Der preisgekrönte Autor Thomas Lang liest aus seinem Buch „Melville verschwindet“ und spricht über Mensch und Tier, über Amerika und seinen Heimatort.
LesungZurück in der oberbergischen Seelenlandschaft

Bei der Lesung in der Thalia Mayerschen Buchhandlung in Gummersbach stellte der preisgekrönte Autor seinen neuesten Roman „Melville verschwindet“ vor.
Copyright: Siegbert Dierke
Eigentlich hätte er dem Buch gern den Titel „Walsturz“ gegeben, berichtet Thomas Lang. Der Begriff bezeichnet das Absinken eines Wals auf den Meeresgrund. Aber der Verlag hatte Bedenken. Mit dem Wort könne doch niemand etwas anfangen. Das war noch vor Timmy, der Walkuh, deren Strandung in der Ostsee das Leben und Sterben der großen Meeressäuger zum breit diskutierten Thema gemacht hat.
In der Fragerunde am Ende seiner Lesung in Gummersbach kommentiert Autor Thomas Lang (59) den Timmy-Hype als typisch für den entfremdeten Umgang des Menschen mit der Natur. „Ein Wal, der gewöhnt ist, sich frei durch den Ozean zu bewegen, wurde am Ende tagelang in einen Stahlkasten eingesperrt und durch das Meer gezogen. Das war unwürdig.“
Ein Wal, der gewöhnt ist, sich frei durch den Ozean zu bewegen, wurde am Ende tagelang in einen Stahlkasten eingesperrt und durch das Meer gezogen. Das war unwürdig.
Rund 30 Zuhörer hatte der Münchener Autor mit Wurzeln in Nümbrecht beim Heimspiel am Mittwoch in der Thalia Mayerschen Buchhandlung. Gastgeberin Elke Geldmacher berichtete in der Begrüßung, dass sie erst bei der Leipziger Buchmesse darauf aufmerksam wurde, dass der prominente Bachmann-Preisträger wie sie selbst aus Nümbrecht stammt. Daraufhin habe sie ihn dort gleich zu einer Lesung in ihrer Buchhandlung eingeladen. Die oberbergischen Lokalzeitungen präsentierten die Veranstaltung als Medienpartner. Redakteur Reiner Thies moderierte den Abend und befragte den Autor zwischen den Lesepassagen.
Bühnenerfahrung in Waldbröl gesammelt
Auch Langs neuer Roman „Melville verschwindet“ thematisiert das Verhältnis von Mensch und Tier, so wie es schon der Titelheld Herman Melville in bemerkenswert aktueller Weise getan hat. Der US-Autor hat 1851 mit „Moby-Dick“ ein Buch veröffentlicht, das heute als Grundstein des modernen Romans gilt. Thomas Lang glaubt, dass Melvilles komplexes Epos seiner Zeit so weit voraus war, dass man es fast „postmodern“ nennen könne. Der Klassiker bietet noch immer viele aktuelle Anknüpfungspunkte, führt Lang im Gespräch aus. Und sei es, dass die USA damals wie heute und eigentlich immer „ein Land im Krieg“ waren und sind.
Langs eigener Text ist ebenfalls keine seichte Unterhaltungslektüre und verlangt dem Leser Konzentration ab, bietet aber auch Spannung und Abwechslung. Der Autor ist ein fähiger Vorleser und spielt diese Vorzüge des Textes gekonnt aus. Da mag hilfreich nachwirken, dass er einst im Waldbröler Gymnasium bei Theateraufführungen seines Literaturkurses auftrat.
Der aktuelle Besuch in der oberbergischen Heimat ist mit einem Klassentreffen des Jahrgangs verbunden, der vor 40 Jahren am Hollenberg-Gymnasium das Abitur abgelegt hat. Auf Einladung des Gymnasiums hat Lang in dieser Woche auch vor Schülern gelesen. Zu den Zuhörern bei der Abendveranstaltung in Gummersbach gehören Langs Schwester und Bruder sowie frühere Nachbarn aus Nümbrecht-Alsbach, die Thomas Lang herzlich begrüßt.
Der Autor trägt Passagen vor, in denen von der pietistischen Frömmigkeit der Bevölkerung und von Borkenkäferschäden die Rede ist, sie könnten also durchaus in Oberberg spielen. Ein Eindruck, dem Lang nicht widerspricht. Die Herkunftsgegend sei für die meisten Menschen prägend, das Oberbergische bleibe für ihn eine sehr vertraute „Seelenlandschaft“, sagt Lang und scherzt: „Ich muss nicht hier herkommen, um etwas zu recherchieren.“
