Nach MesserstechereiSo bewertet ein Ex-Polizist die Euskirchener Kriminalität

Lesezeit 5 Minuten
Mehrere Polizisten sind bei einer Razzia im Viehplätzchenviertel im Einsatz.

Das Viehplätzchenviertel ist seit Jahren ein Problemviertel.

Die Staatsanwaltschaft Bonn hat neue Erkenntnisse zur Messerstecherei am Neujahrstag in Euskirchen bekannt gegeben. Laut einem ehemaligen Kripo-Beamten sind solche Gewaltausbrüche nicht neu. Er erinnert sich im Gespräch an seine Dienstzeit vor 20 Jahren.

Bei einer Messerstecherei am Neujahrstag waren in Euskirchen zwei Männer schwer verletzt worden. Ein Polizist gab sogar einen Warnschuss ab, mehr als 40 Beteiligte waren aufeinander losgegangen. Nach Angaben der Bonner Staatsanwaltschaft soll eine Gruppe junger Männer an Silvester Böller in eine andere Gruppe mit Kindern geworfen haben. Das soll der Anlass für die Auseinandersetzung einen Tag später gewesen sein, sagte am Montag der Pressesprecher der Bonner Staatsanwaltschaft, Jonas Stallkamp.

Noch am Abend nach der Messerstecherei kursierten Handyvideos des Vorfalls in Sozialen Netzwerken. Diese wurden eifrig kommentiert. Häufiger Tenor: „Das hat es früher in Euskirchen nicht gegeben.“ Doch ist das wirklich so? Schließlich gab es den Amoklauf am Amtsgericht oder das Rosental, das heute wohl als No-go-Area bezeichnet werden würde. Oder die Marsstraße in Stotzheim, wo die Polizei immer wieder im Einsatz war.

Der Nettersheimer Josef Wirtz war Polizist. Allein 26 Jahre war er in Euskirchen im Dienst. „Natürlich gab es früher auch viel Kriminalität. Die Täter waren damals aber eher ortsansässig“, sagt der ehemalige Polizist. Gewaltsame Auseinandersetzung im Großfamilien-Milieu – das habe es nicht gegeben. Von Clans habe man damals noch nicht mal etwas geahnt. „Vielleicht haben wir aber etwas nicht mitbekommen“, sagt Wirtz augenzwinkernd.

Euskirchener Polizist: Respekt ist weniger geworden

Dann wird er ernst und fügt an: „Es war ein ganz anderes Verhältnis zur Polizei. Ich habe in meinen Berufsleben nicht einen Widerstand erlebt. Wir wurden respektiert.“ Man habe auch mal ohne Waffe – obwohl nicht gestattet – unterwegs sein können.

Auch in Vierteln, die alles andere als einen guten Ruf hatten. Ein solches Viertel sei damals das Rosenthal zwischen Zuckerfabrik und der heutigen L 194 gewesen. „Da gab es nur Kleinkriminalität“, erinnert sich Wirtz. Da habe er auch in Zivil durchgehen können. Mit Erfolg, wie er sagt: „Als ich wieder zu Hause war, bekam ich immer ein, zwei Anrufe. Danach wusste ich, wo wir noch mal in Uniform hin sollten.“

Schutzgelderpressung in Euskirchen flog schnell auf

Aber, so Wirtz, es habe auch einen Bereich der Kriminalität gegeben, von dem die Öffentlichkeit – wenn überhaupt – nur selten etwas mitbekommen habe: Schutzgelderpressung. Damals haben die Täter unter anderem einen Club in Euskirchen im Visier gehabt. „Die Betreiber haben das nicht mitgemacht und sich an uns gewendet“, so Wirtz.

Eine verdeckte Ermittlung habe schnell zum Erfolg geführt, sagt der ehemalige Polizist im Redaktionsgespräch: „Der Übermittler der Erpressung hat sechs Jahre bekommen. Die hat er auch abgesessen. Ohne einen Namen zu nennen. Der hat eisern geschwiegen.“

Mord an Claudia Ruf und Amoklauf in Euskirchen sind in besonderer Erinnerung geblieben

Verbrechen, die ihm besonders in Erinnerung geblieben sind? „Ganz klar der Amoklauf am Amtsgericht und der Mord an Claudia Ruf“, antwortet Wirtz. Aber auch eine erschossene Frau in der Euskirchener Fußgängerzone 1994 habe er noch im Kopf.

