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30 Jahre Multiplex„Fack ju Göhte 2“ war der größte Kassenschlager im Kino in Euskirchen

8 min
Zwei Männer und eine Frau sitzen in einem leeren Kinosaal.

In der ersten Reihe wollen selbst die Eigentümer Peter (v. l.) und Claudia Hebbel sowie Betriebsleiter Sebastian Arenz nicht sitzen.

Das Cineplex Euskirchen, 1996 eröffnet, hatte bisher sechs Millionen Besucher. Bis zu 47 Tonnen Popcorn werden pro Jahr produziert.

Der amerikanische Unabhängigkeitstag fand im Jahr 1996 nicht am 4. Juli, sondern am 19. September statt – zumindest in Deutschland. An diesem Termin lief in den Kinos Roland Emmerichs Science-Fiction-Film „Independence Day“ an, in dem Jeff Goldblum, Will Smith und Bill Pullman gegen Aliens, die die Erde angreifen, kämpfen. Die Verknüpfung mit der Stadt Euskirchen ist aber eine andere. Es war der erste Film, den das Kino-Center Galleria (heute Cineplex Euskirchen) zeigte. Damit waren die Zeiten der Kinos mit Einzelsälen wie Filmeck, Stern, Odeon und Germania vorbei. Das Multiplex-Zeitalter begann auch in der Kreisstadt – mit fünf Sälen, modernster Film- und Soundtechnik und höherem Sitzkomfort.

Peter Hebbel, der mit seiner Frau Claudia insgesamt sieben Cineplex-Kinos in der Region betreibt, erinnert sich, dass das Gebäude selbst noch gar nicht fertig war. Die Zuschauer, die ins Kino wollten, wurden zunächst über die äußeren Treppen durch die Baustelle geleitet. Aber „Independence Day“ durfte sich ein Kino eben nicht entgehen lassen – einerseits, um zu zeigen, was die Technik im neuen Kino kann, andererseits, weil es sich bei dem Film zum damaligen Zeitpunkt, also noch vor Titanic, Avatar und Avengers, um den zweiterfolgreichsten Film der Kinogeschichte nach Jurassic Park handelte.

Die Technik im Cineplex Euskirchen wird ständig verbessert

Kino boomte Ende der 90er-Jahre noch. Die Säle waren voll, Konkurrenz wie Videotheken und Fernsehsender zeigten Filme erst Monate bis Jahre nach dem Kinostart. Das führte dazu, dass an der Ecke Hochstraße/Entenpfuhl, wo früher das Filmeck war, im Jahr 2001 das Galleria Arthouse mit drei weiteren Kinosälen seine Pforten öffnete. Aber der Name war nicht lange Programm, denn das Sehverhalten der Menschen hatte sich zu der Zeit schon verändert. „Es gibt immer weniger reine Arthouse-Filme. Deshalb machen auch in Großstädten die reinen Arthouse-Kinos zu“, weiß Claudia Hebbel. Stattdessen habe sich das sehr vermischt. Mit kleinem Budget produzierte Filme, die aber gut laufen, wandern gerne ins „große“ Kino. „Es hat sich alles vermischt“, so Hebbel.

Konkurrenz für das Kino gab es schon immer, wie Peter Hebbel weiß. Als das Fernsehen kam und mit dem Aufkommen der Videotheken sei das Kino totgesagt worden. Anfang des Jahrtausends waren es dann die illegalen Tauschbörsen, die Filme – meist verwackelte, mit Videokamera aufgezeichnete Dateien – zum Download anboten. Und heute sind es die Streamingdienste, die drohen, den Lichtspielhäusern die Kunden abspenstig zu machen.

Filme erscheinen heute oft parallel zum oder nur wenige Wochen nach dem Kinostart auf Netflix, Prime Video und den anderen Anbietern – vor allen Dingen, wenn diese die Streifen auch produziert haben. Allerdings sieht Claudia Hebbel das differenzierter: „Die Streamingdienste machen mehr dem normalen Fernsehen Konkurrenz.“ Und sie ist sich sicher, dass es Kino weiter geben wird. „Die Verleiher brauchen das Kino.“

Im Kinosaal zählt das, was man zuhause nicht hat

Und die Betreiber wehrten sich regelmäßig – und zwar mit der neuesten Technik. Vom 35-Millimeter-Film ist man längst auf Digitaltechnik umgestiegen. Mittlerweile ist man im Euskirchener Kino bei 4k-Laserprojektoren angekommen. „Da ist das Schwarz auch wirklich schwarz“, sagt Peter Hebbel. Und auch die Audiotechnik wurde permanent verbessert. War der Zuhörer vor 30 Jahren noch begeistert, wenn er dank Dolby Surround und später Dolby Digital erkennen konnte, von wo ein Geräusch kam, wird man mittlerweile bei der vollen Power von Dolby Atmos in den Kinosessel gedrückt.

