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BeratungWie Senioren im Kreis Euskirchen sicher in der digitalen Welt unterwegs sind

9 min
Eine Frau mit grauen Haaren hält ein Smartphone in der Hand und tippt auf dem Bildschirm.

Ein Smartphone gehört für viele Senioren ganz selbstverständlich zum Alltag.

Melanie Houf und Claudia Aulmann haben es sich zur Aufgabe gemacht, Senioren im Kreis Euskirchen Digital-Kompetenzen zu vermitteln.

„Die Rolle rückwärts bei der Digitalisierung wird es nicht geben.“ „Whatsapp-Gruppen fühlen sich nach Nähe an.“ „Ich möchte mich nicht ständig auf den neuesten Stand bringen.“ „Opa hat 8000 Euro bei einem Online-Broker verspielt.“ Ganz unterschiedliche Äußerungen fallen am Tisch bei Irene (71) und Richard (69, ihr Nachname soll nicht veröffentlicht werden). Bei dem Senioren-Ehepaar sitzen auch Claudia Aulmann vom Seniorenbüro der Stadt Euskirchen und ihre Kollegin Melanie Houf, zuständig für die Cyberprävention. Es geht um einen Eindruck: Wie stehen Senioren zum Thema Digitales? Wofür nutzen sie das Internet? Wie schützen sie sich vor Betrug?

Laut einer Umfrage des Digitalverbandes Bitkom sind drei Viertel der Senioren in Deutschland online. Vor fünf Jahren war es knapp die Hälfte. Ihrer Digitalkompetenz geben sie die Note drei. Viele wünschen sich mehr Unterstützungsangebote.

Senioren schätzen die Vorteile von Whatsapp-Gruppen und Navis

Auch Irene und Richard nutzen das Internet. Irene schwärmt von der Dorf-Whatsapp-Gruppe. Schnell könne man hier mit vielen gleichzeitig kommunizieren, altersunabhängig – von „Handschuh gefunden. Wem gehört er?“ über „Verschenke Bällebad“ bis hin zu „Passt auf! Hier wurde gerade eingebrochen. Wer hat was gesehen?“. Während der Einbruchserie kürzlich in ihrem Wohnort sei das sehr nützlich gewesen. Es könne aber auch schon mal nervig werden, ergänzt ihr Mann. Etwa wenn die Karnevalsgruppe Tausende Bilder miteinander teile oder sich x-fach zum Geburtstag gratuliert werde. Stelle man eine Frage in eine Gruppe – egal, ob Familie, alte Klassenkameraden oder eben Dorfbewohner –, erwarte man eine Antwort. Passiere nichts, entstehe schon mal Frust.

Kommen durch solche Gruppen persönliche Gespräche zu kurz? Für Irene nicht. Sie unterscheidet zwischen Bekannten, Freunden und Familie. Mit ihrer Schwägerin telefoniere sie regelmäßig. Und wenn die Nachrichten ständig hin- und hergehen, reicht es ihr irgendwann: Sie greift zum Hörer und klärt die Angelegenheit im Gespräch. Den Drang, ständig auf ihr Smartphone zu schauen, habe sie nicht.

Zwei Frauen sitzen an einem Tisch, vor ihnen liegen ein Tablet und ein Smartphone.

Für die digitale Kompetenz von Senioren engagieren sich Melanie Houf (l.) und Claudia Aulmann.

Tauchen während Gesprächen Fragen auf, nutzt Richard gern Suchmaschinen, um Wissenslücken zu füllen. Das sei praktisch, man könne mehr erfahren. Und warum solle man jetzt noch Landkarten auspacken, wo das Internet einen navigieren könne? Die Runde am Tisch wundert sich: Wie hat man es einst geschafft, nur mit Landkarte, Gestik und Mimik zielsicher im spanischen Ferienort anzukommen?

