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SchutzraumLVR betreibt im Kreis Euskirchen drei Traumapädagogische Intensivgruppen

9 min
Die beiden jungen Frauen sitzen eng aneinander gekuschelt auf einem Sofa und lächeln.

Ziemlich beste Freundinnen und Expertinnen für ihr eigenes Leben: Celine (l.) und Marie, die in einer Traumapädagogischen Intensivgruppe der LVR-Jugendhilfe Rheinland Euskirchen leben.

Celine und Marie geben Einblicke in ihr Leben in einer Traumapädagogischen Intensivgruppe. Sie wird von der LVR-Jugendhilfe Rheinland angeboten.

Es ist ein grauer, viel zu warmer Wintermorgen. Draußen glitzern und blinken die Hausfassaden weihnachtlich. Und auch in den Büroräumen des Standortes Euskirchen der LVR-Jugendhilfe Rheinland sind die Festtage deutlich erkennbar. Im Büro von Standortleiterin Sarah Eichhorst warten bereits Celine und Marie. Die beiden haben sich bereiterklärt, Einblicke in ihr Leben in einer traumapädagogischen Intensivgruppe zu geben. Die Freundinnen sitzen auf dem Sofa, ein wenig aufgeregt, schließlich kommt man nicht alle Tage in die Zeitung.

Marie ist 18, Celine 19 Jahre alt, „auf dem Papier sind wir also erwachsen“, sagt Celine und lacht. Die beiden leben mit fünf anderen Kindern und Jugendlichen in einem Haus in der Eifel. Sieben Sozialpädagoginnen und -pädagogen, Diplom-Pädagoginnen und -Pädagogen, Erzieherinnen und Erzieher sowie eine Haushaltskraft sorgen dafür, dass die Kids einen sicheren Ort haben, ein Ersatz-Zuhause, in dem man sich an- und ernstgenommen fühlt. Mit diesem Rückhalt soll den jungen Menschen ermöglicht werden, ihre bisherigen Lebensgeschichten zu bearbeiten und ihr Denken, Fühlen und Handeln dazu in Bezug zu setzen.

Die daraus resultierenden Perspektivwechsel stoßen Veränderungsprozesse an, die den jungen Menschen mit ihren oft schweren Biografien ein selbstwirksames, eigenverantwortliches Leben ermöglichen sollen. Der etwas sperrige Begriff „Traumapädagogische Intensivgruppe“ ist letztlich ein gelebter Schutzraum, in dem eine wertschätzende, verstehende Haltung oberstes Gebot ist.

Mithilfe von Profis wird über den eigenen Tellerrand geschaut

„Wir sprechen von dem ,guten Grund', also einer inneren Grundhaltung in Bezug auf Verhaltens- und Erlebensweisen der Kinder, die sie durch die traumatischen Erlebnisse entwickelt haben“, erklärt Sarah Eichhorst. Ob sie ein Beispiel parat habe?

„Ja, etwa wenn ein Kind sein Zimmer zerlegt, alles kaputt macht. Wenn man aber annimmt, dass es einen guten Grund für den Ausraster gibt, zum Beispiel die Identifikation mit dem einstigen Aggressor oder der Versuch, über die Konfrontation den eigenen Kontrollverlust zu beenden, dann erkennt man darin einen Überlebensmechanismus. Und der hat früher geholfen, mit den belasteten Ereignissen umzugehen.“ Es geht also um Würdigung und Wertschätzung des ursprünglichen Sinns, auch auf Seite des Kindes.

Sarah Eichhorst sitzt am Schreibtisch und hält eine Zeitschrift in den Händen.

Alles, was ein Mensch zeigt, hat einen Sinn in seiner Geschichte: Standortleiterin Sarah Eichhorst hat die Standards für traumapädagogische Konzepte in der stationären Jugendhilfe mitentwickelt.

„Wir haben gelernt, genauer hinzuschauen“, erzählt Celine. „Wenn wir in einer Gruppenrunde zusammensitzen und jeder sagt, wie es ihm geht, dann versuchen wir zu begründen, warum es uns gut oder schlecht geht.“ In den traumapädagogischen Intensivgruppen werden die jungen Menschen als Expertinnen und Experten für ihr eigenes Leben anerkannt, was ebenfalls eine grundlegende Haltung beschreibt. „Wir sind die Experten, die Betreuerinnen und Betreuer sind die Profis, die das nötige Fachwissen mitreinbringen“, erklärt Celine.

Und das sei eine wichtige Stütze, ohne die man nicht lernen könne, sich selbst zu verstehen: „Also wieso zum Beispiel reagiert jemand auf laute Stimmen mit Dissoziation (Anm. der Red.: Abspaltung; Schutzmechanismus der Psyche)? Vermutlich, weil es ein Trigger ist, weil es denjenigen an etwas erinnert. Ohne das Fachwissen der Profis wäre es schwer, über den eigenen Tellerrand zu schauen.“ Die Profis, erklärt Sarah Eichhorst, seien auch Ideengeber, wenn es um mögliche Methoden gehe, mit belastenden Situationen umzugehen. „Aber ob das dann wirklich helfen kann, können nur die Experten selber einschätzen.“ Übergestülpt werde nichts, „aber wir kommunizieren sehr viel miteinander“, so Celine.

