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WiederbeginnGesamtschullehrer aus Marienheide fordert praxistaugliche Planung

4 min
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Eine Glaskugel, die die schulpolitische Zukunft vorhersagt, hat Physiklehrer Jürgen Schäffler nicht. Aber eine Plasmakugel.

  1. Corona hat die Schwächen unseres Systems offengelegt, so der Gewerkschafter.
  2. Er geht davon aus, dass ein normaler Betrieb in den weiterführenden Schulen nicht vor Januar möglich sein wird.
  3. Man bräuchte seitens des Ministeriums dringend eine praxistaugliche Planung.

Marienheide – Jürgen Schäffler (63) ist Lehrer für Mathe und Physik an der Gesamtschule Marienheide und Kreisvorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. Reiner Thies sprach mit ihm über das Lehren in der Krise und die Lehren aus der Krise.

Frage: Vermissen Sie den Geruch des Kreidestaubs?

Jürgen Schäffler: Nein, den habe ich ja weiterhin in der Nase, trotz Maske. In der vergangenen Woche habe ich meine 13er auf die mündliche Abiturprüfung in Physik vorbereitet, und das war im Grunde genommen normaler Unterricht, wenn auch auf Abstand.

In meinem Alter gehöre ich zur Risikogruppe und hätte nicht Präsenzunterricht machen müssen. Mir war es aber wichtig, die Abiturienten bis zum Schluss zu begleiten. Die jungen Leute haben ja hart gearbeitet, und jetzt freue ich mich über einige schöne Ergebnisse.

Die jungen Kollegen sind den Umgang mit digitalen Lernmedien eher gewohnt

Frage:Wie gut sind die oberbergischen Lehrer mit den technischen und pädagogischen Herausforderungen des Homeschoolings zurechtgekommen?

Jürgen Schäffler: Die jungen Kollegen sind schon aus dem Studium den Umgang mit digitalen Lernmedien eher gewohnt als die älteren. Aber wir alle haben Aufgaben in die Cloud gestellt und per Telefon und Webchat Fragen beantwortet. Das ist in der Oberstufe ziemlich unproblematisch. Die Schwierigkeiten ergeben sich eher beim Unterricht für die jüngeren Jahrgänge.

Frage: Es ist also nicht Standard, dass die Schüler zu Hause ein eigenes Zimmer mit eigenem Computer haben?

Jürgen Schäffler: Das darf man nur an Elitegymnasien voraussetzen. In Oberberg gibt es zwar keine sozialen Brennpunkte wie in Köln, wo die Kinder in der Schule auch erzogen werden müssen. Aber auch bei uns haben viele Familien nur einen einzigen Computer, und den brauchen die Eltern für ihre eigene Arbeit.

In einigen Haushalten gibt es keinen Drucker. Zudem haben die meisten Fünftklässler es noch nicht gelernt, in dieser Weise zu lernen und mussten ins kalte Wasser springen. Und das ist dann wieder eine besondere Herausforderung für die Lehrer.

Die Kollegen haben stundenlang über alle möglichen Kanäle die Kinder kontaktiert, aber die Kleinen oft nicht angemessen erreicht. Meiner Schätzung nach hat das Homeschooling bei einem Drittel der Fünftklässler gut funktioniert, bei einem weiteren Drittel so einigermaßen. Ein Drittel hat gar nicht mitgemacht.

Corona hat die Schwächen unseres Systems offengelegt

Frage: Ist zu befürchten, dass diese Schüler abgehängt wurden? Braucht es eine besondere Förderung?

Jürgen Schäffler: Natürlich. Aber auch und besonders in dem rollierenden System, in dem derzeit die Jahrgänge abwechselnd und in kleinen Gruppen unterrichtet werden, sind alle Kollegen gefordert. Corona hat die Schwächen unseres Systems offengelegt. Alles ist auf Kante genäht: Wir haben zu wenige Kollegen, zumal vielerorts nicht alle Stellen besetzt sind. Meine Gewerkschaft fordert schon lange eine Vertretungsreserve von zehn Prozent. Diese Lehrer könnten in der Förderung der Corona-Nachzügler eingesetzt werden.

Frage: Wie beurteilen Sie das Krisenmanagement des NRW-Schulministeriums?

Jürgen Schäffler: Das war zum großen Teil unglücklich. Am Freitagnachmittag die Vorgaben für die nächste Woche auszugeben – wie jetzt wieder beim Regelbetrieb für die Grundschulen – ist eine Zumutung für die Schulleitungen, die ohnehin Enormes leisten müssen. Natürlich muss das Ministerium auf aktuelle Entwicklungen in der Corona-Krise reagieren. Aber die Schulpolitik hätte sich auf solche Herausforderungen mit einer etwas großzügigeren Planung besser vorbereiten können. Dazu gehört eine bessere technische Ausstattung.

Ich habe jahrelang meinen privaten Laptop im Unterricht eingesetzt. Derzeit nutzen die Kollegen beim Unterrichten von zu Hause auch ihre private Technik – natürlich ohne dass der Datenschutz vernünftig geregelt wäre.

Ein Schüler kann eine ganze Klasse infizieren

Frage: Wie kann es nach den Ferien weitergehen?

Jürgen Schäffler: Ich gehe davon aus, dass ein normaler Betrieb in den weiterführenden Schulen nicht vor Januar möglich sein wird. Und auch hinsichtlich der Grundschulen bin ich äußerst skeptisch. Dieses Virus ist ja offenbar hochansteckend, ein Schüler kann eine ganze Klasse infizieren. Ich sehe nicht, dass die Abstandsregeln nach den Ferien aufgehoben werden können. Ich bin bei uns für die Studien- und Berufswahlvorbereitung zuständig.

Unter normalen Umständen würde ich jetzt die Termine für das kommende Schuljahr planen. Das liegt alles auf Eis. Ich werde in den nächsten Wochen alle Partnerbetriebe anschreiben und ihnen sagen, dass wir die Zusammenarbeit bei den Praktika fortsetzen wollen, auch wenn ich noch nicht weiß, wie.

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Frage: Was erwarten Sie von der Landesregierung?

Jürgen Schäffler: Wir brauchen seitens des Ministeriums dringend eine praxistaugliche Planung, wir brauchen Klarheit und Verlässlichkeit. Ein verlässlicher Rahmen ist besser als Vorgaben, die sich alle zehn Tage ändern. Die Kollegen können schnell umschalten, aber das System Schule als Ganzes ist nicht so beweglich. Ich würde es vorziehen, dass wir bis Dezember weitermachen wie bisher mit einem eingeschränkten Betrieb. Den Unterrichtsausfall muss man dann irgendwie kompensieren. Dafür kann man kreative Lösungen entwickeln. Ich selbst hatte in den 1960er Jahren ein Kurzschuljahr und habe das Abitur nach zwölf Jahren abgelegt. Aus mir ist dennoch ein guter Physiker geworden.