Rhein-Berg – Angelika A. (Name geändert) wusste nicht mehr ein noch aus, solche Sorgen hat sie sich um ihren pflegebedürftigen 98-jährigen Vater gemacht. Die Betreuungskraft aus Polen konnte nicht nach Deutschland einreisen. „Unsere Anna sollte nach einer sechswöchigen Pause zurückkommen. Aber sie kam nicht über die Grenze.“
Die Rösrather Familie war verzweifelt und wusste nicht, wie sie das Problem lösen sollte. Denn Angelika A. (63) lag nach einer Operation am Rücken im Krankenhaus, ihr Mann war ebenfalls krank. Keiner von beiden hätte einspringen und sich um den Vater kümmern können. Er wohnt mit fast 99 Jahren in seinen eigenen vier Wänden, benötigt aber eine Versorgung rund um die Uhr: „Er kann nicht alleine aufstehen, sich anziehen oder essen“, erzählt die Tochter.
Bei Rückkehr in Quarantäne
Dazu kam, dass Pflegekraft Sandra, die zurzeit vor Ort war, dringend zurück nach Polen zu ihrer kleinen Tochter wollte und zudem in der Heimat die Zusage für einen neuen festen Job hatte. Aber bei der Rückkehr in die Heimat hätte auch eine große „Falle“ gedroht: Dort muss nämlich eine vierzehntägige Quarantäne befolgt werden.
Diese Zwangspause fürchten nicht nur Betreuungskräfte, sondern vor allem ihre Fahrer und stellen ihren Dienst ein. „Unsere Anna hat absolut keinen Bus mehr bekommen“, berichtet Angelika A., „unsere Not war wirklich groß.“Denn es wäre schwierig gewesen, eine Alternative zur häuslichen Betreuungskraft zu finden - auch ohne Corona-Krise. Kurzzeitpflege-Einrichtungen und Seniorenheime sind sowieso voll belegt und die Krankenhäuser jetzt auch. „Ein riesiges Dilemma. Ich hätte doch meinen Vater nicht alleine lassen können.“
Das sagt eine Vermittlungsagentur
„Im Moment können wir die Versorgung unserer Kunden sicherstellen“, sagt Volker Koenn, Leiter des Düsseldorfer häuslichen Pflegedienstes Promedica Plus, einer Vermittlungsagentur für Betreuungskräfte aus Osteuropa mit 110 Franchise-Unternehmen in Deutschland und Zweigstelle in Warschau. Sein Unternehmen arbeite mit 8000 festangestellten Betreuungskräften, die im Besitz von Passierscheinen seien. Er vertraue darauf, dass das so bleiben werde, „sonst haben wir hier ein Riesenproblem.“
Koenn macht aber auch auf die Probleme kleinerer Agenturen aufmerksam, die mit Vermittlungsagenturen in Polen zusammenarbeiten. „Die betroffenen Mitarbeiter sind verunsichert, weil sie nicht wissen, ob der Grenzübergang wie bisher als Dienstreise geduldet wird und reibungslos verläuft.“ Koenn wünscht sich, dass Betreuungskräfte, die die Corona-Virusinfektion schon überstanden haben, dies mit einem Schnelltest nachweisen können, damit ihnen die Quarantäne erspart bliebe.
Nur durch großes Entgegenkommen – der Vermittlungsagentur und vor allem der beiden Betreuerinnen Sandra und Anna – habe das Problem gelöst werden können. Angelika A. ist sehr dankbar: „Die beiden Frauen haben uns nicht im Stich gelassen, weil wir uns schon so lange kennen.“ Sandra verlängerte ihre Zeit in Rösrath. Und Anna arbeitet derzeit bei einer anderen Familie in Leverkusen.
Wie sie es geschafft hat, rüberzukommen, weiß Angelika A. nicht, sie konnte noch nicht mit ihr sprechen. Aber die Rösratherin mache sich jetzt schon Sorgen, dass Sandra in sechs Wochen tatsächlich ausreisen könne, damit sie ihren Job nicht verliert: „Ich habe ein ganz schlechtes Gewissen.“