Wir haben gelernt, genauer hinzuschauen.
Celine

Dort, wo früher das Schlagwort der „professionellen Distanz“ galt, ist man sich heute einig, dass vielmehr eine „professionelle Nähe“ zwischen Betreuern und Bewohnern sinnvoll ist. „Wir arbeiten beziehungsorientiert“, so Sarah Eichhorst und spricht von einem langen Prozess, den das Team durchlebt habe. Irgendwann sei aufgefallen, dass das Siezen der Betreuerpersonen nicht zu der Art passte, wie man in den Gruppen zusammenlebt. „Wir haben auch die Kinder gefragt. Sie erzählten, dass es manchmal unangenehm für sie sei, etwa beim Einkaufen im Supermarkt: Durch das Siezen sei für Umstehende sofort klar, dass wir keine Familie sind.“

Alle Fachkräfte in den drei spezialisierten Gruppen – auch die Haushaltshilfen – haben die zweieinhalb Jahre dauernde traumapädagogische Fortbildung absolviert. Maximal sieben Kinder leben in einer Gruppe zusammen, die meisten von ihnen bleiben für viele Jahre dort. „Auch bei unseren pädagogischen Fachkräften haben wir wenig Fluktuation“, sagt die Standortleiterin und führt dies auf eine hohe Arbeitszufriedenheit zurück.

Das Bild zeigt das Plakat, dass unter der Überschrift Heimkind wie in einem Comic ein kurzes Gespräch von zwei gezeichneten Frauen zeigt.

Jugend vertritt Jugend (JvJ NRW) ist die Selbstvertretung junger Menschen, die in stationären Einrichtungen der Erziehungshilfe leben. Mit der Plakataktion machen sie sich gegen gesellschaftliche Vorurteile stark.

Doch was bedeutet der beziehungsorientierte Grundsatz für die Kinder und Jugendlichen? „Ich brauche im Kontakt mit den Profis Augenhöhe und Ernsthaftigkeit, um mein inneres Erleben mitteilen zu können. Und ich vertraue Menschen eher, wenn ich auch etwas zurückbekomme, also wenn die Person mich auch an ihren Gedanken und Gefühlen teilhaben lässt“, erklärt die 19-Jährige Celine, die mit vier Jahren in die LVR-Jugendhilfe gekommen ist.

Auch Marie sieht den offenen Austausch in der Gruppe als etwas, das ihr im Leben weiterhilft: „Wir sprechen alle viel über die Dinge, die uns bewegen. Das führt zu einem tiefen gegenseitigen Verständnis.“ Tatsache ist: Alle Kinder und Jugendlichen wissen, wie sich Traumata auf das Denken, Fühlen und Verhalten auswirken, wie es sich anfühlt, in eine Krise zu rutschen, überwältigt zu werden von schmerzhaften Erinnerungen.

Im Alter von anderthalb Jahren die Herkunftsfamilie verlassen

„Verstandenwerden, Selbstverstehen und gemeinsames Verstehen minimieren Gefühle von Scham und Schuld“, heißt es im Vorwort der Standards für traumapädagogische Konzepte in der stationären Jugendhilfe, an deren Entwicklung Sarah Eichhorst mitgewirkt hat. Sie ist Mitglied im Fachverband Traumapädagogik, dem aktuell weit über 400 Institutionen und Einzelmitglieder aus vielen Bereichen der Psycho-Sozialen Arbeit angehören. Die Standards gelten als anerkannter Rahmen für traumapädagogisches Arbeiten mit Kindern und Jugendlichen. Und dieser schreibt Partizipation ganz groß: Ein Expertinnenrat – also ein Gremium junger Menschen aus herausfordernden Lebensumständen – bereichert die Arbeit des Fachverbandes und hilft, die Traumapädagogik weiterzuentwickeln.

Auch Marie und Celine engagieren sich in dem Expertinnenrat. Jüngst sei es auf einer Fortbildung um die Frage gegangen, was einen guten Pädagogen ausmache, erzählt Marie. Dazu hatten die jungen Menschen einiges beizutragen. „Es ist relativ neu, dass man in der Fachwelt von Expertenschaft spricht. Viele Pädagogen denken ja, sie sind doch eigentlich die Experten“, so die 18-Jährige, die mit anderthalb Jahren ihre Herkunftsfamilie verlassen hat, zehn Wohngruppen kennenlernte und schließlich mit neun Jahren in der Traumapädagogischen Intensivgruppe ankam.