Claudia Aulmann erzählt von einem berufstätigen Sohn, der seiner entfernt wohnenden und pflegebedürftigen Mutter aus Not, weil er keine Pflegekraft gefunden habe, in jedes Zimmer einen digitalen Sprachassistenten gestellt habe. Auch im Wohnzimmer von Irene und Richard steht ein solches Gerät. Ein wenig erschrocken reagiert Irene: Sie habe bisher geglaubt, das Gerät sei nur nach Zuruf an. Jedoch, so Richard: „Einmal hatten wir uns gewundert. Wir haben uns über eine Sache unterhalten und kurz darauf Werbung dazu erhalten.“

Bei Sprachassistenten ist zuweilen Vorsicht geboten

Tatsächlich heißt es beim Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI): „Sprachassistenten mit Aktivierung per Zuruf (Alexa, Hey Google, Hey Siri) müssen technisch dauerhaft auf ein Aktivierungswort lauschen, um reagieren zu können. Es wird kontinuierlich geprüft, ob das Aktivierungswort erkannt wird. Viele Hersteller geben an, dass Gespräche vor dem Aktivierungswort nicht inhaltlich verarbeitet oder an die Cloud übertragen werden, sondern lediglich kurzfristig im flüchtigen Gerätespeicher (RAM) vorgehalten und sofort wieder verworfen werden. Das BSI kann keine Aussage darüber treffen, ob dies tatsächlich auf alle am Markt verfügbaren Geräte zutrifft. Zudem bleibt das Risiko bestehen, dass durch Dritte zum Beispiel mithilfe von Schadsoftware manipulierte Geräte mehr, als vom Hersteller vorgesehen, mithören und aufzeichnen.“

„Mithören“ kann das Smartphone etwa durch Apps, wenn die entsprechenden Berechtigungen erteilt wurden. Jedoch können Tracking und gespeicherte Suchanfragen dazu genutzt werden, Profile zu erstellen und passende Werbeanzeigen auszuspielen.

Expertin sieht Künstliche Intelligenz als Unterstützung

Die Frage drängt sich auf: Unterwirft sich der Mensch den digitalen Hilfsmitteln, die ihm Denken und Handeln abnehmen? Der Mensch heute sei schon etwas faul. Mehr als zwei Klicks seien für viele zu anstrengend, egal aus welcher Generation, so Melanie Houfs Meinung. Alles müsse in Kurzform und schnell passieren. Dennoch: Insbesondere die Künstliche Intelligenz (KI) dürfe nur unterstützen. Der Mensch müsse sie kontrollieren. Houf sieht einen Rückgang im flächendeckenden Allgemeinwissen. Dafür werden sich die Menschen individuell mehr spezialisieren.

Zurück zum Verbindungsmedium Internet. Claudia Aulmann berichtet von ihrer 83-jährigen Bekannten aus dem Kreis Euskirchen. Ihr Mann hatte sich um alles Digitale gekümmert. Nach dessen Tod wollte sie zunächst nichts mehr mit diesen Geräten und dem Thema zu tun haben. „Heute bin ich froh, dass ihr mich zum Handy-Kauf getrieben und mir das Internet erklärt habt“, zitiert Aulmann die Bekannte. So habe die kinderlose Frau mal mit Oberschenkelhalsbruch und auf sich allein gestellt im Krankenhaus gelegen. Dennoch war sie über das Internet, über digitale Gruppen mit der Außenwelt verbunden.

Organisationen warnen immer wieder vor neuen Betrugsmaschen

Im Gespräch wird klar: Solange das richtige Feld angeklickt und lediglich harmlose Nachrichten mit der Familie, mit Freunden und Bekannten hin und her geschickt werden, freuen sich die Senioren über die digitale Teilhabe. Bei Stolperfallen sieht das Bild wesentlich düsterer aus. Und davon gibt es reichlich.

