Oberberg/Bonn – Im großen Schwurgerichtssaal des Bonner Landgerichts wurde es am Montag eng: In drei Reihen hintereinander saßen sechs Angeklagte, zwölf Verteidiger und fünf Übersetzer.
Wie eine kleine Armee waren die Anklagebänke bis in die Mitte des Saals vorgerückt, mit zahlreichen Plastik-Schutzschilden gegen Virenangriffe getrennt: Ihnen gegenüber zwei Vertreter der Staatsanwaltschaft Bonn, die sich gestern zu Eröffnung des Mammutprozesses gegen eine professionelle Autoknackerbande die Sprecherrollen geteilt hatten.
Drei Stunden allein dauerte die Verlesung der Anklageschrift mit über 100 Seiten – synchron von fünf Dolmetschern übersetzt, ein fast babylonisches Sprachgewirr.
Anklage in 86 Fällen – 2,31 Millionen Euro Schaden
Fünf Männer und eine Frau im Alter zwischen 22 und 50 Jahren müssen sich wegen schweren Bandendiebstahls und gewerbsmäßiger Bandenhehlerei verantworten. Zwischen September 2019 und September 2020 sollen sie als Mitglieder einer international besetzten Autodiebesbande mehr als 100 Luxuslimousinen – zumeist BMW- und Mercedes-Modelle – mit sogenannten Keyscannern geknackt haben.
Wegen des umfangreichen Verfahrens wurde die Anklage auf 86 Fälle beschränkt. Der Schaden der entwendeten Limousinen wird mit 2,31 Millionen Euro angegeben.
Mit einem simplen technischen Trick nutzte die Bande eine Sicherheitslücke bei den Autos aus, die mit dem schlüssellosen „Keyless Go System“ ausgestattet waren: Laut Anklage sollen die Täter zu dritt mit einem Pilotfahrzeug geeignete Objekte – vor allem im Oberbergischen Kreis und im nördlichen Rheinland-Pfalz – ausgekundschaftet haben. Zumeist waren es Einfamilienhäuser, vor denen die Limousinen geparkt waren.
Angeklagte nutzten schlüsselloses „Keyless Go System“ um die Autos zu knacken
Mit zwei Geräten, die an Walkie Talkies erinnern, stellte sich einer der Täter mit dem Key-Scanner in die Nähe des vermuteten Autoschlüssels, ein zweiter mit dem Car-Scanner in die Nähe des Autos. Dann wurde der Code des Schlüssels kopiert und an das Empfangsgerät am Auto weitergefunkt. Hierdurch ließen sich die Autotüren schlüssellos öffnen.
Und wenn alles klappte, sprang auch der Motor per Knopfdruck an. Die gehackten Fahrzeuge wurden in drei verschiedene Werkhallen gefahren, wo weitere Bandenmitglieder sie in Einzelteile zerlegt und an eine Hehlerbande verkauft haben sollen.
Als ab September 2019 im Oberbergischen die Fallzahlen der gehackten Autos sprunghaft angestiegen waren, hatte die Kreispolizeibehörde Gummersbach eine eigene Ermittlungskommission eingerichtet: Durch „akribische Fleißarbeit“ der hochengagierten Beamten, so ein Sprecher der Staatsanwaltschaft, konnten sie nach und nach das System der Bande knacken.
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Im September 2020 kam es, von Oberberg aus initiiert, zu einer Razzia mit 300 Polizeibeamten in NRW und Rheinland-Pfalz. Unter den acht Festnahmen waren auch die sechs Angeklagten.
Mittlerweile sind vier Angeklagte wieder auf freien Fuß: Im Vorfeld des Prozesses hatten sie Geständnisse abgelegt oder angekündigt, vor allem haben die beiden Haupttäter (29 und 31 Jahre) den Fall umfassend aufgeklärt. Für das Bonner Verfahren sind bis Oktober noch 15 Prozesstage angesetzt.


