„Wir sind dem Anschlag schätzungsweise um 15 oder 20 Minuten entgangen“, berichtet Pascal Gleich über das Erlebte in Berlin.
Unruhige StundenBergneustädter entging nur knapp dem Anschlag beim Berliner CSD

Kurz vor dem Anschlag auf den CSD in Berlin feierte Pascal Gleich am Samstagabend noch fröhlich vor der Bühne am Brandenburger Tor.
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„Es hat sich so angefühlt, als hätte jemand den Aus-Schalter betätigt. In einem Moment ist man noch voller Freude und im nächsten Moment ist plötzlich alles anders“ – so beschreibt Pascal Gleich aus Bergneustadt den Moment, als das Programm des CSD in Berlin am Samstagabend nach dem Anschlag eines islamistischen Attentäters abgebrochen wird. Zu diesem Zeitpunkt stehen er und zwei Freunde vor der Bühne am Brandenburger Tor, als der Veranstalter die aktuelle Show unterbricht und die Evakuierung „wegen einer schwierigen Situation“ auf der Bühne verkündet. „Da wussten wir noch gar nicht, was passiert ist. Uns wurde gesagt, wir sollen den Ausgang in Richtung Hauptbahnhof nehmen und den Weg über die Siegessäule und den Tiergarten meiden“, erinnert sich der 27-Jährige.
Als der CSD abgebrochen wurde, feierte der Oberberger vor der Bühne
Zum zweiten Mal ist Pascal Gleich mit Freunden beim Christopher Street Day (CSD) in Berlin, hat als Teil der queeren Community auch in anderen Städten schon ähnliche Feiern und Paraden besucht – zuletzt noch in München und Köln. Gemeinsam mit seinen beiden Freunden macht er sich nach der Evakuierung auf den Rückweg zum Hotelzimmer. „Unterwegs ist uns eine Vielzahl an Polizeiwagen entgegengekommen und wir haben über uns Hubschrauber wahrgenommen. Da haben wir schon geahnt, dass etwas Schlimmes passiert sein muss“, erzählt er.
Auf dem Weg zum Hotel schauen die Freunde immer wieder aufmerksam nach links und rechts und versuchen per Handy an erste Informationen zu kommen. „Als dann die erste Eilmeldung kam mit der Information, dass ein Wagen in eine Menschenmenge gefahren ist, standen wir alle um ein Handy herum“, erinnert sich Gleich.
Es hat sich so angefühlt, als hätte jemand den Aus-Schalter betätigt. In einem Moment ist man noch voller Freude und im nächsten Moment ist plötzlich alles anders.
Auf den Schock über die Eilmeldung folgt schnell der nächste Schock bei der Erkenntnis, dass der Bergneustädter und seine Freunde nur kurz zuvor selbst im Tiergarten waren. Nach der großen Parade durch Berlin holen sie sich etwas zu Essen und wollen vor der Bühne am Brandenburger Tor weiterfeiern. Dorthin nehmen sie den logischen Weg über den Tiergarten. Auf der Bühne hat gerade Sarah Connor ihr Konzert beendet und die nächste Show hatte begonnen, als der abrupte Abbruch kommt. „Wir haben später nachgerechnet. Wir sind dem Anschlag schätzungsweise um 15 oder 20 Minuten entgangen“, berichtet Pascal Gleich.
Richtig realisiert, was das bedeutet, habe er aber erst viel später, sagt der 27-Jährige, der am Samstagabend unter Dauerstrom steht. Noch auf dem Rückweg und auch später im Hotelzimmer hätten er und seine Freunde zahlreiche Anrufe von Freunden und der Familie erhalten und selbst getätigt. „Sie haben sich besorgt erkundigt, ob es uns gut geht“, erzählt er. Aus seinem großen Freundes- und Bekanntenkreis sei zum Glück niemand verletzt worden. Die Nachricht, dass eine Frau gestorben ist und viele weitere Menschen verletzt wurden, ist jedoch ein großer Schock.
Es folgt eine unruhige Nacht mit wenig Schlaf und vielen Nachrichten, die in den nächsten Stunden konsumiert werden. „Wir haben außerdem versucht, uns gegenseitig aufzubauen. Viele hatten nach dem Erlebten ein Mitteilungsbedürfnis.“ Auch dem Bergneustädter hilft es, über das Erlebte zu sprechen, um es besser verarbeiten zu können, sagt er. Am nächsten Morgen habe Berlin zunächst weitgehend normal gewirkt. „Es ist halt eine Millionenstadt. Die Straßen waren nicht leer. Aber die Polizeipräsenz war sehr hoch. Und ich wusste ja, dass der Täter noch flüchtig ist. Da hatte ich schon ein mulmiges Gefühl.“
Für Pascal Gleich ist der Anschlag auf den Berliner CSD mehr als ein islamistischer Terrorakt. „Es war ein gezielter Anschlag auf diese Veranstaltung und deren Teilnehmenden. Er war also ideologisch geprägt und hat sich gegen die queere Community und somit auch gegen mich gerichtet“, sagt er. So fragt sich auch der 27-Jährige: Wie sicher bin ich als queere Person in der Öffentlichkeit? „Es ist ein innerer Kampf mit mir selbst, denn natürlich macht einem das Angst. Aber für mich ist es wichtig, sich nicht kleinkriegen zu lassen, denn dann hätten die Extremisten gewonnen“, betont er. Auch in Zukunft möchte Pascal Gleich auf CSD-Veranstaltungen gehen und Haltung zeigen, ganz nach dem Motto: Jetzt erst recht! Er betont: „Ich will in einer toleranten und bunten Gesellschaft leben.“
In der evangelischen Kirche in Gummersbach fand eine Andacht statt
Bestürzt zeigt sich auch Nadine Lindörfer, Leiterin der Koordinationsstelle des Netzwerks gegen Rechts Oberberg, über die Nachrichten aus Berlin. Sie ist eine der Organisatorinnen des ersten CSD, der vor wenigen Wochen in Gummersbach stattgefunden hat, und in engem Austausch mit der queeren Community im Oberbergischen. Am Tag nach dem Anschlag in Berlin nahm Lindörfer Kontakt zu Katarina Lange, Pfarrerin der evangelischen Kirche in Gummersbach, auf. Gemeinsam organisierten die Frauen kurzfristig eine Andacht, die am Sonntagabend in der Kirche in der Von-Steinen-Straße stattfand. Dort kamen einige Menschen zusammen, um der Toten und der vielen Verletzten des Anschlags zu gedenken.
Für Pfarrerin Katarina Lange war es selbstverständlich, eine Andacht anzubieten. „Es ist wichtig, die Gefühle in so einem Moment aufzufangen. Viele queere Menschen haben Angst, sind wütend, aber auch unsicher, ob sie in Sicherheit leben können.“ Lange möchte die Menschen stärken und „gemeinsam mutig sein“. In ihrer Seelsorge ist die evangelische Pfarrerin für alle Menschen da, betont sie.
Dass viele sehr betroffen über die jüngsten Geschehnisse seien, sei auch in den Sozialen Medien zu lesen, teilt Nadine Lindörfer mit. Doch genau dort lauert auch die Kehrseite: „Immer wieder lesen wir Hasskommentare unter Posts, in denen es um queere Themen geht. Deswegen haben viele queere Menschen immer noch Angst, sich öffentlich zu outen, da ihnen wegen ihrer persönlichen Identität Hass und Wut entgegengebracht werden.“
