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Einmaliges Gemeinschaftsprojekt
Hülsenbuscher Ärztehaus hat eröffnet

Lesezeit 3 Minuten
Pionierprojekt: Dilan Kut, Bernd Baßfeld, Anette Gelfarth, Frank Helmenstein, Jochen Hagt, Dirk Panske und Sandra Nowack (v.l.) am roten Band. Die Tagespflege von Uwe Söhnchen (u.l.) und die Sprachtherapiepraxis (u.r.) legen als erste los.

Pionierprojekt: Dilan Kut, Bernd Baßfeld, Anette Gelfarth, Frank Helmenstein, Jochen Hagt, Dirk Panske und Sandra Nowack (v.l.) am roten Band. Die Tagespflege von Uwe Söhnchen (u.l.) und die Sprachtherapiepraxis (u.r.) legen als erste los.

  • Die allermeisten der 50 000 Einwohner der Stadt lebten in einem der Außenorte.
  • Landrat Jochen Hagt wohnt ganz in der Nähe. Bei der Eröffnung betonte er die Musterfunktion, die das Hülsenbuscher Projekt für die medizinische Versorgung im ländlichen Raum habe.
  • 2,2, Millionen Euro hat der Bau gekostet, abzüglich der beiden Eigentumswohnungen muss die Genossenschaft 1,6 Millionen Euro finanzieren.

Hülsenbusch – „Kenne ich Sie nicht aus dem Fernsehen?“ Nicht von ungefähr ist Vorstandsmitglied Anette Gelfarth diese Frage kürzlich gestellt worden. Das Hülsenbuscher Projekt hat ein überregionales Medieninteresse hervorgerufen. Dass eine Bürgergenossenschaft ein Ärztehaus baut und betreibt, ist bundesweit einmalig. Und die mangelnde medizinische Versorgung betrifft alle ländlichen Regionen in Deutschland.

Am Sonntag ist das Haus schräg gegenüber der ebenfalls genossenschaftlich betriebenen Dorfkneipe im kleinen Rahmen eröffnet worden. Wegen der Corona-Beschränkungen wurde auf ein großes Fest verzichtet.

„Das ist aber nur aufgeschoben“, verspricht Anette Gelfarth, „das holen wir mit einem Tag der offenen Tür nach, wenn alles fertig ist.“ Am Mittwoch legt die Praxis für Sprachtherapie von Esther Ackermann und Sandra Nowack los, tags darauf die Tagespflege des Ründerother Pflegedienstes Söhnchen mit Plätzen für bis zu 14 Senioren (mit herrlicher Aussicht auf die Nordhelle). Im Laufe der nächsten Wochen folgen die Kinderärzte Toelstede und Feldhoff sowie die Hausärzte „Kloos und Kollegen“.

2,2, Millionen Euro hat der Bau gekostet, abzüglich der beiden Eigentumswohnungen muss die Genossenschaft 1,6 Millionen Euro finanzieren. Und das war kein Problem, berichten Gelfarth und ihr Vorstandskollege Bernd Baßfeld: 245 Mitglieder der Genossenschaft haben einen oder mehrere Anteile à 500 Euro erworben. Das erforderliche Mindestkapital von 400 000 Euro wurde schon nahezu doppelt aufgebracht.

Kalender ist schon voll

Warum wagen Sie die Eröffnung einer Praxis fernab des Stadtzentrums?

Nowack: Es ist schön, in dem Dorf zu arbeiten, in dem ich lebe. Und ich sehe die Gründung der Praxis gar nicht als Wagnis. Wir beide haben viele Kontakte und kennen den Markt.

Ackermann: Ich nehme viele Patienten mit aus meiner bisherigen Praxis in Nümbrecht-Bierenbachtal, die geschlossen wird, weil meine dortige Partnerin in Ruhestand geht. Wir starten mit vollem Programm und müssen uns nicht um neue Patienten sorgen. Viele Praxen haben lange Wartelisten.

Was spricht für Hülsenbusch?

Nowack: Wir haben hier Parkplätze vor der Haustür, in der Stadt hätten die Leute mehr Probleme, ihren Wagen abzustellen. Ob es die Eltern von Kindern mit Sprachentwicklungsproblemen sind oder die Angehörigen von Schlaganfallpatienten: Sie kommen ohnehin mit dem Auto.

Ackermann: Wichtig ist, dass wir gute Kontakte zu den Kinderärzten in der Region haben. Und nun haben wir mit der Praxis Toelstede und Feldhoff sogar welche im eigenen Haus. (tie)

Nicht wenige Genossen werden auch Mitglieder der Hülsenbuscher Kneipengenossenschaft sein – ein wichtiger Pionier für das ehrgeizige Ärztehausprojekt. Viel wichtiger als die für solche Projekte günstige Zinssituation sei das Herzblut, mit der die Miteigentümer bei der Sache sind, sagt Gelfarth.

Dazu gehören Hülsenbuscher, die heute in Berlin und München leben und wegen ihrer Eltern in die Infrastruktur ihres Heimatdorfes investieren. Bernd Baßfeld, der den Bau des Ärztehauses als erfahrener Architekt und Projektentwickler federführend begleitete, hält aber auch das Vertrauen der gewerblichen Mieter in seine „Laienspielgruppe“ für nicht selbstverständlich. Alle Nutzer seien von Anfang an in die Planung einbezogen worden.

Landrat Jochen Hagt wohnt ganz in der Nähe. Bei der Eröffnung betonte er die Musterfunktion, die das Hülsenbuscher Projekt für die medizinische Versorgung im ländlichen Raum habe. Nicht alle 1441 Dörfer und Weiler im Oberbergischen Kreis seien im gleichem Maße auf die Herausforderungen der Zukunft vorbereitet wie Hülsenbusch mit Kirche, Schule, Kita und natürlich der Kneipe.

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„Dazu braucht es ein starkes Stück Gemeinschaft und Leute, die andere mitreißen.“ Bürgermeister Frank Helmenstein wies darauf hin, dass die neuesten Zahlen darauf hindeuten, dass sich die Abwanderung der Menschen aus dem ländlichen Raum langsam umkehrt. Die allermeisten der 50 000 Einwohner der Stadt lebten in einem der Außenorte. Er wisse darum: „Die Zukunft Gummersbachs wird auf dem Dorf entschieden.“

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