SpendenlaufEuskirchener Familie lief bei 34 Grad Marathon über die Chinesische Mauer

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Leon und Vater Marc Marth tragen Kappen und laufen die Stufen der Chinesischen Mauer herunter.

Bei 34 Grad liefen Leon und sein Vater Marc Barth über ein 8,5 Kilometer langes Teilstück der Chinesischen Mauer.

Bei 34 Grad nahm Familie Barth aus Euskirchen-Kleinbüllesheim an einem der herausforderndsten Läufe der Welt teil: dem China Wall Run.

Kamele stehen auf der linken Seite des grob gepflasterten Weges, der auf die Chinesische Mauer führt. Auf der rechten schauen sich riesige Vogelstrauße hektisch um. Dazwischen startet um 8 Uhr morgens der 10-jährige Leon Barth aus Kleinbüllesheim gemeinsam mit seinem Vater Marc in den 8,5 Kilometer langen „Fun Run“ über die Chinesische Mauer. Seine Mutter Stefanie ist zu diesem Zeitpunkt schon seit einer halben Stunde unterwegs. Sie will den vollständigen Marathon (42,2 Kilometer, 1100 Höhenmeter, 5164 Stufen) absolvieren.

Monatelang hat Familie Barth für den Marathon trainiert

Monatelang hat die Kleinbüllesheimer Familie für diesen Tag trainiert. Und eine gute Vorbereitung ist auch dringend notwendig, findet Stefanie Barth. Schließlich gilt der „Great Wall Marathon China“, der etwa 150 Kilometer östlich der Hauptstadt Peking startet, als einer der anspruchsvollsten Läufe weltweit – wegen der Hitze und der vielen Stufen.

Da es im Kreis Euskirchen keinen Trainingsort gibt, der die Familie Barth auf diese besondere Herausforderung vorbereiten hätte können, fuhren sie zum Training zu den immerhin 360 Stufen des Metabolons in Lindlar, um dort den Treppenlauf zu trainieren. Das sei schließlich etwas ganz anderes als ein „normaler Marathon“, weiß Stefanie Barth, die auch schon zweimal über die Ziellinie des New-York-Marathons lief. Vorbereitung sei also die eine „Geheimzutat“ zum Bestehen so eines Extrem-Laufes. Die andere: die Tagesform.

Das haben die Barths direkt an ihrem ersten Tag erfahren. Am Mittwochmorgen, 15. Mai, fanden sich professionelle Läufer aus 30 verschiedenen Nationen auf dem Ying-Yang-Platz am Fuße der Chinesischen Mauer ein, und berichteten einander laut von all den schwierigen Läufen, die sie schon gemeistert hatten. Marc Barth, der sich selbst nicht als großen Läufer bezeichnet, fielen direkt die olympischen Ringe ins Auge, die ein Teilnehmer riesengroß auf dem Rücken tätowiert hatte. „Das macht man doch nur, wenn man teilgenommen hat, oder?“, mutmaßte er.

Kleinbüllesheimer Familie steht inmitten der besten Läufer der Welt

„Da waren schon ein paar wirklich unglaublich gute Läufer dabei“, findet auch Stefanie Barth. „Aber auf der Chinesischen Mauer werden die Karten neu gemischt. Da sagt die Anzahl der Marathons, die du schon gelaufen bist, gar nicht so viel aus.“

Ein Teilstück der Mauer liefen die professionellen Läufer am Mittwoch zunächst einmal im Schritttempo: einfach um zu erfahren, wie sich die Strecke unter den Füßen anfühlt. Wer aus Deutschland angereist ist, stellt sich vielleicht DIN-genormte, ebenmäßig gepflasterte Stufen vor. Aber so sei es nicht, sagt Stefanie Barth. Die Stufenabstände seien alle unterschiedlich. Manchmal so klein, dass man gar nicht merke, dass man eine Treppe hinauf geht, manchmal so hoch, dass man richtig klettern müsse. Und dann gebe es die Teilstrecken, in denen einfach nur Einkerbungen in einen Felsen geschlagen seien.

