Serie „Lebendiges Oberberg“: Der Gewöhnliche Flohkrebs zersetzt Laub, dient Parasiten als Wirt und mag keine Barrieren im Bach.
Orange Falle in OberbergWie ein Parasit Enten über Krebse erreicht

Die Durchlässigkeit der Agger ist heute Thema unserer Serie in Zusammenarbeit mit der Biostation Oberberg.
Copyright: Thies
Krebse im Oberbergischen: Mehr als Strandkrabbe und Edelkrebs
Bei Krebsen dürften viele zuerst an die Strandkrabbe (Carcinus maenas) denken, die uns an der Küste begegnet. Manch einer kennt womöglich weitere Arten aus der Gruppe der Zehnfußkrebse (Decapoda), die auch den heimischen Edelkrebs (Astacus astacus) und seine amerikanischen Konkurrenten, Signalkrebs (Pacifastacus leniusculus) und Konsorten, einschließt. Zu den Höheren Krebsen zählen aber auch heimische Vertreter, die fast jeder, der sich schon mal einen oberbergischen Bach genauer angeschaut hat, zu Gesicht bekommen hat: die Flohkrebse (Amphipoda).
Der Gewöhnliche Flohkrebs: Zersetzer im Bach
Der Gewöhnliche Flohkrebs (Gammarus pulex) ist neben dem Bachflohkrebs (Gammarus fossarum), der Fließgewässerbereiche mit stärkerer Strömung bevorzugt, in den Bächen und Flüssen Europas und Asiens und damit natürlich auch im Oberbergischen Kreis weit verbreitet. Als Teil des Makrozoobenthos (also der mit bloßem Auge sichtbaren Tieren des Gewässerbodens) lebt der ein bis zwei Zentimeter große Krebs auf der Sohle der Bäche und Flüsse inmitten des Substrates. Dort, versteckt zwischen Totholz und Laub, spielt er eine wichtige Rolle als Destruent, also als Zersetzer organischen Materials.
Wichtig für Stoffkreisläufe und als Nahrung für andere
Er frisst tote Pflanzenteile und zerlegt diese in seinem Verdauungsapparat in die Bestandteile, womit die Art eine wichtige Funktion für die Stoffkreisläufe in der Natur übernimmt. Darüber hinaus obliegt den Flohkrebsen das Schicksal, standardmäßige Nahrungsquelle für eine Vielzahl an Tieren zu sein. Und das macht den Flohkrebs zudem zu einem interessanten Opfer für noch kleinere Organismen: Er gilt als begehrter Zwischenwirt für viele Parasiten, so auch für den winzigen Kratzwurm Polymorphus minutus. Eigentlich möchte dieser Parasit in seinen Endwirt, eine Ente oder Gans, da er sich nur dort vermehren kann. Und um in den Vogelkörper zu gelangen, lässt er sich als Ei vom Flohkrebs mit der Nahrung aufnehmen. Biologen sprechen dann von trophischer Transmission. Die Kratzwurm-Eier schlüpfen im Verdauungstrakt des Krebses, durchbohren die Darmwand und wachsen in der Leibeshöhle des Zwischenwirts heran.
Orange als Signal: Wie der Kratzwurm zur Ente gelangt

Der Flohkrebs unterm Mikroskop.
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Um seine Transmissionschancen zu verbessern, also leichter in einen Entenkörper zu gelangen, färbt sich der Kratzwurm auffällig orange mit Karotinoiden, die er aus dem Flohkrebskörper aufnimmt und ansammelt. Die Farbe Orange ist für visuell jagende Fressfeine wie Enten im transparenten Körper der Flohkrebse gut sichtbar. Ob die parasitierten Flohkrebse zusätzlich häufiger helle Gewässerabschnitte aufsuchen, um noch leichter in den „Ent-“/Endwirt zu gelangen, ist Gegenstand einer aktuellen Studienarbeit, des Biologen Tobias Niggemann aus Bergneustadt.
Querbauwerke als unüberwindbares Hindernis
Für den Flohkrebs ist es wichtig, dass die Fließgewässer keine Querbauwerke, also größere Sohlschwellen, künstliche Wasserfälle oder dergleichen aufweisen. Ein Rohrdurchlass, der mit einem Abstand von nur wenigen Zentimetern in einen tiefer gelegenen Bachabschnitt führt, ist für die meisten kleinen Gewässerorganismen ein unüberwindbares Hindernis. Die oberhalb des Querbauwerkes gelegenen Populationen stehen dann für den genetischen Austausch nicht zur Verfügung.
Amerikanische Krebse bedrohen heimische Arten
Anders verhält sich das bei der vom Körperumfang viel größeren Verwandtschaft aus Amerika, die als invasive Arten über den „großen Teich“ gelangt sind. Amerikanischer Sumpf-, Kamber-, Kaliko- und Signalkrebs wurden durch den Menschen ausgesetzte oder sind aus Zuchtanlagen entflohenen und machen den heimischen Arten Stein- und Edelkrebs den Lebensraum streitig. Damit nicht genug, verbreiten sie die Krebspest, die voraussichtlich irgendwann die letzten verbliebenen Edelkrebse des Bergischen Landes dahinraffen wird.
Staumauer als letzte Bastion der Edelkrebse
Ironischerweise kann eine Staumauer die letzte Bastion sein, welche Edelkrebse im Oberbergischen Kreis schützt. Die Flohkrebse können hingegen gut auf solche Querbauwerke verzichten. Aber das Leben ist auch uns besonders kleine Tiere eben kein Wunschkonzert.
