Schöne neue Welt? Oberbergs Musiker und Produzenten setzen Künstliche Intelligenz gar nicht bis nur vorsichtig ein.
Künstlicher ProduzentWie Musiker in Oberberg mit KI umgehen

Produzent und Musiker Robert Schuller in seinem Artfarmstudio in Wiehl-Drabenderhöhe: Bei seinem Test mit Künstlicher Intelligenz erlebte er eine böse Überraschung.
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Alex Burow alias Elvis Massimilio Maserarti, Gitarrist und Bassist der Engelskirchener Stimmungsband Tacheles, freut sich auf die letzte Woche im März. Kaum sind „Kamelle“-Rufe in Oberberg verklungen, heißt es schon wieder „Alaaf!“ in der kölschen Woche im österreichischen Hintertux. Die Hits, die über den Gletscher schallen, seien alle „handgemacht“, versichert der Musiker. „Alles andere würde uns das Publikum nicht verzeihen. Stimmung entsteht in der Wechselwirkung. Und man merkt, ob etwas selbst entworfen oder mit Hilfe künstlicher Intelligenz komponiert wurde.“
Aber ist es wirklich so einfach? Kaum jemand gibt zu, dass der eigene Text mit digitaler Unterstützung vertont wurde, wie der Wiehler Rathaussprecher Volker Dick anlässlich des Rathaussturms an Weiberfastnacht (wir berichteten). Dabei liebäugeln auch Profis mit der verführerischen, KI-erzeugten Perfektion.
Ein faszinierendes Werkzeug
„Seit etwa einem halben Jahr kommen vermehrt Kunden mit KI-Spuren“, berichtet der Produzent und Musiker Robert Schuller. Seit den 1990er Jahren produziert er in seinem Artfarmstudio in Drabenderhöhe Rock und Pop, Country, manchmal Metal. Gerade habe er einer Band sogar geraten, ihre Texte mal von KI überarbeiten zu lassen. „KI ist kein Feind, sondern ein faszinierendes Werkzeug. Da sind super Sachen möglich. Ich brauche Streicher – und schon habe ich ein ganzes Orchester zur Verfügung.“ Er selbst hat es mit einem eigenen Stück ausprobiert.
„Ich habe meinen besten Song hochgeladen und bearbeiten lassen.“ Zwei Tage später die böse Überraschung: „Ich habe ihn auf Youtube entdeckt. Man gibt die Rechte auf, jeder hat Zugriff, jeder darf es remixen, die KI darf es benutzen. Für Hobbymusiker ist das nicht so ein Problem, aber im professionellen Bereich möchte man sein Werk schließlich nicht preisgeben. Viele wissen das nicht. Und auch wenn nur eine Spur mit KI erzeugt ist, bekommt das Stück ein ,Wasserzeichen', einen digitalen Stempel, dass es KI generiert ist.“ Welcher Künstler möchte das schon?
„Primitive Untermalung von Emotionen“
„Vor einer Woche habe ich aus Quatsch eine Melodie geschrieben, um die Möglichkeiten zu checken“, erzählt Markus Remmel, in der Engelskirchener Band Lossjonn zuständig für Gesang, Akkordeon, Harp und Bass. Was dabei heraus kam, sei eine „primitive Untermalung von Emotionen gewesen, ein Einheitsbrei mit 100 Ballermannsongs als Vorlage“. Die eigene musikalische Handschrift – das schaffe keine KI. Er schildert den kreativen Prozess, wie sie in der Band an Entwürfen basteln, bis im August die Auswahl für die nächste Karnevalssession „steht“ – mit der Hoffnung auf einen Titel, der es in die Hitparaden schafft. Auch Alex Burow von Tacheles räumt ein, dass er für das Stück „Auf dem Deckel ist noch Platz“ mal ausprobiert hat, wie es mit KI klingt. „Ich hab dann alles in die Tonne gekloppt und wir haben es selbst gemacht.“
„Ich verstehe den Ärger der Künstler über KI-Konkurrenz “, meint Produzent Schuller. „Sie bringen viel Energie ein, manche haben ein Leben lang geübt, früher ließen sie sich beim Notar ihre Ideen patentieren. Die KI kostet nichts, wer auf Urheberrechte pocht, müsste vor Gericht klagen.“ So könnten auch Leute, die kein Instrument spielen und nicht singen können, Spotify mit ihren Werken überschwemmen. „Es wird immer mehr und lässt sich nicht aufhalten.“
Ob er mit seinem Studio die Konkurrenz aus dem Rechner fürchtet? Nein, sagt er. Für Produktvideos oder Gebrauchs-Jingels – etwa für Telefonwarteschleifen – nutze er die Programme gern. Und auch beim Mastering, dem Feinschliff beim Mix einer Aufnahme, sei sie perfekt. Aber wer zu ihm komme, wolle in der Regel selbst singen – wie die Karnevalisten aus Bielstein und aus Ründeroth, die gleich mit dem ganzen Karnevalsverein als Chor anrückten.
„Da geht es um das Gemeinschaftsgefühl.“ Die Avatare bei Abba seien ja als Gag ganz nett, findet Alex Burow. Aber die Gefühle, die echten, gäbe es nur bei der Livemusik! Und Markus Remmel von „Lossjonn“ lässt sich zwar das neue Badezimmer von KI entwerfen, aber nicht den Song, der die Geschichte seiner Ehe erzählt: „Wie ich mich in die Frau fürs ganze Leben verliebt habe – das schafft keine KI!“

