Abo

Viererkette der RedaktionEin Geicher erlebt WM-Stimmung in den USA

7 min
Aus einem Auto im Autokorso nach dem WM-Auftaktsieg wird mit zwei Deutschland-Fähnchen gewunken.

Der deutsche 7:1-Erfolg sorgte wieder für WM-Stimmung bei den Fans in Euskirchen.

In der WM-Viererkette der Redaktion Euskirchen stehen neben dem Stammpersonal diesmal Marcello Volk aus Geich und Marcel Timm aus Scheven.

Nach dem Spiel ist vor dem Spiel: Nach dem 7:1-Erfolg der deutschen Nationalmannschaft gegen Curaçao und vor dem Match gegen die Elfenbeinküste (offiziell Côte d’Ivoire) trifft sich die Viererkette der Redaktion, bestehend aus den Redakteuren Thomas Schmitz und Tom Steinicke und zwei Gast-Verteidigern, zum Austausch. Diesmal mit dabei: Marcello Volk, Betreuer beim Bonner SC, Geicher und bald in den USA lebend, und Marcel Timm, Trainer des SV Frauenberg.

In der Raumfahrtmetropole Houston werden Mondpreise aufgerufen

Marcello Volk: Die WM-Stimmung ist spürbar – fast überall, aber vor allem in Houston. Das Einzige, das die Stimmung ein bisschen trübt, sind die Mondpreise, die in der Raumfahrtmetropole aufgerufen werden. Ein Stück Pizza kostet 15 Dollar, eine Dose Bier 12. Das ist schon der Wahnsinn. Aber die Einheimischen und Fans aus aller Welt leben gerade einfach die WM. Alle sind freundlich, alle sind offen. Das hat schon ein bisschen was von einem US-amerikanischen Sommermärchen.

Ich besuche meine Frau und bleibe bis August in den USA. Wir warten noch immer auf meine Greencard und nutzen die Zeit, um ihre Familie in Los Angeles zu besuchen. Mittlerweile sind wir auf dem Weg von Houston nach Las Vegas, den Sieg von Deutschland habe ich im Grand-Canyon-Gebiet verfolgt. Die Stimmung war großartig. Generell merkt man, dass die Amerikaner zwar noch nicht dieselbe Begeisterung für Fußball entwickelt haben wie die Menschen in Europa, dass das Interesse aber definitiv wächst.

Marcello Volk steht neben zwei Deutschland-Fans im Trikot.

WM-Fieber in den USA erlebt Marcello Volk (r.).

Beim Fan-Festival zum USA-Spiel war die Begeisterung deutlich spürbar. Die Veranstaltung war komplett ausverkauft – ich glaube, es waren rund 8000 Zuschauer vor Ort. Besonders beeindruckend waren die „USA“-Sprechchöre und der typisch amerikanische Patriotismus. Wenn die Nationalhymne erklingt und das gesamte Stadion mitsingt, entsteht eine ganz besondere Atmosphäre. Für jeden Sportfan, der den amerikanischen Sport verfolgt und schätzt, ist das immer wieder ein Highlight.

Wenn die Nationalhymne erklingt und das gesamte Stadion mitsingt, entsteht eine ganz besondere Atmosphäre.
Marcello Volk

Was die sportlichen Aussichten für die deutsche Nationalmannschaft betrifft, ist eine Prognose schwierig. Das Spiel gegen Curaçao sollte man weder überbewerten noch unterschätzen. Defensiv hatten wir durchaus Probleme, insbesondere bei den Kontern des Gegners. Natürlich muss man die Ergebnisse immer einordnen, aber gleichzeitig sollte man die eigene Leistung auch nicht kleinreden. Wenn man sieht, wie andere Nationen spielen, wird deutlich: Sieben Tore in einem Spiel zu erzielen, ist, unabhängig vom Gegner, eine starke Leistung.