Immer wieder wird vor neuen Methoden gewarnt, mit denen Betrüger an die Daten und letztendlich an das Geld gutgläubiger Menschen – häufig Senioren – gelangen wollen. So warnt das BSI vor sogenanntem „Ghost Pairing“, einer neuen Phishing-Methode. Alles klar? Phishing ist eine Wortkombination aus den englischen Worten password und fishing, also dem Angeln nach Passwörtern. Mit gefälschten E-Mails, Webseiten oder Nachrichten versucht der Angreifer sein Opfer zu täuschen, dadurch in den Besitz von Informationen wie Zugangsdaten zu kommen und diese etwa für Einkäufe im Namen des Opfers zu missbrauchen.

Wenn die Senioren Irene und Richard solche gefälschten Nachrichten erhalten, löschen sie sie nach Möglichkeit ungelesen. Beim „Ghost Pairing“ nutzen die Angreifer Whatsapp zur Geräteverknüpfung, um ein fremdes Gerät mit dem eigenen Whatsapp-Konto quasi wie ein unsichtbarer Geist zu verbinden und so Zugriff auf Nachrichten, Medien und Kontakte zu erhalten. Oft bleibt der Angriff lange unentdeckt, da eine legitime Funktion der App ausgenutzt wird und Whatsapp normal weiterläuft.

Manchmal ist die Lösung eines Problems ganz einfach

Melanie Houf berichtet von einem Senior, der 8000 Euro bei einem Online-Betrüger verspielte: Er erhielt eine digitale Nachricht, sicher in den Aktienmarkt zu investieren. Das tat er, um seine Rente aufzubessern. Wer kann es ihm verdenken, kommen doch aus der Politik Signale, sein Geld am Kapitalmarkt anzulegen und sich nicht nur auf die Rentenversicherung zu verlassen.

Selbst wenn keine Gefahr von außen lauert, gibt es Senioren, die am eigenen Gerät scheitern. Und zwar, wenn es nicht das tut, was sie von ihm wollen. Wenn sie auf keine Hilfe in ihrem Umfeld zurückgreifen können, einsam sind, ist ihr digitales Leben erst einmal tot, die sozialen Medien genauso wie das Online-Banking. Und falls der Zugang zur Verwaltung in Zukunft nur noch digital sein sollte, auch der. Melanie Houf berichtet von einem Senioren mit dunklem Handy-Bildschirm, der sie um Hilfe bat. Für Houf war es ein Klick, den Bildschirm wieder auf normale Helligkeit einzustellen. Der ältere Herr aber war zuvor für sieben Wochen von der digitalen Außenwelt abgeschnitten.

Ein weiterer Punkt, über den sich nicht jeder Gedanken macht: Was passiert mit all den Daten in Wort und Bild, die ich in die unsichtbare Welt verschicke? Kennt sich jeder mit den Sicherheitseinstellungen in sozialen Medien zum Schutz von Privatsphäre und Daten aus (etwa sichere Passwörter, Zwei-Faktor-Authentifizierung, Sichtbarkeit auf Freunde einschränken, App-Berechtigungen überprüfen) und nutzt sie? „Ein Großvater war heilfroh, dass seine Tochter ihm Fotos des kleinen Enkels über die sozialen Medien gesendet hatte“, erzählt Claudia Aulmann: „Dann aber gab es Krach, weil er sich nicht an die Vereinbarung hielt, diese Fotos Dritten nur zu zeigen, sie jedoch nicht weiterzuleiten.“

Erinnert sei an die Aufklärungskampagne #ShareWithCare inklusive Video „Nachricht von Ella“ der Telekom aus 2023. Mittels KI-Technologie wurde hier von der neunjährigen Ella ein Deepfake erstellt, eine realistisch wirkende erwachsene Ella, die sich im Video an ihre überraschten Eltern wendet. Die KI hat dazu auf ins Netz gestellte und geteilte Fotos und Videos von Ella zurückgegriffen. „Alle Menschen, die Kinderbilder oder -videos im Internet unbedacht teilen, riskieren, Kinder unbeabsichtigt dem Profiling durch Datenhändler, Hacking, Gesichtserkennung, Pädophilie und anderen Bedrohungen der Privatsphäre und Sicherheit auszusetzen“, schreibt das Telekommunikationsunternehmen dazu.


