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KirchenmusikGummersbacher erproben das neue Gesangbuch

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Der Kirchenmusiker Maurice Hähnel präsentiert die neue Ausgabe des Gesangbuchs in der Evangelischen Kirche in Dieringhausen.

Der Erprobungsband des neuen Gesangsbuchs, den Mourice Hähnel in der Hand hält, versammelt 160 Lieder, ein Drittel dessen, was später im Nachfolger des roten Liederbuchs (r.) aufgeführt werden wird. Neben Klassikern werden einige neue Stücke aufgenommen.  

Mourice Hähnel (21) testet mit seiner Gummersbacher Gemeinde das neue evangelische Gesangbuch.

„Macht hoch die Tür“ ist drin und „Lobe den Herren“ und „Großer Gott, wir loben dich“. Mourice Hähnel nennt sie liebevoll „Kirchenschlager“. Zu den Neuaufnahmen   in dem schmalen Bändchen, in dem der Kirchenmusiker blättert, gehört   der Gospel-Song „Oh Happy Day“, auch nicht mehr ganz frisch, aber bisher nicht im Evangelischen Gesangbuch aufgeführt. Dazu kommen Sakropop-Lieder wie „Thank You for the Night“. Die evangelische Kirche vollzieht hier einen Spagat.

Wer in Dieringhausen demnächst den Gottesdienst besucht, sollte sich nicht wundern, wenn ihm statt des klassischen roten Buches ein kleines blaues in die Hand gedrückt wird. Es ist der Erprobungsband des neuen Evangelischen Gesangbuchs. Er versammelt rund 160 Lieder und bildet damit ein Drittel des späteren Gesamtumfangs ab.

Christuskirchengemeinde Dieringhausen-Vollmerhausen- Niederseßmar ist eine von 550

Die  Christuskirchengemeinde Dieringhausen-Vollmerhausen- Niederseßmar ist eine von 550 deutschen Kirchengemeinden, die das Buch ausprobiert. In Oberberg sind außerdem  die Kirchengemeinden Ründeroth, Hückeswagen und Radevormwald sowie der CVJM Waldbröl-Bladersbach an dem musikalischen Testlauf beteiligt.

Wer mitmachen wollte, musste sich bewerben. In Dieringhausen ging die Initiative von Mourice Hähnel aus. Der erst 21-jährige Organist und Chorleiter ist in Wiehl-Hückhausen aufgewachsen. Die ungewöhnliche Schreibweise seines Vornamens hat keine tiefere Bedeutung. „Ich sage immer, meine Mutter hat einen Strich vergessen.“ Als Kirchenmusiker hat er einen erstaunlichen Frühstart hingelegt. Seit drei Jahren hat Hähnel eine halbe Stelle in der Kirchengemeinde, dabei hat er noch nicht einmal die grundlegende C-Ausbildung abgeschlossen. Als Kind hat er Klavierunterricht bekommen, alles andere hat er sich selbst beigebracht. Mit 14 durfte er in Drabenderhöhe einmal die Orgel ausprobieren, bald begleitete er dort aushilfsweise die Gottesdienste. Als er in Dieringhausen seine ersten Einsätze hatte, war er 17 und ging noch zum Wiehler Gymnasium. Beim Bielsteiner Männerchor avancierte er vor drei Jahren zum Vizechorleiter.

Oberbergische Gemeinden müssen sparen

Aber hauptberuflicher Kirchenmusiker will er gar nicht werden. Zu unsicher, findet er, die Gemeinden müssten beim Personal sparen. Ein musikalischer Pfarrer habe umso bessere Aussichten, glaubt Hähnel. Darum hat er in Bonn ein theologisches Studium aufgenommen.

Das hilft ihm auch bei seiner Arbeit mit dem Erprobungsband, Kirchengesang ist mehr als Musik. Die Modernisierung ist eine heikle Gratwanderung. Mourice Hähnel versteht sich dabei als sanfter Reformer und zitiert George Bernhard Shaw: „Tradition ist eine Laterne, der Dumme hält sich an ihr fest, dem Klugen leuchtet sie den Weg.“

Die Kombination von altem Liedgut und modernen Songs sei im Erprobungsband recht gut gelungen, findet der Kirchenmusiker. Sein klassisches Lieblingslied „Ich steh an deiner Krippen hier“  ist drin, sein moderner Favorit, der poppige Worship-Song „Mutig komme ich vor den Thron“ fehlt noch in der Sammlung. Hähnel findet darin viele Stücke, die er selbst in den Gottesdienst eingeführt hat. „Es ist wichtig, dass das Buch neue Lieder aufnimmt und vorausblickt. Schließlich soll es ja wieder 20 oder 30 Jahre gelten.“

Er sieht auch Probleme: Die Schrift sei sehr klein und für ältere Gottesdienstbesucher nicht barrierefrei, auch mit den englischen Liedern dürften sie Schwierigkeiten haben. „Und man kann natürlich fragen, ob wir überhaupt ein neues Gesangbuch brauchen.“ Die Anschaffung werde für die Kirchengemeinden ein teurer Spaß.

Auch aus diesem Grund setzt er vor allem große Hoffnung in die digitale Version des neuen Liederbuchs. Dieses könne dann Quelle für Leinwand-Projektionen sein, wie sie in vielen Kirchen längst Standard sind. Als Leiter des Niederseßmarer Canticum-Chors und der Kirchenband will Mourice Hähnel dazu beitragen, dass neue „Kirchenschlager“ entstehen. „Wir können die Zukunft der Kirche mitgestalten“, sagt der musikalische Theologiestudent. „Die Musik ist mindestens genauso wichtig wie die Predigt.“


Ein neues Gesangbuch

Im Reformationsjubiläumsjahr 2017 haben die Leitungsgremien der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) entschieden, dass es ein neues Gesangbuch geben soll. Alle 30 bis 50 Jahre macht man sich daran, das Gesangbuch zu reformieren. Diesmal will die evangelische Kirche auf neue Gottesdienstformen und technische Möglichkeiten reagieren. Vor allem gilt es, mehr als tausend neue Lieder in den Blick zu nehmen, die in den Gemeinden seit Entstehung des jetzigen Gesangbuchs verbreitet sind.

Im Frühjahr 2020 wurde durch den Rat der EKD eine Gesangbuchkommission einberufen. Nun geht das neue Evangelische Gesangbuch in die Erprobungsphase, dafür wurden 32.000 Exemplare gedruckt und an 550 Erprobungsgemeinden verteilt. Diese sollen damit bis Ende März 2026 arbeiten und von ihren Erfahrungen berichten. Gemeinden, die nicht an der Erprobung teilnehmen, können die Lieder des Erprobungsbands für die Gestaltung von Liedblättern oder Beamerpräsentationen herunterladen.