Angesichts der gefährlichen Trockenheit wurde die Zeltstadt am Wildfreigehege in Hellenthal brandsicher gemacht: LED-Leuchten statt Fackeln.
Bundeslager trotzt WaldbrandgefahrIn Hellenthal gibt es Pfadfinderromantik ohne Lagerfeuer

Über das Lager verteilt sind IBC-Wassercontainer, sodass Eimerketten gebildet werden könnten, so Jakob Hahn (l.) und Konstantin Berencz.
Copyright: Stephan Everling
Es ist ruhig an diesem Montagmittag im Bundeslager der CPD-Pfadfinder, das auf einer Wiese neben dem Hellenthaler Wildfreigehege stattfindet. Noch kommen Busse, um die Gruppen zu den Startpunkten ihres „Hajk“ zu bringen, von wo aus sie zu Fuß den Weg in das Lager zurückfinden müssen. Doch die meisten der Pfadfinder haben ihre Zelte verlassen und sind bereits in der Region unterwegs.
Die Sonne brennt auf die immer weiter austrocknende Wiese, wie bereits seit Tagen. Graslandfeuerindex 4 (GLFI 4) nennt der Deutsche Wetterdienst das unprosaisch: hohe Brandgefahr. Eine Situation, die am Wochenende dazu führte, dass das Zugvögel-Festival am Weißen Stein auf Anweisung der Gemeinde Hellenthal aufgrund der Gefahrenlage bereits am Sonntag den Festivalbetrieb einstellen musste.
Große Waldbrandgefahr durch Trockenheit und hohe Temperaturen
Dort die Zugvögel, hier die Pfadfinder. Erste Fragen kamen bereits am Wochenende auf: Warum dürfen die einen weitermachen, während die anderen absagen müssen? Ein Besuch vor Ort soll Klarheit bringen. Zeitgleich wird durch einen Bodenbrand im Nationalpark Eifel, rund zwölf Kilometer entfernt vom Pfadfinderlager, deutlich, wie groß die Brandgefahr an diesem Tag tatsächlich ist.
Jakob Hahn, Bundesführer der CPD, und Konstantin Berencz, Mitglied der Lagerleitung, stehen mit dem leuchtendgelben Ordner, der das Brandschutzkonzept enthält, bereit, um Fragen zu beantworten. Die Situation, sich in einer Umgebung mit hoher Brandgefahr aufzuhalten, ist nichts Neues für die Pfadfinder. „Vor vier Jahren, beim Bundeslager in Celle, hatten wir praktisch an allen Tagen Waldbrandindex 5 (WBI5)“, sagt Hahn.
Alarmstufe Rot, denn wird das Pfadfinderlager fortgesetzt
Also eigentlich Alarmstufe Rot. Und das Lager konnte weitergeführt werden? Hahn nickt. Die Ordnungsbehörden hätten damals ein vorzeitiges Ende des Lagers nicht in Betracht gezogen. Denn die Pfadfinder haben, um sich auch im Klimawandel noch in der Natur aufhalten zu können, einen radikalen Bruch mit ihren Traditionen vollzogen.
„Die Situation wird in den nächsten Jahren nicht besser werden, deshalb haben wir uns umgestellt“, sagt Berencz: „Wir haben für uns so viele Brandquellen wie möglich ausgeschlossen, indem wir sie gar nicht auf dem Platz haben“, fügt Hahn hinzu. Rauchen und Alkohol seien komplett verboten. Auch die Zelte würden kontrolliert. Offenes Feuer ist Vergangenheit, keine Fackeln, keine Petroleumlampen, keine Lagerfeuer, stattdessen LED-Leuchten, die nachts den Weg zu den Toiletten erhellen.

Auch bei den Gaskochern wird Sicherheit groß geschrieben.
Copyright: Stephan Everling

