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„Open Library“Bibliothekarin Tessa Mars will in Weilerswist progressive Projekte umsetzen

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Tessa Mars steht zwischen zwei Reihen von Bücherregalen und lächelt in die Kamera.

Hat die Weilerswister Gemeinde- und Schulbibliothek zu einem „Dritten Ort“ weiterentwickelt: Tessa Mars.

Die Gemeinde- und Schulbibliothek soll in den neuen Räumlichkeiten bis um Mitternacht geöffnet sein. Schon jetzt laufen spannende Projekte.

Bei der Suche nach einem Wälzer mit einschlägigen Quellen schaut sich die Jugendliche panisch um. Die Bücherei schließt gleich. Sie greift in eines der staubigen Regale und stößt versehentlich ein Buch herunter. Nach dem lautstarken Aufprall sieht sie einen mahnenden Zeigefinger am Mund der Bibliothekarin: „Psst!“

„Wir müssen uns von dem Bild von früher lösen“, sagt Tessa Mars, die Leiterin der Weilerswister Gemeinde- und Schulbibliothek: „Die Vorstellung der strengen Bibliothekarin ist veraltet.“ Stattdessen sei es inzwischen wichtig, digital zu denken. „Digital bereiten sich die Jugendlichen etwa auf Referate vor“, schildert die 50-Jährige ihre Erfahrungen bei der Arbeit mit jungen Menschen.

Übergangsweise befindet sich die Gemeindebibliothek in Containern

Derzeit befinden sich die Räumlichkeiten der Gemeindebibliothek in Containern an der Gesamtschule. Die neue Bibliothek, die voraussichtlich in zwei Jahren bezugsfähig sein wird, sieht Mars vor ihrem inneren Auge als offene Begegnungsstätte. „Die neue Bibliothek soll ein Treffpunkt und Veranstaltungsort für die Weilerswister Bevölkerung werden“, kündigt die gelernte Buchhändlerin an.

Nach ihrer Lehre hat sie in Köln Bibliothekswesen mit Schwerpunkt Informationswissenschaft studiert. Mars berichtet auch davon, Veranstaltungen der Lit.Cologne mitorganisiert zu haben: „Ich liebe es, Projekte zu planen.“

Weilerswister soll eine „Open Library“ bekommen

Für die neue Bibliothek in Weilerswist sei ein Netzwerkraum vorgesehen. Mars spricht auch von einer „Open Library“. Das bedeutet, dass die Nutzer ihrer Bibliothek-Medien auch außerhalb der Öffnungszeiten ausleihen und dort verweilen können: „Nur bis 18 Uhr geöffnet zu haben, ist nicht mehr zeitgemäß“, findet Mars.

In ihrem Gegenentwurf pocht sie auf die Digitalisierung, um die Menschen so abzuholen, wie es zu ihrem Leben passt. Darunter versteht sie zum Beispiel die Ausleihe von zu Hause aus.   „Wir wollen die Öffnungszeiten schrittweise erweitern“, erläutert Mars das weitere Vorgehen.

Letztlich sei ein Zugang bis Mitternacht geplant, was durch den Einsatz von Kameras ermöglicht werde. Weitere Schritte müssen gemäß der Bibliothekarin noch mit der Gemeindeverwaltung abgesprochen werden. An dieser Stelle lobt sie die Zusammenarbeit: „Ich habe wirklich tolle Freiheiten für meine Ideen.“

Eine Bibliothek als Treffpunkt zum Verweilen

Die jetzige Bibliothek denkt Mars bereits als „Dritten Ort“, also als Begegnungsstätte neben dem Zuhause (Erster Ort) und der Arbeitstelle oder der Schule (Zweiter Ort). „Bei uns ist man auch ohne Bibliotheksausweis willkommen“, so Mars: „Es ist ein Treffpunkt zum Austausch mit der Möglichkeit zum Verweilen.“ Diese Funktion soll sich mit den angedachten längeren Öffnungszeiten ebenfalls verbessern.

