Der Wiederaufbau endet für die Gemeinde Weilerswist nicht mit der Beseitigung der Schäden. Die Kommune will sich krisenfest aufstellen.
Fünf Jahre FlutDie Brücken in Weilerswist sollen bis Ende 2027 erneuert sein

Am Morgen nach der Flut wurde das Ausmaß der Schäden in Metternich aus der Luft besonders deutlich.
Copyright: Martin Kurth
Wer heute durch die Gemeinde Weilerswist fährt, entdeckt auf den ersten Blick kaum noch die Folgen der Flutkatastrophe vom Juli 2021. Kinder lernen wieder in ihren Schulen, Vereine trainieren auf modernen Sportanlagen und die Feuerwehr ist längst wieder vollständig einsatzbereit. Vieles wirkt, als sei nie etwas geschehen. Doch dieser Eindruck täuscht.
Hinter der neuen Normalität stehen fünf Jahre voller Planung, Improvisation und unzähliger Baustellen – und ein Wiederaufbau, der noch längst nicht abgeschlossen ist. Vor allem der Neubau mehrerer Brücken wird die Gemeinde noch bis mindestens Ende 2027 beschäftigen. Gleichzeitig nutzt Weilerswist die Erfahrungen aus der Flut, um sich besser auf künftige Extremwetterereignisse vorzubereiten.
Die Ausgangslage: Vor der Sanierung standen die Anträge
Der Wiederaufbau war nach Angaben von Bürgermeister Dino Steuer weit mehr als das Beseitigen sichtbarer Schäden. Viele Gebäude konnten nach der Flut zunächst monatelang überhaupt nicht saniert werden. Sie mussten vollständig entkernt, technisch getrocknet und von Schlamm sowie beschädigten Materialien befreit werden. Erst danach konnten Estriche, Heizungen, Sanitär- und Elektroinstallationen sowie Bodenbeläge erneuert werden. Parallel dazu kämpften Kommunen im ganzen Land mit Materialengpässen, langen Lieferzeiten und einer Bauwirtschaft am Limit.
Hinzu kamen aufwendige Förderanträge, Ausschreibungen und Genehmigungsverfahren, die viel Zeit in Anspruch nahmen. Gleichzeitig durfte das öffentliche Leben nicht stillstehen. Schulen mussten unterrichten, Kindergärten Kinder betreuen und die Feuerwehr einsatzbereit bleiben. Deshalb entstanden an vielen Stellen Containerlösungen und Ausweichquartiere.
Schulen und Kindergärten waren zum Teil erheblich beschädigt
Besonders im Mittelpunkt standen die Bildungs- und Betreuungseinrichtungen. In der Grundschule Weilerswist wurden nach umfangreichen Trocknungsarbeiten beschädigte Wände erneuert, neue Bodenbeläge verlegt und sämtliche Innenräume modernisiert.
Noch umfangreicher waren die Arbeiten an der Grundschule Vernich. Dort mussten Keller, Mensa und Holzhaus zunächst vollständig trockengelegt werden. Anschließend folgten neue Estriche, Trockenbauwände, Heizungs- und Sanitärtechnik sowie große Teile des Innenausbaus. Während der gesamten Bauzeit lagerte das Inventar in Containern.

Überall stapelte sich der Hochwasser-Müll.
Copyright: Heike Nickel

Der Horchheimer Damm war stark beschädigt worden.
Copyright: Erftverband
Auch der Kindergarten Vernich war erheblich beschädigt. Keller, Erdgeschoss und Anbau mussten umfassend saniert werden. Eine neue Fußbodenheizung, moderne Elektro- und Sanitärinstallationen, neue Verglasungen und Bodenbeläge sorgen heute dafür, dass die Einrichtung technisch besser ausgestattet ist als vor der Flut. Damit die Betreuung der Kinder weiterlaufen konnte, zog der Kindergarten für die Bauzeit vollständig in eine Containeranlage um. Selbst die Alte Schule Vernich erhielt im Zuge der Sanierung eine neue WC-Anlage.
Die Feuerwehr: Aufwendiger Wiederaufbau in Hausweiler
Vor besonderen Herausforderungen stand auch die Freiwillige Feuerwehr. Während ihre Einsatzkräfte bereits in der Flutnacht und den Tagen danach ununterbrochen im Einsatz waren, mussten gleichzeitig mehrere Feuerwehrgerätehäuser selbst wieder instand gesetzt werden. In Vernich, Metternich, Lommersum und Hausweiler wurden Böden erneuert, Heizungsanlagen ersetzt sowie umfangreiche Fliesen-, Maler- und Elektroarbeiten durchgeführt.
Besonders aufwendig gestaltete sich der Wiederaufbau der Atemschutzwerkstatt in Hausweiler, die durch die Wassermassen nahezu vollständig zerstört worden war. „Auch Einsatzfahrzeuge mussten repariert, beschädigte Geräte ersetzt und für die Löschgruppe Metternich eine komplette neue persönliche Schutzausrüstung beschafft werden“, so der Bürgermeister. Darüber hinaus übernahm die Gemeinde Kosten für überörtliche Feuerwehreinsätze und Verdienstausfälle ehrenamtlicher Einsatzkräfte.
Das Vereinsleben: Kunstrasenplätze mussten erneuert werden
Mindestens ebenso wichtig wie die öffentliche Infrastruktur war die Rückkehr des Vereinslebens. Das Sportzentrum Weilerswist erhielt ein umfassend saniertes Sportlerheim. Neue Heizungs- und Sanitäranlagen, Fliesen, Estriche sowie zahlreiche Ausbauarbeiten machten das Gebäude wieder vollständig nutzbar. Auch die Pflasterflächen wurden erneuert.
In Vernich wurde die stark beschädigte Tomberghalle vollständig trockengelegt und anschließend mit neuem Hallenboden, neuer Sicherheitsbeleuchtung sowie umfangreichen Innenausbauarbeiten wiederhergestellt. Das benachbarte Sportlerheim wurde ebenfalls saniert.