Als das Stichwort „Amtsgericht“ fällt, ist der 9. März, ebenfalls im Jahr 1994, dem ehemaligen Polizisten sofort wieder präsent. „Ich hatte mit dem Täter fünf, sechs Wochen zu tun, als er bei mir Anzeige erstattet hat“, so Wirtz: „Der machte damals schon einen unheimlichen Eindruck.“

Und an einen der ersten Geiselgangster Euskirchens, das sogenannte Pastörchen, erinnert sich Wirtz ebenfalls: „Die Stimme wurde damals übers Radio veröffentlicht, nachdem er irgendwie mit dem Zug weg ist. Anschließend ist er an der Stimme erkannt worden. Wir hatten in Euskirchen schon immer eine Szene, die in vielen Bereichen aktiv war.“

Er könne verstehen, wenn sich das subjektive Sicherheitsgefühl in Euskirchen für jemanden im Laufe der Jahre geändert habe – auch, weil sich die Bevölkerung in der Kreisstadt in den vergangenen Jahren verändert habe, so Wirtz. Und noch etwas hat sich in den Augen des Polizisten geändert: „Früher wurde sich auch geprügelt. Wenn einer auf dem Boden lag, war aber Schluss. Da wurde nicht noch mal getreten oder geschlagen. Früher war es irgendwie ehrlicher.“

Polizei in Euskirchen: Menschen können sich sicher fühlen

Die Statistik der Polizei spricht eine deutliche Sprache: Die meisten Verbrechen finden in Euskirchen statt. Das liegt aber auch daran, dass in der Kreisstadt die meisten Menschen leben. Die polizeiliche Kriminalstatistik für das Jahr 2022 – auch mit Zahlen für die Euskirchener Innenstadt – wird voraussichtlich im März veröffentlicht, sagt Franz Küpper, Pressesprecher der Euskirchener Polizei. Vorab lasse sich tendenziell – Stand heute – zusammenfassen, dass zwar eine leichte Steigerung an Straftaten erkennbar ist, jedoch keine signifikante Steigerung der Straftaten gegen das Leben oder gegen die körperliche Unversehrtheit.

„Nach wie vor leben die Menschen im Kreis Euskirchen im Vergleich zu anderen Kreisen und kreisfreien Städten sicher – das gilt auch für die Stadt Euskirchen“, sagte der Pressesprecher auf Anfrage dieser Zeitung.


„Das Viehplätzchen-Viertel ist nicht der Wilde Westen von Euskirchen“, sagt Franz Küpper, Pressesprecher der Euskirchener Polizei. Der Bereich zwischen Hohe Straße, Kapellen- und Bischofstraße sei keine No-go-Area, so Küpper: „Wir können aber nachvollziehen, dass es ein gewisses Gefühl der Unsicherheit gibt.“

Denn, so der Pressesprecher, „findet dort natürlich Kriminalität statt. Die Betäubungsmittelszene haben wir ebenfalls im Fokus.“ Entsprechend werde es weiterhin Schwerpunkteinsätze geben – wie die Razzia im Juni 2022. Seit 2019 fanden laut Küpper zehn durch Behördenleiter angeordnete strategische Fahndungen mit einer Dauer von jeweils 28 Tagen statt.

„Es konnten nicht nur am Viehplätzchen, sondern auch an anderen ausgewählten Schwerpunkten im Innenstadt-Bereich Festnahmen durchgeführt sowie Straf- und Ordnungswidrigkeitsanzeigen gefertigt werden“, so der Pressesprecher. Aber es gehe nicht nur um die großen Einsätze, sondern auch um die täglichen Kontrollen und gemeinsame Streifen mit dem Ordnungsamt.

Für die Innenstadt gibt es Küpper zufolge seit mehr als zehn Jahren ein Präsenzkonzept. Es sieht vor, in Brennpunkten der Innenstadt offen gegen die Straßenkriminalität vorzugehen. Zudem gibt es seit Ende 2021 den Runden Tisch „Viehplätzchenviertel“.

Dort diskutieren Anwohner, Polizei und weitere Organisationen über die Zustände des Viertels – initiiert von den Anwohnern. „Wir werden die sichtbare Polizeipräsenz in der Euskirchener Innenstadt mindestens weiterhin beibehalten. Zudem erhöhen wir den Fahndungs- und Kontrolldruck. Und natürlich werden wir Straftaten und Ordnungswidrigkeiten konsequent verfolgen“, so Küpper.

Rundschau abonnieren