Mütter und Väter sind die zentralen Bindungspersonen der Kinder

Die Erfahrung der Kinder und Jugendlichen könne für die Fachkräfte in der Gestaltung ihrer Arbeit sehr hilfreich sein. „Zum Beispiel für den Prozess des Ankommens in der Gruppe“, sagt Celine und erinnert sich: „Mir hat in der Anfangszeit geholfen, dass ich mich einfach zu den Betreuern ins Büro setzen konnte. Zu spüren, ich darf hier sein, ich störe nicht, ich darf schweigen und muss gerade nicht über meine schweren Themen reden, war genau das, was ich brauchte. Und ganz nebenbei hat man dann doch gute Gespräche geführt.“

Ein wichtiges Segment in den Traumapädagogischen Intensivgruppen ist auch die Elternarbeit: Mütter und Väter sind die zentralen Bindungspersonen der Kinder und bleiben es auch. „Die Arbeit mit dem Herkunftssystem ist die erste Voraussetzung, um Besuchskontakte zu erwägen“, erklärt Eichhorst. Der Lebenswelt der Eltern müsse man wertfrei begegnen, „gleichzeitig ist es wichtig, sie in die Verantwortung zu bringen, ihnen zu verdeutlichen, was ihr Verhalten für das Kind bedeutet“. Der Kinderschutz stehe für sie und die Kollegenschaft an erster Stelle. „Elterngespräche finden nie in den Gruppenhäusern statt, sondern in der Verwaltung. Und an erster Stelle steht, was die Kinder wollen – niemand wird gegen seinen Willen zum Umgang gezwungen.“

Und wie sieht es bei Marie und Celine aus? Haben sie Kontakt zu den Eltern? Beide schütteln den Kopf. Marie sagt, ihr hätten die Treffen mit der Mutter nicht gutgetan. Celine erzählt, dass sie lange Zeit Kontakt zu ihrer Mutter hatte, „aber mir ist es danach nie gutgegangen, ich habe mich jedes Mal richtig krank gefühlt“. Irgendwann habe sie den Profis gesagt, dass sie keinen Besuchskontakte mehr wolle, was akzeptiert wurde. Für sie habe sich dieser Entschluss befreiend angefühlt. Eichhorst: „Wir versuchen die Kinder ja dazu befähigen, sich klar zu äußern, was sie wollen und was nicht. Würde man darüber hinweggehen, würde man ihre Expertenschaft in Fragestellen und das Vertrauen verspielen.“

Mittlerweile sitzen Marie und Celine eng aneinander gekuschelt auf dem Sofa. Sie wollen gleich noch durch die Stadt bummeln. Eine letzte Frage bleibt noch: Gibt es etwas, das sie der Leserschaft dieser Zeitung mitgeben wollen? Die Mädchen müssen nicht lange überlegen: „Wir leben in einer Wohngruppe, nicht in einem Kinderheim. Viele denken, dass wir nachts in großen Schlafsälen liegen und ansonsten nur heulen und depressiv sind“, sagt Marie. Und Celine fügt an: „Wir wollen kein Mitleid haben, wir wollen einfach nur wie ganz normale Menschen behandelt werden. Das sind wir nämlich, auch wenn wir unsere Geschichten und Probleme haben.“


Kinder und Jugendliche sollen neue Erfahrungen machen

Die LVR-Jugendhilfe Rheinland ist Anlaufstelle für Kinder und Jugendliche, die Krisensituationen, Vernachlässigung, Gewalt und/oder Missbrauch erfahren haben und vorübergehend oder langfristig nicht in ihren Herkunftsfamilien leben können. Zur LVR-Jugendhilfe Euskirchen gehören fünf Intensivgruppen, drei davon sind traumapädagogische Intensivgruppen, und eine ist eine heilpädagogische Intensivgruppe.

„Wir haben 82 vollstationäre Plätze, davon 21 in traumapädagogischen Gruppen und 24 in Erziehungsstellen“, so die Leiterin des Standortes Euskirchen, Sarah Eichhorst. „Die Kinder und Jugendlichen sollen eine sichere und verlässliche Lebenswelt erfahren, in der sie sich weiterentwickeln und neue, positive Beziehungs- und Bindungserfahrungen machen können.“ Letztlich gehe es einfach um das Gefühl: „Du bist gut so, wie du bist!“

Die Pädagogischen Fachkräfte bieten den Kindern stabile und transparente Beziehungen. Die Organisation und Strukturierung des Alltags schaffen zudem einen sicheren, haltgebenden Rahmen. Den Kindern und Jugendlichen soll die Möglichkeit eröffnet werden, neue Erfahrungen zu machen, die Veränderungsprozesse einleiten. Mitbestimmung spielt dabei eine zentrale Rolle.

„Der gute Grund“ steht für die zentrale Haltung, mit der die Fachkräfte den Verhaltens- und Denkweisen der jungen Menschen begegnen, die für Außenstehende manchmal schwer nachvollziehbar sind: Alles, was ein Mensch zeigt, hat einen Sinn in seiner Geschichte. Die Strategien, die Kinder aufgrund traumatischer Erlebnisse entwickeln und die durchaus sinnvoll und notwendig waren, werden oftmals beibehalten, auch wenn sich die Lebenssituation grundlegend geändert hat. Die Annahme des guten Grundes bedingt das Bemühen, diese Zusammenhänge zu erkennen, zu verstehen und wertzuschätzen – auf Seite der Betroffenen wie auf Seite der pädagogischen Fachkräfte. Weitere Informationen gibt es unter www.fvtp.org.