Goldtaler, „Pfadtinder“ und Hobbyhorsing: Bundeslager der Christlichen Pfadfinderschaft Deutschlands bei Hellenthal verwandelt sich in ein mittelalterliches Rollenspiel.
PfadfinderlagerZeltstadt bei Hellenthal wird für drei Tage zum Mittelalter-Markt

Eine Zeitreise ins Mittelalter hatten die Verantwortlichen des Bundeslagers vorbereitet, die mit einem Markttag umgesetzt wurde.
Copyright: Stephan Everling
„Äpfel, frische Äpfel!“ Die junge Marktfrau preist lautstark ihre Ware an. Einen Aachener Goldtaler verlangt sie für das Obst – und bietet gleich an, den Saft mit einer historischen Presse frisch auszupressen. Dass der „Goldtaler“ in Wahrheit nur bedrucktes Papier ist, spielt keine Rolle. Denn im Bundeslager der Christlichen Pfadfinderschaft Deutschlands (CPD) ist für ein paar Tage das Datum um Jahrhunderte zurückgedreht worden.
„Zwischen allen Zeiten“ lautet das Motto des Bundeslagers. Drei Tage lang tauchen die rund 1050 Teilnehmer in das Jahr 1349 ein. Schauplatz ist das mittelalterliche Aachen, wo König Karl von Böhmen die Fürsten des Heiligen Römischen Reiches versammelt hat.
Doch die Kaiserkrone ist umkämpft: Nach dem Tod Kaiser Ludwigs IV. erhebt auch Günther von Schwarzburg Anspruch auf den Thron. Der historische Machtkampf bildet die Kulisse für das große Rollenspiel.
Lebendiges Markttreiben im Aachen des Jahres 1349
Entsprechend turbulent geht es auf dem mittelalterlichen Markt zu. Immer wieder treffen die beiden Könige mit ihren Gefolgsleuten aufeinander, was regelmäßig zu lautstarken Auseinandersetzungen führt. Einige Teilnehmer übernehmen bewusst Rollen, um das Markttreiben lebendig zu gestalten.

Eine Fahrradwaschmaschine hatte sich einer der Pfadfinder ausgedacht, auch wenn das Fahrrad im Mittelalter streng genommen noch nicht existierte.
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Ein etwas anderer Wettkampf: das Poolnudel-Duell.
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„Vieles ist vorbereitet, aber manches entwickelt sich ganz spontan“, erzählt Königinmutter Beatrix de Bourbon, die außerhalb ihrer Rolle Theresa Görlich aus Mittelfranken ist: „Da kann es passieren, dass plötzlich eine Gruppe Reiter auf Hobbyhorses durch die Menge galoppiert und gehäkelte Pferdeäpfel vor einem Essensstand verliert.“ Dann sei Improvisation gefragt.
Pfadfinderstämme treten im Wettbewerb gegeneinander an
Die einzelnen Pfadfinderstämme haben für den Markttag eigene Stände und Spiele vorbereitet. Dabei können die Besucher Goldtaler verdienen – oder ausgeben. Am Ende gewinnt, wer mit seiner Marktaktion den größten Gewinn erzielt hat.
„Bei uns spielt der Wettbewerb immer eine große Rolle“, sagt Thilo Meinecke, der die Öffentlichkeitsarbeit des Bundeslagers übernommen hat. Vielfältig sind die Angebote. Neben Wettsägen gehört auch Schachboxen zum Programm – eine ungewöhnliche Mischung aus Denksport und Action. Zunächst treten die Teilnehmer beim Blitzschach gegeneinander an, anschließend wechseln sie mit Schild und Poolnudeln in den „Boxring“, wo Treffer gesammelt werden.

Leckere Suppe wurde in den Küchen vor Ort zubereitet.
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Großer Andrang herrscht auch an den Essensständen. Burger, Hotdogs, Salate, gefüllte Fladenbrote oder Gemüsespieße werden frisch angeboten. Daneben gibt es viele Dienstleistungen: Verschmutzte Kleidung wird in einer Waschmaschine mit Fahrradantrieb gereinigt, Wanderschuhe geputzt und neu eingefettet.
Beim „Tinder für Pfadfinder“ gibt es eine Altersgrenze
Besonders beliebt ist „Pfadtinder“. „Da sind tatsächlich schon Beziehungen entstanden“, erzählt Anna aus Waiblingen schmunzelnd. Eigentlich gehe es aber darum, Menschen aus den verschiedenen Unterlagern zusammenzubringen. Gemeinsam mit Kati sammelt sie analog mit Zettel und Stift Interessen und Vorlieben der Teilnehmer. Wer gut zusammenpasst, wird anschließend miteinander bekannt gemacht. „Das ist für uns einer der Höhepunkte des Bundeslagers“, sagt Kati. Selbstverständlich gebe es dabei eine Altersgrenze, ergänzt Agnes.
Mit der Reise ins Mittelalter biegt das Bundeslager langsam, aber sicher auf die Zielgerade ein. Die ersten Tage standen im Zeichen des traditionellen „Hajks“, einer Wanderung, bei der die Gruppen an unterschiedlichen Orten ausgesetzt wurden und eigenständig den Weg zurück ins Lager finden mussten. Das nächtliche Gewitter zu Wochenbeginn sorgte allerdings dafür, dass einige Gruppen ihre Tour vorzeitig abbrachen und lieber in ihre Zelte zurückkehrten.
Mit einem Geländespiel und einem Turnier mit verschiedenen Wettspielen wird die Zeitreise ins Mittelalter dann ihr Ende finden. Dann werden sich alle Teilnehmer zusammenfinden, um über den zukünftigen Kaiser zu beraten. Doch, wie das bei Zeitreisen so ist, die historische Wirklichkeit soll nicht verändert werden. „Eine Kaiserkrönung haben wir nicht geplant“, sagt Meinecke abschließend mit einem Augenzwinkern. Und damit stehen dann wirklich die letzten Tage des Lagers an – auch ohne Kaiser, aber mit viel Spaß.
Heimbacher Glocke wird in Hellenthal aufbewahrt
Ein besonderer Gast war in dem Unterlager zu finden, in dem die „Habsburger“ residierten. Hier hatte der Hellenthaler Pfadfinderstamm auf einem Dreibein die Glocke installiert, die bis zu ihrer Entwidmung in der Heimbacher Kirche am Schönblick läutete. „Damit rufen wir unser Lager zum Programm zusammen“, sagte Thorge Joswig aus Hellenthal.
Seit der Entwidmung der Kirche werde die Glocke in Hellenthal aufbewahrt und gepflegt. Hervorgeholt werde sie allerdings nur zu besonderen Gelegenheiten. „Normalerweise ist sie uns einfach zu schwer“, so Joswig schmunzelnd. Denn die Glocke wiege mehrere hundert Kilo.