Stefanie Bart steht auf der Chinesischen Mauer und macht mit zwei Fingern das „Peace-Zeichen“.

Um die Mittagszeit herum bekam Stefanie Barth plötzlich Magenprobleme und fürchtete, sie müsste den Lauf abbrechen.

Leon Barth probiert chinesisches Essen.

Leon Barth mochte das Essen in China gerne. Etwas befremdlich fand er nur den Moment, als er ein „Crispy Chicken“ bestellte und ihn von seinem Teller aus ein verkohlter Hühnerkopf anschaute.

Einer der professionellen Läufer stürzte schon bei der Begehung so heftig, dass er sich den Kopf aufschlug, und blutete so schlimm, dass er ins Krankenhaus gefahren werden musste, um genäht zu werden. „Dabei waren wir bisher nur spaziert“, sagt Stefanie Barth. Und dass sie sich danach große Sorgen um Leon gemacht habe. „Weil Kinder oft ja schneller machen, als gut für sie ist.“

Weil der 10-jährige Leon Barth gern „schnell macht“, habe ihm das klassische Touristenprogramm, für das sie sich vor Ort angemeldet hatten, auch nicht besonders gut gefallen: eine Besichtigung des neuen Sommerpalastes und der chinesischen Riesenpandas. „Mit 30 Leuten in der Hitze hinter einem Fähnchen herwackeln – das ist nichts für Leon“, sagt seine Mutter und lacht. Schön fanden alle Barths aber den Tag, an dem sie auf eigene Faust in einem traditionellen kleinen chinesischen Städtchen herumwandern konnten.

Chinesen behandeln Leon Barth wie einen Teenie-Star

Dort sei Leon auch ein beliebtes Fotomotiv gewesen, sagt Stefanie Barth. Einen kleinen blonden Jungen mit blauen Augen sähen die Einwohner dort wohl nicht allzu häufig. Ältere Frauen baten um Selfies mit dem kleinen Euskirchener. Mädchen liefen kichernd an ihm vorbei. „Es war, als hätten sie gerade einen Teenie Star in ihrem Örtchen entdeckt.“ 

Schließlich kam eine junge Frau auf die Familie zu, sprach aufgeregt und kicherte viel, konnte aber kein Englisch. Stefanie Barth hielt ihr das Handy entgegen und ließ die junge Frau in eine Übersetzungsapp sprechen. Die App dolmetschte: „Ist er das Kind von TikTok?“ Angeblich gebe es einen TikToker, dem er sehr ähnlich sehe, sagt Stefanie Barth. Das sei ein kleiner, blonder Junge, der regelmäßig völlig ausraste. Sie lacht. Nicht unbedingt der TikTok-Star, mit dem man verwechselt werden wolle. 

Stefanie und Marc Barth schauen in die Kamera. Sohn Leon Barth sieht geschafft aus.

Die ganze Familie Barth hat es ins Ziel geschafft.

Leon Barth trägt einen Sonnenhut.

Sich bei 34 Grad für der brennnenden Sonne zu schützen, war enorm wichtig.

Mit traditionellen, handgezogenen Nudeln im Magen, den Eindrücken der vergangenen Tage im Kopf und Nervosität im Bauch schlief Stefanie Barth in der Nacht vor dem Marathon extrem schlecht – und musste auch sehr früh aufstehen. Weil der Bus um halb sechs fuhr, hatte die Sportlerin vor dem extremen Marathon bloß eine Stunde geschlafen. Und war deswegen sehr besorgt: um die Tagesform.

