Loncin-Kaserne ging weiter.
- 1985 übernahm die Bundeswehr das Areal an der Kommerner Straße, das fortan den Namen Generalmajor-Freiherr-von-Gersdorff-Kaserne trug. Rund 44 Millionen D-Mark wurden in den Ausbau investiert, 12.000 Soldaten kamen nach Euskirchen. Bis heute ist das frühere Kasernengelände ein Ort voller Geschichte – und voller Gefahren. Warnschilder weisen auf Lebensgefahr hin: Einige der alten Gebäude sind einsturzgefährdet, zudem besteht der Verdacht auf Altlasten und Munitionsreste.
- „Im Teilbereich der Loncin-Kaserne wurden unter anderem Tankstellen, Werkstätten, Öllager und Ölabscheider betrieben“, erklärt ein Sprecher des Bundesamtes für Infrastruktur, Umweltschutz und Dienstleistungen der Bundeswehr. Eine erste Untersuchung in den 1990er Jahren ergab zwar keine relevanten Schadstoffbelastungen, doch eine erneute Prüfung ist für das kommende Jahr geplant. Die Bundeswehr bearbeitet Altlasten auf ihren Liegenschaften seit mehr als 25 Jahren systematisch – auch in Euskirchen.
- Ein eher kurioses Nachspiel erlebte die Kaserne im Sommer 1997, als sie zum Schauplatz eines Musikfestivals wurde: Zwischen alten Offiziersgebäuden und Fahrzeughallen feierten rund 8000 Besucher beim „Summer-Dance-Festival“. Auf der Bühne standen Popstars wie Blümchen, NSYNC und Justin Timberlake – ein Kontrast, wie er größer kaum sein könnte: Dort, wo einst Militärfahrzeuge parkten, tanzte die Jugend zu Eurodance-Beats.