Eine neue Heimat hat die Glocke des Schönblick in Heimbach – zumindest auf Zeit – im Pfadfinderlager gefunden.
Copyright: Stephan Everling
Auch das rustikale Kochen in den Feldküchen hat sich verändert. Denn eigentlich wird bei den Pfadfindern traditionell mit Holz gekocht. „Saubrühkessel“ heißen im Pfadfinderjargon die transportablen Holzöfen mit aufgesetztem Suppenkessel, in denen das Holz in einem geschlossenen Feuerraum brennt. Um den Boden vor Funkenflug zu schützen, wurden sie auf dicke Steinplatten gestellt. Aber im Augenblick stehen sie ungenutzt herum.
„Wir unterscheiden zwischen GLFI 3 und 4. Gekocht wird ab GLFI 4 nur noch mit Gas“, sagt Hahn. Auch hier wurde viel Aufwand betrieben, um Brände zu verhindern: Auf einen mit Steinplatten belegten Tisch wurde Erde geschichtet, dann erst die Brenner daraufgestellt. Feuerlöscher und Löschwassereimer stehen in allen Küchen des Lagers griffbereit.
Es ist nett mit den Saubrühkesseln, denn es ist immer heißes Wasser da.
Johanna Wigger hat die Oberherrschaft in einer der Küchen. „Es ist nett mit den Saubrühkesseln, denn es ist immer heißes Wasser da“, sagt sie. Im letzten Lager hätten die Kessel verwendet werden können, doch bevor etwas passiere, passten sich die Pfadfinder der Situation an, betont sie.
Nicht nur in den Küchen steht Wasser bereit, denn an insgesamt drei Stellen, die zentral erreichbar sind, sind neben Feuerlöschern auch IBC-Container aufgestellt, aus denen mit Eimern Löschwasser geschöpft werden kann. Und wenn doch etwas passiert? „Wir haben mehrere Szenarien durchgespielt“, sagt Berencz.
So sei für den schlimmsten Fall auch die Evakuierung der rund 1100 Teilnehmer des Lagers vorgesehen. „Wir haben die Telefonnummern mehrerer Busunternehmen. Und die Hauptschule und Grenzlandhalle in Hellenthal sowie das Gymnasium in Schleiden stehen als Notunterkünfte zur Verfügung“, erläutert er. Innerhalb weniger Stunden würde das im Ernstfall ablaufen.
Fast 60 Prozent der Teilnehmenden sind unter 18 Jahre alt
„Ich habe das Gefühl, dass das allen wichtig ist“, betont Hahn. Kieran aus Waiblingen, der gerade auf der Bühne des Lagers sitzt und mit Nadel und Faden arbeitet, bestätigt das. „Es ist ein Stück Tradition, das wegfällt“, bedauert er trotzdem. Doch wegen des Brandschutzes sei das wichtig. Er finde, dass die Lagerleitung das gut handle, sagt er.
Dass es sich bei dem Pfadfinderlager vor allem um ein Jugendlager handelt, ist zu merken. Schließlich seien 58,9 Prozent der Teilnehmer unter 18 Jahre, teilt Berencz mit. So sei für das Gelände bereits bei der Antragstellung ein komplettes Rauch- und Alkoholverbot ausgesprochen worden, bestätigt Carmen Ammon von der Stadt Schleiden, die für die Genehmigung des Lagers verantwortlich ist.
Die Einhaltung der Auflagen, aber auch der Zustand von Wald und Grasland werde immer wieder vor Ort kontrolliert, erläutert sie. Bei einem GLFI4, wie er an diesem Montag vorliege, sei tatsächlich jegliches offene Feuer verboten, betont sie.
„Wir versuchen, zu genehmigen“, sagt der Leiter des Regionalforstamtes Christoph Böltz. Gerade ist er aus Voißel zurückgekommen, wo er sich vor Ort über die Brandbekämpfung bei dem Waldbodenbrand im Nationalpark informiert hat. Die Auflagen und Empfehlungen für die Ordnungsbehörden, die das Regionalforstamt gebe, seien bei allen Veranstaltungen gleich, genauso bei der Genehmigung des Pfadfinderlagers. Dabei müsse auch die Lage vor Ort berücksichtigt werden. Dass die Brandgefahr bei Veranstaltungen hoch sei, sei aber häufiger der Fall. „Dann muss auch mal eine Brandwache mit einem TLF dort abgestellt werden“, sagt er.
Was vielleicht auch im Bundeslager der CPD noch geschehen wird. Denn das einzige offene Feuer, das auf dem Programm des Lagers steht, wäre das traditionelle Abschlussfeuer des Lagers. „Wir holen uns aber auf jeden Fall eine Einschätzung der Feuerwehr, ob es überhaupt möglich ist“, betont Hahn.
Brandgefahr: Das sind die Indizes für Grasland und den Wald
Einmal am Tag veröffentlicht der Deutsche Wetterdienst (DWD) den aktuellen Graslandfeuerindex und Waldbrandindex sowie die Prognose für die nächsten Tage. Diese Werte reichen von Stufe 1 (geringe Gefahr) bis Stufe 5 (sehr hohe Gefahr) und werden nicht willkürlich festgelegt, sondern aus einer Vielzahl von Daten errechnet.
Die Grundlage liefern der kanadische „Fire Weather Index“ und der internationale „Index M68“. In den Wert fließen stündliche Zeitreihen von Lufttemperatur und relativer Luftfeuchte, 24-stündiger Niederschlag, Windgeschwindigkeit, kurz- und langwellige Strahlung der Atmosphäre, Bodenbeschaffenheit, Streuauflage und Kronenbereich sowie die Laufgeschwindigkeit der Feuerfront und Bodenfeuchte, sogar während der Frühjahrsmonate auch morgendliche Schneehöhenmessungen ein. Beim GLFI werden noch spezifische Faktoren wie die Taubildung oder die Streufeuchte im Bodenbelag berücksichtigt.
Die Christliche Pfadfinderschaft (CPD) ist die Bundesorganisation der Evangelischen Pfadfinder. Ihr gehören rund 125 Stämme mit rund 4000 Mitgliedern an. Rund 95 Prozent der Stämme sind als Vertreter der Evangelischen Jugendarbeit den örtlichen Kirchengemeinden angeschlossen.

