Die Klimafreunde Rhein-Berg setzen sich für eine schonende Waldpflege ein statt intensiver ökonomischer Nutzung. Waldexperte Lutz Fähser stellt sein „Lübecker Modell“ vor.
Bergisch GladbachNaturschützer wollen Lerbacher Wald einfach mal in Ruhe lassen

Einige der ältesten Eichen und Buchen im Lerbacher Wald in Bergisch Gladbach säumen den Wanderweg. Eine Oase an heißen Tagen.
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Unter dem Druck des Klimawandels setzen sich die Klimafreunde Rhein-Berg für eine extensivere und schonendere Bewirtschaftung des Lerbacher Waldes ein. Dabei setzen sie auf den radikalen „Lübecker Modell“ genannten Ansatz von Lutz Fähser, den Wald sich weitgehend selbst zu überlassen. Die Hauptfrage für die Stadt als Waldbesitzer dürfte werden, ob sie die Konzepte ökonomisch überzeugen.
Wer an heißen Sommertagen wie zuletzt mit über 40 Grad den Lerbacher Wald betritt, erfährt sofort Abkühlung. Das dichte Kronendach der Bäume schirmt die Sonne ab, am Boden liegendes Totholz speichert Feuchtigkeit, eine echte Wohltat. „Je mehr wir den Wald in Ruhe lassen und je älter er wird, desto widerstandsfähiger wird er gegen Trockenheit, Stürme und Insekten. Und das verträgt sich nicht mit einem steigenden Nutzungsdruck“, sagt Dr. Arne Hofmann.
Wir betrachten das Waldgebiet als ökologische Ressource und als Naherholungsgebiet für die Stadt
Mit dabei bei dem kleinen Rundgang sind außerdem Johanna Selle und Heike Häusler, alle drei Mitglieder der AG Wald des Vereins Klimafreunde Rhein-Berg, der sich mit dem Bergischen Naturschutzverein und der Regionalgruppe vom BUND vernetzt hat, in der Hoffnung auf konstruktive Gespräche mit der Stadt.
„Wir betrachten das Waldgebiet als ökologische Ressource und als Naherholungsgebiet für die Stadt und nicht als landwirtschaftliche Plantage“, betont Häusler. Die Abwinde in der Nacht würden an heißen Tagen für Abkühlung im Hitzespot Innenstadt sorgen. „Als Arzt kann ich nur warnen. Wenn die Temperaturen nachts längere Zeit nicht auf 20 Grad runtergehen, wird es vor allem für ältere Menschen gefährlich.“
Für Hofmann ein triftiger Grund, warum es in Zukunft mehr um den Walderhalt gehen müsse als um die Wirtschaftlichkeit des Forstes. Schon einzelne kahle Stellen verkrafte die Natur nicht: „Eine kleine Lichtung reicht schon aus, um Bäume anfällig für Hitze, Schädlinge und Pilze zumachen.“

In einer Mulde bildet sich ein Sumpf und sorgt für Feuchtigkeit.
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Das Ende 2025 vom Stadtrat beschlossene Leitbild zur nachhaltigen Bewirtschaftung des Lerbacher Waldes greift aus Sicht der Naturschutzorganisationen zu kurz. Den Kauf von 240 Hektar Grundbesitz von der Familie von Siemens im Dezember 2023, dazu gehört der Lerbacher Wald, hatte die Stadt zum Anlass genommen, sich beim Naturschutz neu aufzustellen. Festgelegt wurde, dass zentrale Akteure, die sich für Naturschutz einsetzen, bei der Erarbeitung eines Konzepts eingebunden werden sollen.