Die Sanierung der Brücke an der Drei-Eichen-Straße in Metternich ist bereits abgeschlossen.
Copyright: Tom Steinicke

Auch Hubschrauber waren im Einsatz.
Copyright: Gemeinde Weilerswist
Auf den Sportplätzen mussten in Weilerswist, Vernich und Lommersum die Kunstrasenplätze einschließlich ihres Unterbaus komplett erneuert werden. Der Naturrasenplatz in Weilerswist wurde neu angelegt, die Tartanbahn konnte nach einer aufwendigen Tiefenreinigung erhalten werden.
Die Infrastruktur: Landwirte und Unternehmen kämpften um Existenz
Neben diesen großen Bauprojekten wurden zahlreiche kleinere Schäden beseitigt, die heute kaum noch wahrgenommen werden. Gehwege und Wirtschaftswege wurden erneuert, Friedhöfe instand gesetzt, Spielplätze mit neuem Sand und neuen Spielgeräten ausgestattet und Grünanlagen von Schlamm und Treibgut befreit.
Am Löschteich Wichelsmaar in Müggenhausen wurde der stark verschlammte Zulauf vollständig neu profiliert, so dass die Löschwasserversorgung langfristig gesichert ist. Hinzu kamen die Entsorgung riesiger Mengen Schlamm und Sperrmüll sowie zahlreiche Verkehrsmaßnahmen während der Bauarbeiten.
Diese Leistungen erscheinen in keiner kommunalen Maßnahmenliste. Sie sind aber ein wesentlicher Teil dessen, was den Wiederaufbau in Weilerswist ausmacht.
So beeindruckend die kommunalen Maßnahmen auch sind – sie bilden nur einen Teil der Schadensbeseitigung. Parallel bauten unzählige Familien ihre Häuser in Eigenleistung wieder auf. Landwirte, Unternehmen und Handwerksbetriebe kämpften um ihre Existenz, Vereine sanierten Sportanlagen gemeinsam mit ihren Mitgliedern.
Zahlreiche Helfer unterstützten die Menschen in der Gemeinde Weilerswist beim Ausräumen, Trocknen und Wiederaufbau. „Diese Leistungen erscheinen in keiner kommunalen Maßnahmenliste. Sie sind aber ein wesentlicher Teil dessen, was den Wiederaufbau in Weilerswist ausmacht“, sagt Bürgermeister Dino Steuer.
Die Brücken bleiben die größte Herausforderung in Weilerswist
Während viele Gebäude inzwischen wieder genutzt werden können, bleiben die Brücken die größte Herausforderung. Anders als bei klassischen Hochbaumaßnahmen genügt es dort nicht, einzelne Schäden zu beseitigen. Jede Brücke muss vollständig neu geplant werden. Dazu gehören Baugrunduntersuchungen, Vermessungen, hydraulische Berechnungen, Umweltprüfungen und wasserrechtliche Genehmigungen. Gleichzeitig sollen die Bauwerke den Erfahrungen aus der Flut Rechnung tragen und widerstandsfähiger gegen Hochwasser sein als ihre Vorgänger.
Mehrere Brückenbauwerke befinden sich deshalb gleichzeitig in unterschiedlichen Planungsphasen. Für die Brücke an der Bergstraße laufen die letzten Vorbereitungen. Der Baubeginn ist nach Abschluss des Vergabeverfahrens für das Frühjahr 2027 vorgesehen.
Auch die Brücke am Pfingstmühlenweg in Metternich wird vollständig neu errichtet. An der Kapellenstraße in Hausweiler mussten die Planungen aufgrund neuer fachlicher Vorgaben sogar noch einmal überarbeitet werden. Ebenso laufen die Vorbereitungen für die Brücken am Kirchweg, an der Dobschleider Straße sowie an der Kuhgasse in Bodenheim. Dort sollen unter anderem moderne Bauweisen mit glasfaserverstärktem Kunststoff oder Stahl zum Einsatz kommen. Ziel der Gemeinde ist es, alle durch die Flut zerstörten Brücken bis Ende 2027 ersetzt zu haben. Bereits abgeschlossen ist die Sanierung der Brücke an der Drei-Eichen-Straße in Metternich.
Die Notfallmeldestellen: Weilerswist wird krisenfester
