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Eklat im PublikumKarnevalisten grölen Nazi-Parolen bei Show der Bergneustädter Funken

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Die Tanzgarde der Prinzengarde der Stadt Düsseldorf e.V. 1927 nimmt am Rosenmontagszug teil.

Die aktuelle Partyhymne von Gigi D'Agostino eignet sich prima zum Einmarsch einer Tanzgarde – allerdings wird der Song auch immer wieder von Rechten gekapert.        

Nach den Karnevalspartys in Belmicke und Drolshagen ermittelt der Staatsschutz in Köln und Hagen. Im Raum steht der Vorwurf der Volksverhetzung. 

Gleich zwei Auftritte der „Roten Funken“, der Tanzgruppe des TuS Belmicke, sind am Wochenende von ausländerfeindlichen Rufen begleitet worden. Wie der Vereinsvorsitzende Rainer Tomasetti dieser Zeitung bestätigt, kam es am Samstagabend beim Karneval im Dorfgemeinschaftshaus von Berlinghausen zum Eklat. Der Ort liegt nur rund sieben Kilometer von Belmicke entfernt, gehört aber schon zum Kreis Olpe.

Bergneustädter Garde machte gute Miene zum bösen Spiel

Laut Tomasetti, der den Auftritt der zwölfköpfigen Tanzgarde als Elferratspräsident begleitete, skandierten einzelne Mitglieder einer Gruppe von acht bis zehn jungen Erwachsenen „Ausländer raus“, als der Song „L'amour toujours“ des italienischen DJs Gigi D'Agostino aufgelegt wurde, das aktuelle Einmarschlied der Funken. Parolenrufe zu genau jenem Lied hatten schon Ende Dezember die neue Diskothek „Hexagon“ in Wildbergerhütte in die Negativschlagzeilen gebracht und den Staatsschutz auf den Plan gerufen.

Der TuS-Vorsitzende betont, dass der Garde der Missbrauch des Songs durch rechte Kreise nicht bewusst gewesen sei. Die Frauen im Alter zwischen 17 und 27 Jahren hätten vielmehr ein Jahr lang an ihrer Choreographie für die laufende Session gefeilt und sich sehr auf den Auftritt gefreut. Garde-Trainerin Lisa-Marie Gerke, die die Show in Berlinghausen habe filmen wollen, sei in Tränen ausgebrochen, als sie die Rufe hörte, die Garde selbst habe „gute Miene zum bösen Spiel gemacht und den Auftritt zu Ende gebracht“, so Tomasetti.

Ich möchte mir von meinen Enkeln nicht vorwerfen lassen, damals nicht gegen Rechts aufgestanden zu sein, als die Zeit dazu war.
Rainer Tomasetti, Vorsitzender und Elferratspräsident des TuS Belmicke

Allerdings habe er in seinem Grußwort nach dem Gardeauftritt die Rufer von der Bühne herab angesprochen und klargemacht, dass solche Sprüche im Karneval keinen Platz hätten. „Daraufhin haben einige applaudiert, vor allem junge Menschen“, erinnert sich Rainer Tomasetti. Ganz bewusst habe er mit seinem Gesangspartner Kevin Mankel dann den Fööss-Klassiker „Unsere Stammbaum“ angestimmt.

Auch Andreas Wigger, Vorsitzender der Berlinghausener Schützenbruderschaft, und damit am Samstagabend Gastgeber von rund 200 Jecken, bestätigt, dass es ausländerfeindliche Sprüche gab. Allerdings: „Ein einziger Idiot hat das gegrölt, an den Nachbartischen war es schon kaum mehr hörbar. Natürlich lehnen wir rechte Gesinnung ab und haben auch Verständnis, dass die Belmicker sauer sind – ein Fass muss man deswegen aber nicht aufmachen.“

Rote Funken aus Bergneustadt wollen Erklärung abgeben

Tomasetti sieht das anders: „Ich möchte mir von meinen Enkeln nicht vorwerfen lassen, damals nicht gegen Rechts aufgestanden zu sein, als die Zeit dazu war.“ Den Karneval als Bühne für „braune Ideologie“ zu nutzen, bezeichnet er als „widerlich“. Da eine der Funken-Tänzerinnen Polizistin sei, habe man nach dem Auftritt die Polizei gerufen und Strafanzeige erstattet, berichtet der TuS-Chef weiter. Schützen-Vorstand Wigger schildert, dass die Beamten einen jungen Mann aus dem Dorfgemeinschaftshaus geholt und ihm einen Platzverweis erteilt hätten.

Am Mittwoch bestätigt Sebastian Hirschberg, Sprecher der Hagener Polizei, dass der auch für Olpe zuständige Staatsschutz in Hagen gegen einen 22-jährigen Mann ermittelt. Die Staatsanwaltschaft Siegen habe die Behörde damit beauftragt, Nachforschungen anzustellen und Zeugen zu vernehmen. Bitter für die Funken: Nachdem die Tänzerinnen für den Missbrauch des Songs sensibilisiert waren, schaute sich Trainerin Gerke das Video des Auftritts vom Vortag genauer an. Am Freitagabend war ihr eigener Verein der Gastgeber gewesen, der TuS Belmicke hatte zum Karneval im Annaheim geladen.

Das Ergebnis: Auch dort riefen Partygäste zum Einmarsch-Song „Ausländer raus“, sagt Rainer Tomasetti. Auch in diesem Fall habe man nun Strafanzeige gestellt. Diese werde jetzt ebenfalls an den Staatsschutz weitergeleitet, diesmal an den in Köln, erklärt Oberbergs Polizeisprecherin Monika Treutler. Die Garde habe das Lied inzwischen ausgetauscht, verrät Tomasetti, der zudem ankündigt, die Tänzerinnen wollten vor ihrem nächsten Auftritt am Sonntag in Belmicke eine Erklärung abgeben.

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