Im Kinosaal wird das geboten, was man zu Hause nicht oder deutlich eingeschränkter bekommt. Es zählt das Einzigartige. Und was ist mit Imax? „Mit unserem 4k-Projektor und Atmos, wie wir es in den Kinos 1 und 2 haben, ist da kaum ein Unterschied zu erkennen“, sagt Peter Hebbel.

Eine Figur von Jack Sparrow steht im Treppenaufgang.

Captain Jack Sparrow bewacht die Besucher im Treppenaufgang.

Ein Kinomitarbeiter hält eine Tüte Popcorn in den Händen.

Popcorn gehört zum Kinobesuch seit jeher dazu.

Und auch neue Konzepte gibt es im Kino, sowohl was das Angebot als auch die Infrastruktur angeht. So wurde das Kino 8 im Arthouse zu einem Sofakino umgebaut. Im Erdgeschoss der Galleria entstand die Lichtspiel-Lounge mit 24 Plätzen. Den Saal kann man mieten, was sich auch für Firmenevents anbietet. Laut dem Euskirchener Betriebsleiter Sebastian Arenz fand schon so manche Weihnachtsfeier in der Lichtspiel-Lounge statt. Gezeigt werden können dort alle Filme aus dem laufenden Programm. Neben der Saalmiete wird auch der reguläre Ticketpreis fällig. Service-Personal ist mit in der Lounge, hilft bei der Technik und steht hinter der Bar. Weitere Informationen gibt Arenz per Telefon unter 0176/11 40 09 06 oder per E-Mail.

Das Seniorenkino ist in Euskirchen ein echter Kassenschlager

Auch Sonderreihen wurden auserkoren – wie das Strickkino. „Da ist das Licht nicht ganz gedimmt, damit man auch noch Stricken kann“, erklärt Claudia Hebbel. Oder es gibt die Aufführungen der Metropolitan Opera aus New York. Das wird deutschlandweit, also nicht nur in Euskirchen, angeboten. Da es sich um die Matinee-Vorstellung aus der US-Großstadt handelt, wird die untertitelte Live-Darbietung am Abend gezeigt. Dazu gibt es Hintergrundinformationen und Interviews. „Man muss nicht nach New York fliegen und ist näher dran“, beschreibt es Peter Hebbel.

Als echter Kassenschlager hat sich das Seniorenkino entwickelt. An jedem ersten Mittwoch im Monat nutzen rund 500 Besucher das Angebot. Ein Film läuft zeitversetzt in mehreren Kinos. Dabei handelt es sich um eine Partneraktion mit der Stadt Euskirchen. Die Stadt stellt Kuchen zur Verfügung, das Kino den Kaffee. Diese Aktionen zeigen vor allen Dingen eines: Das Kino ist ein Ort, an dem Menschen zusammenkommen und sich vor- und nachher unterhalten wollen.

Doch von Frühjahr 2020 bis Herbst 2021 stand dieser Ort die meiste Zeit nicht zur Verfügung. Die Zeit von Corona und Flut war für die Betreiber die härteste, die sie je erlebt haben. Von jetzt auf gleich wurden die Kinos geschlossen. „Wir haben Dinge gelernt, die man nicht lernen wollte, etwa was Kurzarbeit ist“, beschreibt Claudia Hebbel. Ihr Mann fand die Schließungen unverhältnismäßig. „Im Kinosaal wird die Raumluft zwölf- bis 14-mal pro Stunde gewechselt und gefiltert.“

Nur 14 Tage vom Ende der Corona-Schließung bis zur Flutkatastrophe

Die Wiedereröffnung fand am 1. Juli 2021 statt. 14 Tage später kam die Flutkatastrophe. Für die Hebbels war klar: Das Kino sollte so schnell wie möglich wieder öffnen. Allerdings fehlte es zunächst an Strom, denn die Trafos befanden sich im Keller der Galleria. Doch mit dem bislang letzten James-Bond-Film „Keine Zeit zu sterben“ kam das Euskirchener Cineplex zurück. Was für Daniel Craig den Abschied bedeutete, wurde für das Kino zum Neuanfang – und erinnerte sogar an die Eröffnung 25 Jahre zuvor, denn man kam nur durch den Dreck über die Außentreppe hinein. Eine Flaute erlebte man auch nach dem Autorenstreik in Hollywood im Jahre 2023. „Es war keine Ware da, die Dreharbeiten standen still“, erinnert sich Peter Hebbel.