Ich bin überzeugt, dass Deutschland bei Turnieren immer eine Rolle spielen kann. Wir sind eine Turniermannschaft. Ein Halbfinaleinzug ist absolut möglich. Und wenn man erst einmal dort steht, ist alles offen. Dann entscheiden oft Kleinigkeiten.

Viele Partien fühlen sich an wie die Qualifikation, nicht wie die Endrunde

Thomas Schmitz: Irgendwie bin ich von dieser WM noch nicht ganz überzeugt. Viele Spiele werden bei uns in der Nacht übertragen, da schaue ich dann morgens nur die Zusammenfassung. Und den Spielen, die hier am Abend laufen, merkt man oft an, dass sie in den Gastgeberländern in der Mittagshitze stattfinden. Und es fehlt mir auch an Qualität. Einige Favoriten denken offenbar, dass sie mit links gewinnen, und treten genau so auf. Einige ausstehende Spiele wie Jordanien gegen Algerien, Kap Verde gegen Saudi-Arabien oder Kongo gegen Usbekistan klingen nach Qualifikation und nicht nach WM-Endrunde, auch wenn das überheblich ist. Deshalb: Ich bin für eine Rückkehr zu 32 Mannschaften. Allein dieser erste Spieltag zieht sich ewig.

Thomas Schmitz blättert im Kicker-Sonderheft.

Ist noch immer nicht von der WM begeistert: Lokalsportkoordinator Thomas Schmitz.

Komplett idiotisch finde ich die Entlassung des Trainers von Tunesien. Ja, das Team hat 1:5 gegen Schweden verloren. Aber eingebrochen ist man ja erst nach dem 1:3 – und für das 1:2 und das 1:3 kann der Trainer nichts, denn beim einen Tor patzt der Torwart, beim anderen meint ein Verteidiger, vor dem eigenen Strafraum dribbeln zu müssen.

Komplett idiotisch finde ich die Entlassung des Trainers von Tunesien.
Thomas Schmitz

Das deutsche Spiel fand ich bis auf die Schwächephase vor dem Ausgleich erfrischend. Wenn Deutschland konsequent gespielt hätte, wäre man auch gar nicht in Bedrängnis gekommen, denn dann hätte es nach 15 Minuten schon 3:0 gestanden. Die Schwächephase zeigt aber auch, dass wir – besonders in der Defensive – immer hellwach sein müssen und nie nachlassen dürfen.

Auffälligster Spieler war für mich Felix Nmecha, auch wenn ich ihn abseits des Platzes – genau wie Antonio Rüdiger – diskutabel finde. Was mir gerade ein bisschen zu platt ist, ist die Meinung über Leroy Sané. Ja, er trifft manchmal seltsame Entscheidungen, ja, das wirkt manchmal etwas zu laissez faire. Aber so schlecht, wie er von manchen hier gemacht wird, ist er dann auch nicht.

Viel Show, viel Kommerz, aber wenig Stimmung

Marcel Timm: So wie einige Teams auftreten, wirkt die WM auf mich teilweise wie Show- oder Vorbereitungsspiele. Phasenweise gibt es Tempo oder Einsatz zu sehen. Aber manchmal ist das zu lethargisch. Wir spielen eine WM, da muss ich mich 90 bis 100 Minuten zerreißen, das fehlt, besonders bei den favorisierten Teams. Die Underdogs hingegen schmeißen alles in die Waagschale. Die WM besteht aus viel Show, alles ist auf Kommerz gebügelt und die Stimmung nicht vergleichbar mit der Bundesliga oder der Premier League. Aber vielleicht kommt es ja noch.

