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Lebensretter 1944 versteckten zwei Reichshoferinnen Martinus van Koeverden vor den Nazis

Auf einem alten Schwarz-Weiß-Foto stehen vier junge Männer in Anzug nebeneinander.

Gemeinsam mussten diese vier Freunde im Krieg nach Deutschland (v.l.): Rieneke van Koeverden, Cor de Jong, Martinus van Koeverden und Stef Saris.

Im Jahr 1944 haben zwei Frauen in Reichshof-Eckenhagen den Niederländer Martinus van Koeverden vor den Nazis versteckt.

Als Martinus van Koeverden das Haus der Familie Kühr erreicht, ist er dem Tod näher als dem Leben. Diphtherie und Typhus haben den jungen Niederländer gezeichnet, sein Körper ist ausgemergelt – von der harten Arbeit in einer Bochumer Fabrik, von der Flucht vor den Nazis im Winter. Tage lang ist er auf den Beinen gewesen, stets begleitet von der Angst, gefasst zu werden. In Eckenhagen bricht Martinus van Koeverden zusammen. Doch Hilfe ist nah.

Walburga Kühr und ihre 18 Jahre alte Tochter, die ebenfalls Walburga heißt, haben den Mann gesehen. Sie bringen ihn in das Haus an der heutigen Barbarossastraße. Er ist in Sicherheit, er überlebt. Die Frauen verstecken ihn in einem Heuschober und bringen sich damit in höchste Gefahr: Denn immer wieder suchen sich deutsche Soldaten dort ein Quartier. Im Winter 1944 geht der Zweite Weltkrieg dem Ende entgegen, bald erreichen die amerikanischen Streitkräfte Eckenhagen.

Erzählt worden ist die Geschichte des damals 20 Jahre alten Martinus van Koeverden aus Varik in der Provinz Gelderland und seiner Rettung bis heute nicht. Erst als seine Tochter Hanny, heute 67, und ihr Ehemann Bart Schoppers (65) im April vergangenen Jahres Urlaub in Dänemark machen und von dort die KZ-Gedenkstätte in Ladelund (Kreis Nordfriesland) besuchen, erzählen sie die Ereignisse von einst zum ersten Mal jemandem, der nicht zur Familie gehört: In Ehrenamtler Uwe Jacobs (69) finden sie bei Kaffee und Kuchen einen mehr als aufmerksamen Zuhörer. Und dieser tritt in Kontakt mit Gerhard Jenders, dem Vorsitzenden der Initiative „Oberberg ist bunt, nicht braun!“. „Denn diese Geschichte muss endlich ans Licht“, finden Jacobs und auch Jenders.

In der Drolshagener Ortschaft Brachtpe sitzt schließlich Stephan Feldmann an einem Küchentisch und erzählt von „Onkel Martin“: Der 62-Jährige ist einer der drei Söhne von Walburga Kühr (1926 –2006). Sie bleibt nach dem Krieg in Kontakt mit dem Niederländer, der vermutlich im August 1945 über Bergen op Zoom in seine Heimat zurückgekehrt ist. Sie schreiben sich Briefe, Anfang der 1950er Jahre reist Walburga Kühr zum ersten Mal nach Varik an der Waal. „Meine Oma und meine Mutter haben aus dem, was sie getan haben, nie eine große Sache gemacht“, erinnert sich Feldmann. „Irgendwann haben sie uns Kindern einfach davon erzählt.“

Porträt von Stephan Feldmann vor einem Fachwerkhaus.

Stephan Feldmann ist der Sohn von Walburga Kühr.

Zwischen den Familien der Eckenhagenerin und ihrem Ehemann Aloys Feldmann aus Iseringhausen, den Söhnen Stephan, Heiner (heute 66) und Christoph (69) sowie Martinus van Koeverden und Ehefrau Riek mit ihren Töchtern Hanny und Grada wächst eine tiefe, innige Freundschaft, die Kinder besuchen sich in den Ferien.

Diese Freundschaft besteht bis heute. „Und das hat begonnen in einer sehr schwierigen Zeit, nach dem Krieg war da lange noch sehr viel Hass“, sagt Stephan Feldmann. Mit Bart Schoppers hat er einen Herrenclub, „Die Whisk(e)y-Reisenden“, gegründet. „Gelegentlich nehmen wir am Abend ein Gläschen zusammen, wir sehen uns dann über WhatsApp.“

In der niederländischen Gemeinde Drachten (bei Groningen) haben Schoppers und van Koeverdens Tochter Hanny das Schicksal des Vaters aufgearbeitet und – so gut es eben geht – dokumentiert. „Martinus, sein jüngerer Bruder Rieneke, seine Freunde Stef Saris und Cor de Jong aus Varik wurden zum Arbeitseinsatz nach Deutschland gebracht“, berichtet Schoppers. Ein Foto zeigt die vier. „In der Zeit des Krieges haben sie sich aber aus den Augen verloren.“ Etwa 500.000 Niederländer im Alter von 17 bis 40 Jahren, so schätzt man heute, werden für die Zwangsarbeit rekrutiert.

Das Ehepaar Schoppers im nordfriesischen Ladelund.

Das Ehepaar Schoppers im nordfriesischen Ladelund.

Im Ruhrgebiet muss van Koeverden für den 1842 gegründeten „Bochumer Verein für Gußstahlproduktion“ schuften, in den Werken werden Radsätze und Räder für Schienenfahrzeuge und Transportmittel hergestellt. Im Juni 1943 kommt der Niederländer erstmals nach Deutschland, ein zweites Mal im August 1944, bis Februar 1945 soll sein Einsatz dauern. Schoppers: „Wir vermuten, dass er und die anderen dort jedoch Munition hergestellt haben.“

Einmal in der Woche müssen die Männer in einer anderen Fabrik antreten, den Weg dahin legen sie zu Fuß zurück. „Diese Gelegenheit haben Martinus und ein Freund Ende 1944, Anfang 1945 zur Flucht genutzt.“ In den Original-Akten aus jener Zeit findet sich hinter van Koeverdens Name in Schreibmaschinenschrift der Vermerk „ausgeblieben“. Nachzulesen ist das heute in den „Arolsen Archives“. Das International Center on Nazi Persecution, ansässig in der nordhessischen Stadt Bad Arolsen, führt Online-Datenbanken über Menschen, die von den Nationalsozialisten verfolgt worden sind.

Martinus van Koeverden und sein Gefährte laufen der Nase nach – „und leider nicht nach Hause, sondern in die falsche Richtung“, sagt Bart Schoppers. Irgendwann, irgendwo trennen sie sich. „Was aus dem anderen Mann geworden ist, das wissen wir nicht.“ Und auch das Schicksal von van Koeverdens Bruder Rieneke ist bis heute nicht geklärt: „Wir wissen nur, dass er keine 27 Jahre alt geworden ist.“

Als Martinus van Koeverden am 27. März 1986 stirbt, ist er ein schwerstkranker, gebrochener Mann. Nach der Rückkehr arbeitet er zunächst auf dem Hof der Eltern. Er trinkt zu viel, raucht zu viel. „Er litt an Lungenkrebs und dann an Bauchspeicheldrüsenkrebs“, sagt Bart Schoppers. Über die Zeit in Deutschland habe er selten ein Wort verloren. „Einmal sprach Martin plötzlich sehr ausführlich – wir alle hatten da viel getrunken.“ Aber das meiste seiner Geschichte liege auch heute noch im Dunkeln. Und Schoppers Frau Hanny sagt: „Eigentlich weiß ich nicht, wer mein Vater wirklich war.“