Der Wiederaufbau endet für die Gemeinde jedoch nicht mit der Beseitigung der Flutschäden. Vielmehr sollen zahlreiche Maßnahmen Weilerswist dauerhaft krisenfester machen. Ein wichtiger Baustein sind künftig sechs Notfallmeldestellen in den Feuerwehrgerätehäusern Weilerswist, Vernich, Metternich, Lommersum und Hausweiler sowie im Dorfgemeinschaftshaus Müggenhausen.
Fällt der Strom oder Mobilfunk aus, können Bürger dort weiterhin Notrufe absetzen, die per Funk an die Leitstelle weitergeleitet werden. Zusätzlich werden Rathaus und Erft-Swist-Halle mit leistungsfähigen Notstromanlagen ausgestattet.
Das Sirenennetz: Elf neue digitale Sirenen ersetzen alte Anlagen
Auch das Sirenennetz wurde grundlegend modernisiert. Elf neue digitale Sirenen ersetzen einen Großteil der bisherigen Anlagen. Dank batteriegepufferter Stromversorgung und teilweise zusätzlicher Solarmodule bleiben sie auch bei Stromausfällen funktionsfähig. Ergänzend stehen zwei mobile Sirenen für abgelegene Bereiche bereit.
Auch im Hochwasserschutz zieht die Gemeinde Konsequenzen aus den Ereignissen von 2021. Künftig sollen an zahlreichen Brücken überströmbare Geländer verhindern, dass sich Treibgut verfängt und gefährliche Rückstaus entstehen. Für Bürgermeister Dino Steuer ist der Wiederaufbau deshalb weit mehr als eine Abfolge abgeschlossener Bauprojekte. „Die Flutkatastrophe hat tiefe Spuren in unserer Gemeinde hinterlassen. Was mich bis heute besonders bewegt, ist die unglaubliche Hilfsbereitschaft, die wir damals erlebt haben“, sagt er. Mit den noch ausstehenden Brückenneubauten und weiteren Präventionsmaßnahmen wolle die Gemeinde Weilerswist dauerhaft widerstandsfähiger gegen künftige Hochwasserereignisse machen.
Metternich: Marietta Thien findet Erfolgsmeldungen zynisch
In Metternich wütete die Flut besonders schlimm. Allein bei Marietta Thien (Velbrück Verlage) zerstörte das Wasser mehr als 50.000 Bücher. Auch zahlreiche Häuser wurden stark in Mitleidenschaft gezogen. „Mich als Metternicherin ärgert die teils langwierige und bürokratische Vorgehensweise kommunaler und Landesbereiche“, sagt Thien.
Als Beispiel nennt sie die Brücke im Ortskern, die ihrer Ansicht nach nahezu unverändert aussieht wie unmittelbar nach der Flut. Für Thien zeigt das exemplarisch, wie langwierige Entscheidungsprozesse dazu führten, dass bekannte Gefahrenstellen auch fünf Jahre nach der Katastrophe noch nicht beseitigt seien. Ähnlich bewertet sie die Situation an der Steinbachtalsperre und bei geplanten Wasserrückhalteräumen. Sollte heute erneut eine ähnliche Regenmenge fallen wie im Juli 2021, befürchtet die Metternicherin vergleichbare Folgen – mit erneut großem menschlichen Leid und erheblichen Sachschäden.
Vor diesem Hintergrund wirkten manche Erfolgsmeldungen zum fünften Jahrestag der Flut auf sie fast zynisch. Hinzu kommen aus ihrer Sicht bürokratische Hürden, mit denen sich viele Betroffene bis heute auseinandersetzen müssten.
Umso größer sei ihre Anerkennung für die Menschen vor Ort. Trotz aller Schwierigkeiten hätten die Betroffenen mit großer Eigeninitiative sowie der Unterstützung von Nachbarn und vielen Helfern Enormes geleistet. „Das ist eine wirklich gigantische Leistung, auf die man stolz sein kann“, sagt Thien, die ein Buch mit den Erlebnissen von mehr als 50 Flut-Betroffenen herausgegeben hat.
Der Wiederaufbau im Kreis Euskirchen
Im Kreis Euskirchen summiert sich das bislang bewilligte Fördervolumen für Privathaushalte und die Wohnungswirtschaft auf rund 353 Millionen Euro. In Weilerswist sind es nach Angaben des Landes rund 31,3 Millionen Euro.
Ein erheblicher Teil der Mittel fließt in den Wiederaufbau im Kreis Euskirchen. Nach Weilerswist wurden laut Land etwa 14,9 Millionen Euro überwiesen.
