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Gift, Nazis und Erben Manfred Schneider macht Waldbröl zum Tatort

Ganz schön trist gerät das Waldbröl in Manfred Schneiders „Die Katze schleicht“. Auch die Kaiserstraße bekommt ihr Fett weg.

Ganz schön trist gerät das Waldbröl in Manfred Schneiders „Die Katze schleicht“. Auch die Kaiserstraße bekommt ihr Fett weg.

Waldbröl – Ob er Kritik vertragen kann? Manfred Schneider grinst. „Bestimmt“, sagt er, „obwohl sonst ja ich es bin, der über Bücher spricht.“ Denn Professor Dr. Schneider ist Literatur- und Medienwissenschaftler. Er studierte Germanistik, Romanistik, Musikwissenschaft und Philosophie in Freiburg. Nach seiner Habilitation wurde er Professor für Neuere deutsche Literatur an der Uni Essen. 1999 wechselte er an die Ruhr-Uni Bochum, wo er bis 2012 einen Lehrstuhl für Neugermanistik, Ästhetik und literarische Medien innehatte.

Aber jetzt ist Schneider (77) unter die Krimiautoren gegangen. Vor allem dort, wo seine Handlung spielt, könnte das nicht nur auf Gegenliebe stoßen. Denn es ist recht grau geraten, dieses Waldbröl, in dem Schneider seinen Plot platziert hat. Und der hat es in sich: Der Bürgermeister wird tot in einem Aufzug im Seniorenheim gefunden. Später stellt sich heraus, dass er vergiftet wurde. Was hat das Testament der 100-Jährigen damit zu tun, die der Stadt viel Geld hinterlassen will, wenn sie an die Opfer des Nationalsozialismus erinnert? Hat ein ominöser „Freundeskreis Robert Ley“ den Bürgermeister, der mit einem jungen, aus Afghanistan geflüchteten Mann verheiratet ist, auf dem Gewissen, wie er im Internet und in einem Schriftzug an der Friedensmauer behaupten? Oder sind es doch die Erben der 100-Jährigen?

Nicht nur, dass es in Schneiders Waldbröl fast immer regnet. Oder dass die Kaiserstraße, über die die Polizistin in einer Regenpause schnell zur Dienststelle läuft, ihr Fett als wenig einladende Einkaufsstraße weg bekommt. Auch politisch ist die Lage kompliziert: Da gibt es eine rechte Mehrheit im Rat, die weder mit Engagement und Lebenswandel des Bürgermeisters noch mit dem Testament der 100-Jährigen etwas zu tun haben will. Und dann sind da die Spuren der Vergangenheit aus dem Nationalsozialismus. Schneider verwebt seine natürlich fiktive Handlung dabei so eng mit der Realität und geschichtlichen Wahrheiten, dass einem das ein oder andere Mal das Schmunzeln im Halse stecken bleibt – bis hin zu Ergebnissen in einzelnen Wahlkreisen der Stadt, die es wirklich gegeben hat.

Schneider kennt Waldbröl genau

Man merkt: Schneider kennt Waldbröl genau. Der 71-Jährige, 1944 im oberschlesischen Gleiwitz geboren und danach erst in Düsseldorf aufgewachsen, hat am Hollenberg-Gymnasium Abitur gemacht. „1958 bin ich bin mit meinen Eltern nach Brüchermühle gezogen, später nach Denklingen.“ Dort hätten seine Eltern bis in die 90er Jahre gelebt. Auf die Frage, warum sein Waldbröl so schlecht wegkommt, sagt er – fast entschuldigend: „Ich bin als 14-Jähriger aus einer Großstadt in ein winziges Dorf gezogen. Das hat mir einiges an Schmerzen bereitet.“ Hat er es deshalb im Buch nie beim Namen genannt, sondern nur die Umgebung wie Morsbach, Nümbrecht oder Gummersbach? „Stimmt“, sagt er.

Kontakt in die kurzfristige Heimat behielt er vor allem durch Deutschlehrer Dr. Friedhelm Henrich, der 2015 verstorben ist: „Er hat eine große Rolle gespielt bei meiner Orientierung zur Literatur.“ Um dessen Witwe, die vor kurzem gestorben sei, hätten er und andere Mitschüler sich noch gekümmert.

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Ernstgenommen wissen will Schneider die historischen Fakten hinter seiner Fiktion, vor allem was die NS-Vergangenheit angeht. „Der historische Hintergrund rund um Robert Ley ist bis in die Details völlig korrekt dargestellt.“ Das sei ihm wichtig: „Ich gehöre zur Generation, deren Väter in die Nazi-Herrschaft verstrickt waren.“ Als er Ende der 50er Jahre nach Waldbröl kam, sei er schockiert gewesen über die Vorgeschichte von Lehrern, aber auch von anderen Eltern. „Ich hatte einen Mitschüler, dessen Vater als SS-Hauptsturmbannführer wegen Kriegsverbrechen in Belgien zum Tode verurteilt wurde.“ Auch Eltern von Freunden, mit denen er Fußball spielte, seien eng verstrickt gewesen. Und es sei erstaunlich gewesen, wie diese Väter immer noch auftraten „und das zum Teil auch in sehr frecher Form“. „Das hat mich als Jugendlichen sehr berührt und nicht losgelassen.“

Die erste Kritik aus der alten Heimat ist angekommen. Kurz nachdem das Buch im April erschienen war, sei im Internet bei Amazon eine Rezension aufgetaucht. Doch es geht nicht um Politik. Kritisiert wird, wie der Autor in Mundart geschrieben hat. Das sei nicht wirklich oberbergisch. Schneider lacht und sagt: „Da hat derjenige Recht.“

Manfred Schneider, Die Katze schleicht, 269 Seiten, Transit-Verlag, 20 Euro.