Unter dem Schriftzug "Galleria" sind fünf Bildschirme mit Werbung zu sehen.

Über dem Eingang der Galleria macht das Cineplex Euskirchen Werbung für Filme und sonstige Angebote.

Sofas stehen in der Lichtspiel-Lounge.

Die Lichtspiel-Lounge im Erdgeschoss der Galleria kann man unter anderem für Firmenevents wie etwa Weihnachtsfeiern mieten.

Auf einer Leinwand sind Buster Keaton, Marilyn Monroe, James Dean, Ingrid Bergman, Humphrey Bogart, Charles Chaplin und King Kong zu sehen.

Eine Leinwand im Wartebereich zeigt Hollywood-Legenden in einigen ihrer bekanntesten Szenen.

Noch längst ist das Euskirchener Kino nicht wieder bei den Besucherzahlen vor der Pandemie angekommen. 2019 zählte man 200.000 Besucher. Aktuell liegen die Zahlen bei 160.000 bis 170.000 Gästen. In den 30 Jahren des Bestehens habe man in Euskirchen sechs Millionen Besucher im Kino begrüßen dürfen. 2026 verspricht ein gutes Jahr zu werden, dank Sommerblockbustern wie „Spider-Man: Brand New Day“ und „Odyssey“.

Ob diese auch den größten Kassenschlager der vergangenen 20 Jahre (wegen eines Wechsels im Kassensystem hat Claudia Hebbel keine Erhebungen für die erste Dekade) übertrumpfen können? „Fack ju Göhte 2“ sahen 20.174 Besucher, und damit noch einmal 300 Leute mehr als das Debüt. „Wir waren in Euskirchen immer supererfolgreich, das Kino wurde toll angenommen“, sagt Claudia Hebbel. Das liege auch daran, dass sich alle – von den Betreibern bis zum Personal – große Mühe gäben und das Kino technisch auf einem guten Stand hielten und auch auf die Sauberkeit achteten. Fünf feste Mitarbeiter sowie 30 Aushilfen und Teilzeitkräfte seien in der Kreisstadt beschäftigt. Und Sebastian Arenz lobt auch das Publikum. Das sei in Euskirchen „entspannt und umgänglich“.

20 bis 40 Säcke Popcorn werden pro Woche verbraucht

Und dann liefert der Betriebsleiter noch eine ganz besondere Zahl. 20 bis 40 Säcke Popcorn pro Woche werden im eigens dafür eingerichteten Raum im Erdgeschoss verbraucht. Die Zutaten kommen allesamt aus Amerika, ein Sack hat ein Gewicht von 22,68 Kilogramm. Das macht also rund 450 bis 900 Kilogramm pro Woche oder 23,5 bis 47 Tonnen pro Jahr. Würde man das auf die gesamten 30 Jahre hochrechnen und die Corona-Zeit ebenso außer Acht lassen wie die ersten fünf Jahre mit nur fünf anstatt acht Kinosälen, bedeutete das gerundet zwischen 700.000 und 1,4 Millionen Tonnen Popcorn, die im Euskirchener Kino produziert wurden.

Und welche Filme sehen die Betreiber und der Betriebsleiter am liebsten? Das Ehepaar Hebbel nennt keine konkreten Streifen. Claudia Hebbel bevorzugt Blockbuster und nennt exemplarisch die Marvel-Filme, die James-Bond- und die Star-Wars-Reihe. Ihr Mann schaut gerne eine „gute Komödie“. Und Sebastian Arenz war zum einen von „Odyssey“ begeistert, hat aber ansonsten eine Vorliebe für Filme von Regisseur Martin Scorsese. Sein Favorit ist „Taxi Driver“ mit Robert De Niro und Jodie Foster. Der erschien aber knapp 20 Jahre vor der Eröffnung des ersten Multiplex-Kinos in Euskirchen, damals zu Zeiten von Filmeck, Stern (das vermutlich zu dem Zeitpunkt noch Rex hieß), Odeon und Germania.