In der neuen Bibliothek sollen einige Prozesse automatisch ablaufen. Ein Automat zur Ausleihe und Rückgabe, wie er bereits in Bonner oder Kölner Büchereien steht, ist vorgesehen. „Wir werden durch maschinelle Unterstützung mehr Zeit zur Beratung haben“, nennt Mars die Vorteile einer solchen Automatisierung. Sie möchte zudem die Bereitstellung digitaler Sprachkurse voranbringen. „Gerade an der Gesamtschule sind wir multikulturell – das soll sich auch in der Literatur widerspiegeln.“

Auch die Gemeinde werde immer moderner: „Viele junge Familien ziehen aus den Städten nach Weilerswist.“ Sie nehme außerdem wahr, dass Geflüchtete Interesse an der Bibliothek der Gemeinde zeigten: „Besonders die Kinder kommen mutig herein.“ Oftmals folgten ihnen dann ihre Eltern. Um Menschen zu unterstützen, denen Deutschkenntnisse fehlen, seien die Anmeldeformulare der Bibliothek in verschiedenen Sprachen verfasst, so Mars.

Das Sortiment soll eine vielfältige Leserschaft ansprechen

Und wie ist es um die Auswahl an Texten bestellt? „Wir haben viele Bücher von jungen und queeren Menschen und jede Menge feministische Literatur“, berichtet Mars. Außerdem komme man einer hohen Nachfrage nach Literatur dunkelhäutiger Autorinnen und Autoren nach, die besonders im vergangenen Jahr durch Preise ausgezeichnet worden seien. Ihr sei es insgesamt wichtig, mit dem Angebot aktuelle Themen abzudecken.

„Unsere Gesellschaft leidet unter einem veralteten Männlichkeitsbild“, sagt Mars kritisch. Das führe auch dazu, dass queere Menschen angefeindet würden. Sie stelle fest, dass queere Schüler und Schülerinnen gezielt nach der entsprechenden Literatur fragten. Die Texte direkt vor Ort zu haben, sei für sie hilfreich.

Doch die Bücherei beherbergt längst nicht mehr nur Schriftstücke im traditionellen Sinn: „Wir haben neben Klassikern auch Mangas und Nintendo-Switch-Spiele im Sortiment.“ Das Angebot soll für die jungen Menschen ansprechend sein. Eine Nähe zur Schülerschaft sei wichtig. „Ich habe bei fast allen Kindern im Kopf, was sie gerade lesen oder was sie interessiert“, sagt Mars und lächelt. Laut Mars bestätigen die Ausleihzahlen, dass ihr Konzept bei der Zielgruppe gut ankommt.

Tessa Mars konzipiert die Bibliothek als Schutzraum und Begnungsort

„Für jüngere Kinder ist die Bibliothek auch ein Schutzraum.“ Falls ältere Kinder sich daneben benehmen würden, zeige man ihnen klar Grenzen auf. In der Bibliothek gehe es um Bildung, aber auch darum, den Jugendlichen einen respektvollen Umgang zu vermitteln, erläutert Mars weiter.

Ganz im Sinne ihres breitgefächerten Angebots verliere sie andere Benutzer und Benutzerinnen aber nicht aus dem Blick: „Uns besucht eine große Bandbreite an Menschen – von Kindern bis hin zu 90-Jährigen sind alle vertreten. Es ist schön, dass unsere Bibliothek ein Ort ist, an dem die Generationen zusammenkommen.“ Bei Kinderlesungen sei die Literatur für die Eltern nicht weit entfernt. Für Mars steht aber fest: „Junge Menschen brauchen mehr Dritte Orte.“


„Saatgutbibliothek“ sucht Aussäer

In der Gemeindebibliothek in Weilerswist läuft noch bis Ende März ein offenes Mitmach-Projekt. Für die „Saatgutbibliothek“ werden interessierte Bürgerinnen und Bürger gesucht. Die Kooperation mit dem Verein zur Erhaltung der Nutzpflanzenvielfalt zielt darauf ab, alte, samenfeste Gemüsesorten wieder auf den Markt und in heimische Gärten zu bringen. Durch den regelmäßigen Anbau können die Sorten sich besser auf den Standort und die veränderten klimatischen Bedingungen einstellen.

Der Ablauf: Man leiht Saatgut in der Bibliothek aus, säht es im Frühjahr aus und erntet die Samen Ende der Saison. Teile der Ernte sollen in die Bibliothek zurückgebracht werden. Zur Verfügung stehen Saatgut für Gartenmelde, Salat, Tomaten, Erbsen und Bohnen. (ges)