Das deutsche Ergebnis ist top, auch wenn du das ein oder andere Tor noch hättest machen können. Man merkt immer, dass wenn wir nicht hundertprozentig konzentriert auftreten, besonders in der Defensive Fehler entstehen und wir nie sattelfest sind. Nach vorne sind wir brandgefährlich, haben eine der besten Offensiven im Turnier. Aber mit dieser Defensive – Manuel Neuer ausgeschlossen, der ist, wenn er gesund ist, immer noch der weltbeste Torhüter – wird es schwer, bis ins Halbfinale oder Finale zu kommen. Ähnlich wie für Bayern ist das Halbfinale wohl das Maximum. Da fehlt uns die defensive Qualität.

Wünscht sich ein verletzungsfreies Duell: Frauenbergs Trainer Marcel Timm.

Ihm fehlt der Einsatz: Trainer Marcel Timm.

Der ein oder andere Favorit hat gezeigt, dass man sich gegen Underdogs schwertut und Punkte liegen lassen kann. Das haben wir nicht getan und auch im Ergebnis gezeigt, wer der Favorit ist und dass wir eine Toptruppe sind.

Wir spielen eine WM, da muss ich mich 90 bis 100 Minuten zerreißen, das fehlt, besonders bei den favorisierten Teams.
Marcel Timm

Aus Trainersicht will ich mir nicht anmaßen, etwas zu raten. Ich würde mir wünschen, dass generell mehr über die Außen gespielt wird. Wir spielen immer wieder durchs Zentrum, da hast du viele Beine vor dir.

Meine erste WM-Erinnerung ist 1986 in Mexiko mit Schumacher, Matthäus und Maradona, da haben wir in den Ferien auf einem kleinen Schwarz-Weiß-Bildschirm im Zeltlager Spiele geschaut. Voll bewusst war dann 1990: Das war eine richtig megageile WM. Die schönste war die 2006, das Sommermärchen mit Superwetter, man hat gefühlt fast jedes Spiel miteinander geguckt.

Bei den Schotten bekommt die Gänsehaut eine Gänsehaut

Tom Steinicke: Ich glaube, ich (Kap) Verde verrückt. Es ist Mittwoch, siebter Tag der WM, und immer noch haben nicht alle Teams gespielt. Da bin ich bei Thomas. Das ist einfach zu viel. Aber angesichts des kolportierten Umsatzziels der Fifa von 13 Milliarden Dollar, glaube ich nicht, dass es weniger werden wird – und dann würde es für Italien ja noch schwerer, sich zu qualifizieren.

Tom Steinicke blättert durch sein Panini-Album.

Redakteur Tom Steinicke ist Fan der schottischen Anhänger.

Abseits des Sportlichen haben mich bisher die schottischen Fans am nachhaltigsten beeindruckt. Einfach mal in den Sozialen Netzwerken nach der Nationalhymne vor dem Spiel gegen Haiti suchen. Da bekommt die Gänsehaut eine Gänsehaut. Und wenn man schon dabei ist: Die nächste Eingabe ins Suchfeld lautet „Scottish Fans took over Fenway Park“. Sensationell wie die Fans das Baseballspiel der Boston Red Sox in eine Dudelsack-Party verwandeln.

Sané hätte gar nicht erst mitfahren dürfen.
Tom Steinicke

Mein erster WM-Held aus einem anderen Fußballkontinent war Kameruns Roger Milla mit seinen Tänzen an der Eckfahne. Heute würde der Stürmer wohl in der dritten Halbzeit seine Follower auf Insta verdreifachen. So wie es Vozinha gelungen ist. Der Torhüter der Kap Verden hatte vor dem Überspiel gegen Spanien knapp 50.000 Follower. Nach zahlreichen Glanzparaden in den 90 Minuten sind es mittlerweile (Stand Mittwoch, 10.54 Uhr) 11,4 Millionen.

Und da sich alle zur deutschen Nationalmannschaft geäußert haben, trage ich dann auch noch einen Steckpass dazu bei. Sané hätte gar nicht erst mitfahren dürfen. Und nach der Leistung sollte er nicht wieder in der Startelf stehen. So. Er war der Schwächste gegen Curaçao.