In der Zülpicher Pfarrkirche St. Peter wurde der Stummfilm „Der Galiläer“ gezeigt, untermalt mit Orgelimprovisationen von Otto Maria Krämer.
TraditionDie Karwoche begann in Zülpich mit Musik und ergreifenden Bildern

In der Zülpicher Pfarrkirche startete die Karwoche mit der Vorführung des Stummfilms „Der Galiläer“ und dazu passender Orgelbegleitung.
Copyright: Cedric Arndt
Eine orchestrale Titelmelodie und mit stimmungsvollen Klängen untermalte Szenen sind längst wichtiger Bestandteil jeder größeren Filmproduktion. Der Film, der zum Auftakt der Karwoche in der Zülpicher Pfarrkirche St. Peter präsentiert wurde, stammte jedoch noch aus einer Zeit, in der die technischen Möglichkeiten ein synchrones Abspielen von Bild und Ton kaum zuließen.
Mehr als 100 Jahre ist es her, seit 1921 im Rahmen der damaligen Freiburger Passionsspiele der Stummfilm „Der Galiläer“ entstand, und nun fand er in Zülpich ein weiteres Mal ein interessiertes Publikum. „Wir pflegen seit vielen Jahren die Tradition, die Passionszeit mit Musik einzuleiten“, erklärte Kantor Holger Weimbs. „Die ergreifenden Bilder, die wir gleich in diesem Film zu sehen bekommen, passen thematisch wie die Faust aufs Auge, und ich bin selbst sehr gespannt, was uns erwartet.“
Das Orgelspiel ist in Zülpich an die Szenen im Film angepasst
Um diese liebgewonnene Tradition zu bewahren und dem Publikum die Ereignisse auf der großen, viereinhalb mal sechs Meter messenden Leinwand auch akustisch näherzubringen, konnten die Organisatoren sowohl die technische Unterstützung des Zülpicher Freiluftkinos als auch die Mitarbeit von Otto Maria Krämer gewinnen. „Vor einiger Zeit waren bereits ein paar seiner Studenten bei uns und haben ein Improvisationskonzert gegeben“, so Weimbs: „Da Otto Orgel und Film kennt, freuen wir uns, ihn heute selbst live hören zu können.“

Statt eines Notenständers nutzte Otto Maria Krämer seinen Laptop, um den Stummfilm zu sehen und dazu passende Orgelmusik zu improvisieren.
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Während der Organist die digitale Orgel in St. Peter nur einmal bei einem privaten Besuch in Augenschein nehmen konnte, hat er den Film, der am Sonntag im Mittelpunkt stand, bereits viele Male gesehen. „Mein Orgelspiel improvisiere ich auf den Punkt, und ich habe mich auch von sogenannten Leitmotiven frei gemacht. Trotzdem muss man die Abläufe kennen, um sich ganz auf die Geschehnisse einlassen zu können“, erklärte der Organist.
Die Schauspieler hatten nur ihre Gestik und Mimik zur Verfügung, ihre Worte waren aber nicht zu hören.
Statt eines Notenständers nutze er nur seinen Laptop, auf dem er den Film zeitgleich mit dem Publikum verfolgen könne, und passe sein Spiel den Szenen an. Auch verzichte er auf den typischen Stil der 1920er- und 1930er-Jahre, wie er zur Zeit der Entstehung des Stummfilms üblich gewesen sei, sondern greife lieber auf expressivere Stilrichtungen zurück.
Der Organist ist jedes Mal wieder ergriffen
Selbst nach vielmaligem Schauen habe der Film nichts an seinem emotional aufwühlenden Charakter eingebüßt, betonte Otto Maria Krämer. „Die Schauspieler hatten nur ihre Gestik und Mimik zur Verfügung, ihre Worte waren aber nicht zu hören.“
Sobald die wütende Menge dann jedoch zu dem lautlosen Ausruf „Ans Kreuz mit ihm“ ansetze, sei er immer noch sehr ergriffen. „Ich lache und ich weine während des Konzerts und kann meine ganze Freude am Orgelspiel ausleben. Genau diese Emotionen muss ich auch dem Publikum rüberbringen, damit sie den Film so erleben können, wie er gedacht ist“, so der Musiker.
Von der Aufregung während des Einzuges von Jesus Christus in Jerusalem über die unbändige Freude nach der Heilung eines Blinden bis zum Verrat durch Judas mitsamt der anschließenden Verhaftung und Kreuzigung gelang es Otto Maria Krämer eindrucksvoll, die Gefühlswelt der Charaktere akustisch zu untermalen. So begann auch sein Orgelspiel mit zunächst fröhlich-naiven Klängen, um im Laufe der Handlung in immer bedrohlichere Töne überzugehen und schließlich die ganze Verzweiflung von Maria Magdalena über ihren Verlust zum Ausdruck zu bringen.
Rund eine Stunde lang wurde das Publikum durch diese emotionale Vielfalt geleitet. Und erlebte die bereits bekannte Passionsgeschichte auf mitreißende Art aus einem neuen Blickwinkel.