Totholz speichert Feuchtigkeit.
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„Aktuell findet keine intensive wirtschaftliche Nutzung des Waldes statt“, stellt die Stadtverwaltung auf Anfrage klar: Das Leitbild für den städtischen Wald habe die Politik beschlossen. Ergänzungen oder Änderungen des Leitbildes seien möglich. Aber: „Jegliche Änderung des bestehenden Waldbildes muss im Nachgang von der Politik beschlossen werden“, betont Stadtsprecher Patrick Ortmanns.
Es geht jetzt weiter hinein in die schattige Welt aus Blättern, Moosen, Gräsern und Bäumen. Manche, wie die Eichen an der Stele, die den Mittelpunkt der Stadt markiert, sind wahre Riesen. „Hier haben wir überall Naturverjüngung, nichts ist gepflanzt“, sagt Häusler.“ Sie deutet auf die Bäumchen, zentimeterklein, die aus der Erde ragen, „die wachsen von ganz allein, da muss man nichts säen.“ Dies ist auch die Hauptbotschaft von Lutz Fähser und seinem Lübecker Modell: Der Wald brauche keine Pflanzungen. Gebe man ihm Zeit, schaffe es der Laubmischwald ganz allein.

Der Klimawandel beschäftigt Heike Häusler, Arne Hofmann und Johanna Selle (v.l.) von den Klimafreunden Rhein-Berg schon lange.
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Der Einsatz von Harvestern, diesen schweren Erntemaschinen, ist tabu. „Sie verdichten den Boden“, erklärt Hofmann. Andere Verfahren könnten genutzt werden. Mit Seilwinden oder durch Pferde könnte ein Baum zum Waldweg gebracht werden. Weitere Prinzipien des „Lübecker Modells“ legen fest, Holz nur durch die gezielte Fällung von Altbäumen zu ernten, Umstieg auf Bäume aus anderen Klimaräumen wird abgelehnt. Künstlich nachgepflanzt werden sollte ausschließlich mit heimischen Baumarten.
Wie die Stadt mitteilt, erwirtschafte sie mit ihrem Wald keinerlei Gewinn. „Im Gegenteil stehen für das Jahr 2026 geschätzte Ausgaben in Höhe von 368.000 Euro Einnahmen von 182.000 Euro gegenüber“, berichtet Ortmanns.
Aufforstungen kosten viel Geld. Dabei schaffen es viele Pflanzen in Schonungen gar nicht, Wurzeln zu fassen – trotz Wachstumsschutzhüllen. Dies sieht man auf einer vor etwa sieben Jahren gepflanzten Plantage von mehreren hundert Laubbäumen hinter dem Kreishaus. Viele Bäume dort sind festverwachsen mit der Plastikhülle, andere sind nicht angegangen. Selle zieht zum Beweis ein verdorrtes Stöckchen aus dem Schutzmantel heraus, was einmal eine Buche werden sollte.
Man müsse ja nicht alles auf links drehen. „Aber es gibt ein paar Punkte, über die es sich lohnt zu reden“, sagt Häusler. Die Verwaltung kündigt ein offenes Beteiligungskonzept im Spätsommer an.Hier seien alle Bürger herzlich eingeladen eine schriftliche Stellungnahme abgeben.
Waldexperte stellt sein „Lübecker Modell“ vor
Dr. Lutz Fähser kommt im September nach Bergisch Gladbach, um sein Lübecker Konzept vorzustellen – auf Einladung von Bergischer Naturschutzverein, Klimafreunde Rhein-Berg und Kreisgruppe RBK des BUND. Bei der Veranstaltung geht es darum, Leitgedanken zu finden, wie im Lerbacher Wald ökologische und betriebswirtschaftliche Ziele miteinander vereinbart und dabei die vorhandenen Ökosysteme geschützt werden können.
23 Jahre lang leitete Waldexperte Fähser das Forstamt der Stadt Lübeck. Er ist Entwickler eines vielfach ausgezeichneten Konzepts der naturnahen Waldbewirtschaftung. Seine Strategien wurden von 20 deutschen Großstädten für ihren Stadtwald übernommen, darunter Düsseldorf und Bonn. Im Anschluss an seinen Vortrag findet eine Diskussion statt: Dienstag, 15. September, 19 Uhr, Großer Sitzungssaal des Kreishauses, Am Rübezahlwald 7, Bergisch Gladbach. Der Eintritt ist frei. (ub)