Bilder, die sich bei der Kleinbülleheimerin einbrannten

Am Ying-Yang-Platz, dem niedrigsten Punkt der Chinesischen Mauer, startete sie am Samstag, 18. Mai, um halb acht. Am Rande stand die chinesische Polizei und jubelte ihr zu. Dahinter ein paar Fahnenschwenker, die eine aufwendige Performance zeigten. Kinder reckten sich über die Mauer, zum Abklatschen. „Ich hatte gar keine Zeit nachzudenken, oder erschöpft zu sein, weil so viel passierte“, sagt Stefanie Barth. Und trotz der kurzen Nacht merkte sie schnell, dass sie an diesem Tag trotz der kurzen Nacht in einer guten Verfassung war.

Sie unterhielt sich eine Weile mit einem Belgier, der sich bald entschied, sich seine Kräfte doch besser einzusparen, sie lief ins Landesinnere hinein in die Dörfer. „Wenn man so lange läuft, dann gibt es ein paar Bilder, die sich für immer einbrennen“, sagt sie. Eines davon: Ein alter Chinese, der sie freundlich anschaute und, als sie auf seiner Höhe war, so breit grinste, dass er einen ganzen Mund voller fauliger Zähne offenbarte. „Irgendwie sympathisch“, sagt Stefanie Barth. Ein anderes Bild: Ein Junge, der sie erstaunt anschaute. Die Hälfte eines Katzenkörpers hielt er im Arm, die andere schliff über den Boden.

Leon Barth und Marc Bart laufen über die Ziellinie.

Leon Barth und Marc Bart laufen über die Ziellinie.

Leon und Marc Barth posieren mit Medaille.

Alle waren Gewinner: Am Ende bekamen alle Barths eine Medaille.

Gegen Mittag, als die Sonne prallte (es war 34 Grad), wurde ihr übel. Vielleicht vor Erschöpfung, vielleicht wegen des ganzen Wassers. Außerdem begann sie sich zu sorgen. Weil sie nur sechs Stunden Zeit hatte, zur Mauereinheit zurückzukommen. „Wer nicht rechtzeitig kam, stand bei Kilometer 35 vor einem verschlossenen Tor, wurde aus dem Rennen genommen und bekam nur die Medaille für den Halbmarathon“, erklärt Barth. Das habe sie enorm unter Druck gesetzt.

Alle Familienmitglieder hatten auf ihre Art zu kämpfen

Auch Marc Barth hatte zu kämpfen. Er war ein paar Meter hinter einer Sanitätsstation umgeknickt. Doch die Sanitäter halfen schnell und Marc lief weiter. Leon Barth war so heiß, dass er unzählige Wasserflaschen über seinem Kopf ausleerte, um sich herunterzukühlen. Doch am Ende schafften es alle Barths ins Ziel. „Das ist für mich immer der schönste Moment. Auf den letzten Metern bekam ich Gänsehaut“, sagt Stefanie Barth.

Nach 1:57 Stunden, 400 Höhenmetern und 2582 Stufen schafften es Leon und Marc über die Ziellinie, als 26. und 27. von insgesamt 43 teilnehmenden Männern. Nach 5:57 Stunden, 1100 Höhenmetern und 5164 Stufen kam Stefanie Barth ins Ziel, als 76. von 343 Marathonteilnehmern, als 28. von 97 Frauen.

Auf dem Ying Yang Square fanden die Kleinbüllesheimer nach ihrem Erfolg einen Infostand mit weiteren extremen Marathonläufen. Durch afrikanische Steppen oder das grönländische Inlandeis. Eine der Touren hatte es Leon aber besonders angetan: ein Lauf durch den Dschungel. Ein Marathon über die Insel Cozumel in Mexiko. Da würde er sich am liebsten schon für das nächste Jahr anmelden, sagt Stefanie Barth. „Mal schauen, ob die überhaupt einen Fun Run anbieten“, sagt Stefanie Barth und lacht. Aber eines steht schon fest: Familie Barth wird weiterlaufen.


Spendensumme an RTL übergeben

Nach der gemeinsamen Chinareise und einer überstandenen Corona-Infektion überreichte Leon Barth eine Spendensumme von 2275 Euro an Fernsehmoderator Wolfram Kons. Das Geld geht an die RTL-Stiftung „Wir helfen Kindern“.

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