Tipps und Hilfen

Alles Digitale als zu gefährlich abzulehnen, hält Claudia Aulmann nicht für ratsam. Auch als Senior solle man sich dem Ganzen öffnen, aber nicht alles glauben und vorsichtig sein, im Zweifel Nachbarn oder Kinder fragen. „Die Rolle rückwärts wird es bei der Digitalisierung nicht geben“, ergänzt ihre Kollegin Melanie Houf. Und es gibt auch diese Sicht: „Ich möchte mich nicht ständig auf den neuesten digitalen Stand bringen, habe keine Lust, mich davon treiben zu lassen. Es gibt auch noch andere Dinge im Leben“, sagt Irene. Und Richard ergänzt: „Wir machen heute eine Radtour durch die Dörfer.“

Gut zu wissen: In Euskirchen finden regelmäßig Vorträge zu Themen wie Digitale Sicherheit, Recht am eigenen Bild oder Digitaler Nachlass statt – etwa von der Verbraucherzentrale, der Polizei oder der Stadt Euskirchen. Viele davon werden in der Stadtbibliothek, Wilhelmstraße 32-34, angeboten und sind kostenlos. Dort wird regelmäßig der „Digitale Donnerstag“ angeboten.

Am ersten Donnerstag im Monat ist von 16 bis 18 Uhr offene Sprechstunde zu allen Themen und Fragen rund um PC, Laptop, Tablet oder Smartphone – die nächste findet am 3. September statt. Zudem gibt’s Vorträge zu verschiedenen Themen, etwa „Alternative Betriebssysteme für den PC“ am 24. September ab 16.30 Uhr oder „Fake News und Clickbait“ am 29. Oktober ab 16.30 Uhr. Das Programm ist online abrufbar unter https://www.kulturhof.de/bibliothek Anmeldungen sind jeweils erwünscht unter Tel. 02251/65074-50 oder per Mail an bibliothek@euskirchen.de.

Ein Mann tippt auf seinem Smartphone, um eine App zu starten.

Smartphones gehören zum Alltag.

Das bundesweite Projekt Digitaler Engel (www.digitaler-engel.org) richtet sich speziell an ältere Menschen, die ihre Digitalkompetenz stärken möchten. Neben Online-Angeboten gibt es zum Teil auch Vor-Ort-Veranstaltungen.

Auf der Seite des BSI (Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik, www.bsi.de) finden sich viele Tipps zum digitalen Verbraucherschutz. Zu digitalen Sprachassistenten und für internetfähige Geräte wird etwa geraten, ein separates WLAN einzurichten, das Gerät nicht neben Fenster oder Außentür zu platzieren, Sprachprofile für verschiedene Personen zu erstellen, einzelne Funktionen mit PIN oder Passwort zu sichern, Datenschutzeinstellungen anzupassen, gespeicherte Daten regelmäßig zu prüfen, nur vertrauenswürdige Erweiterungen zu installieren – und das Gerät bei Bedarf auch mal auszustellen. Beim Smartphone sollten etwa die App-Berechtigungen geprüft werden, dass nur notwendige Zugriffe auf das Mikrofon erlaubt sind. Vor Ghost-Pairing kann man sich etwa durch das kritische Prüfen eingehender Nachrichten schützen. Es sollten keine QR-Codes aus unbekannten Quellen zur Gerätekopplung verwendet werden. Wer die Zwei-Faktor-Authentifizierung aktiviert, sorgt für weiteren Schutz vor Fremdzugriffen.

Melanie Houfs Tipps gegen Internetbetrug beziehen sich auf ein gesundes Misstrauen: Keine Links oder Anhänge öffnen, wenn der Absender unbekannt ist. Webadresse prüfen. Sichere Passwörter verwenden. Betrugswarnungen von Verbraucherzentralen oder Polizei ansehen. Sofort Bank oder Kreditkartenunternehmen informieren, falls man Daten oder Geld herausgegeben hat, Passwörter ändern und Anzeige bei der Polizei erstatten.